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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Geschenk des Himmels

© Dirk Christofczik


Aufgeregt schob Eyk Wolters die Gardine ein Stück zur Seite und warf einen vorsichtigen Blick auf den Eingangsbereich seines Hauses. Die erste Kundin war ein paar Minuten zu spät, doch jetzt war sie da und donnerte mit der Faust gegen die Haustür. Einen Augenblick dachte Eyk daran, nicht aufzumachen, die ganze irrwitzige Geschichte zu vergessen und ein paar Tage zu seiner Schwester in die Stadt zu fahren, bis sich niemand mehr für sein Angebot interessierte.
"Guten Tag, Frau Rensing!", sagte Eyk, nachdem er sich entschieden hatte, die Tür zu öffnen.
Er erhielt nur eine Art Grunzen als Antwort, das Eyk mit viel Fantasie als "Tag" interpretierte. Die Frau trat unaufgefordert ein, dabei streifte sie ihren Gastgeber mit dem Ellbogen an der Brust, sodass er Mühe hatte, das Gleichgewicht zu bewahren.
Eyk kannte seine erste Kundin aus dem Dorf, wo sie zusammen mit ihrem Mann die örtliche Metzgerei betrieb. Frau Rensing war füllig, sehr füllig, und genau das war der Grund, warum sie heute in seiner Diele stand.
"Wo ist denn nun dieser Zauberstein?", fragte sie. In der Hand hielt sie noch eines der Flugblätter, die er überall im Dorf verteilt hatte. Ungeduldig ließ Frau Rensing ihren Blick durch die Diele streifen, dann machte sie einen Schritt nach vorn, wobei das Laminat unter ihrem Gewicht zu stöhnen begann.
"Es ist kein Zauberstein, eher ein heiliger Stein!"
"Is mir egal, Hauptsache ich nehme ab!"
"Das werden Sie!", log Eyk. "Dieser Stein ist ein Vermächtnis eines alten Indianerhäuptlings", fuhr er fort. "Einer seiner Nachfahren hat in mir geschenkt, weil ich ihm während meiner letzten Bergtour in den Rocky Mountains das Leben gerettet habe, als er in der Wildnis in eine Bärenfalle getreten war und zu verbluten drohte. Dieser Stein wirkt auf Körper und Geist. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie das Fett bei vielen Frauen zu schmelzen schien. Das können Sie mir glauben!"
Die Geschichte mit dem Indianer war natürlich frei erfunden. Eyk war noch nie weiter als bis Holland, aber er hielt es für besser geheim zu halten, dass es sich bei dem Stein um einen Meteoriten handelte, der vorige Woche mitten in der Nacht ein stattliches Loch in seinen Rasen gerissen hatte. Lange hatte er überlegt, wie er Kapital aus diesem Fund schlagen könnte, und erst als er beim Arzt die Klatschmagazine durchblätterte, kam ihm die Idee, ein paar verzweifelten Hausfrauen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
"Ich glaube nur meiner Waage und die zeigt 140 Kilo. Aber ich wills probieren. Wo ist dieser Brocken?"
Eyk zwängte sich durch den schmalen Spalt zwischen der Metzgerin und der Dielenwand. Er trat in das Wohnzimmer und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den kleinen Hocker, den er auf dem Sperrmüll gefunden hatte. Die alte Häckeldecke seiner Mutter diente als Auflage, darauf hatte er eine alte Porzellanschüssel gestellt, die dem Stein als Ablage diente.
"Das ist er.", flüsterte er geheimnisvoll.
Frau Rensing hatte sich mittlerweile in das Wohnzimmer bewegt. Jetzt stand sie ein paar Schritte von dem Hocker entfernt und fixierte den Stein mit großen Augen. Eyk beobachtete sie. Als er den Puderzucker in den Barthaaren unter ihrer Nase entdeckte, musste er sich zusammennehmen, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Wahrscheinlich hat sie im Auto noch einen letzten Berliner verschlungen, dachte er amüsiert und erinnerte sich an seine letzte gierige Zigarette, bevor er den Antirauchkurs besuchte hatte. Ein Windhauch und die wurstigen Finger seiner Kundin, die mit einem Einhundert Euro Schein vor seinen Nase wedelte, holte ihn zurück in sein Wohnzimmer.
"Hier is dat Geld, sagen se mir wat ich machen soll."
"Gut, meine Liebe!", murmelte Eyk, während er sich den Schein griff.
Die ganze Prozedur dauerte keine zwei Minuten. Er platzierte die Metzgerin auf einem Sessel direkt vor dem Hocker mit dem Stein. Eyk zog die Vorhänge vor das Wohnzimmerfenster und dimmte das Licht herab, dann setzte er sich ihr gegenüber und begann leise zu summen. Ein paar indianische Gesänge, die aus nichts anderem als einem zusammengewürfelten Kauderwelsch bestanden, geschlossene Augen und ein seltsames Kopfzucken waren der Hauptbestandteil des Rituals. Schließlich nahm er die voluminösen Hände der Metzgersfrau. Vorsichtig legte er sie auf den Stein. Im Halbdunkel war der Gesteinsbrocken mit seiner schwarzen Oberfläche und den winzigen Löchern, die Eyk an den Bimsstein seiner Großmutter erinnerte, kaum zu erkennen. Nachdem der Meteorit in seinem Garten gelandet war, hatte er zunächst eine Heidenangst, sich dem Stein zu nähern. Erst als seine Katze anfing an der Oberfläche zu schnüffeln und von keiner fleischfressenden, außerirdischen Lebensform verschlungen wurde, hatte er sich näher heran getraut.
"Dat war allet?", murmelte Frau Rensing enttäuscht, nachdem Eyk sie angewiesen hatte ein paar Mal über den Stein zu streicheln.
"Eine kurze Berührung des Steins genügt. Sie werden sehen, wie sich ihr Geist und ihr Körper verändern werden."
"Papperlapapp! Mein Geist is mir schnuppe, wenn nur dat Fett wech geht. Wehe dat funktioniert nich, dann hol ich mir die Knete zurück."
Eyk musste schlucken. Seine Idee schien brillant, zumindest bis hierher. Was passieren würde, wenn eine ganze Horde Weiber vom Format der Metzgersfrau wütend vor seiner Tür stehen würde, war nicht Bestandteil seiner Planungen gewesen.
In den nächsten Tagen gaben sich die Frauen aus dem Dorf bei Eyk die Klinke in die Hand. Manche waren dick, andere fett und viele wirkten überhaupt nicht übergewichtig, doch trotzdem wollten sie alle das eine: Abnehmen! Die Kassiererin aus dem Spar-Markt, die aussah als würde sie Vorräte für den Winter in ihren Backen hamstern, erzählte ihm, dass sie von Trennkost bis Eierdiät alles ausprobiert hätte. Ohne Erfolg, das konnte man sehen. Das sie fast ständig mit einem Twix oder einer Schokolade wie das Michelinmännchen hinter ihrer Kasse sass, verschwieg sie natürlich. Von der propperen Friseurin mit den strähnigen Haaren bis zur aufgetakelten Helferin seines Zahnarztes erkauften sich alle eine kurze Berührung des Fett-Weg-Steins. Innerhalb einer Woche hatte Eyk fast 2000 Euro verdient. Alles lief perfekt, bis zu dem Tag, als jemand wie mit einer Dampframme an seiner Tür klopfte.
Eyk öffnete die Tür und sah sich Frau Rensing gegenüber. Er konnte nur mühevoll einen Schrei unterdrücken und wollte ihr gerade versichern, dass sie ihr Geld natürlich problemlos zurückbekommen würde, als sich die keulenartigen Arme der Frau wie Greifer um ihn legten. Frau Rensing bewegte ihren Kopf nach vorn, spitzte ihre fleischigen Lippen zu einer Schnute und küsste Eyk mitten auf den Mund.
"Sieben Kilo, sieben Kilo in einer Woche!", schrie sie ihm entgegen, dabei küsste sie ihn immer wieder.
Eyk schaffte es mühsam, sich aus der Umklammerung zu befreien. Er setzte sein charmantestes Lächeln auf und sagte: "Sehen Sie, der Stein hat magische Kräfte!"
"Ja, ja, ich habe die ersten vier Tage tatsächlich vierzehn Pfund abgenommen." Ihre Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung.
Eyk musterte sie unauffällig, konnte aber keine Veränderung an der Metzgersfrau erkennen.
"Das ist nicht zu übersehen, meine Liebe!", log er sie an.
Die Miene von Frau Rensing verfinsterte sich mit einem Mal und wulstige Falten bildeten sich auf ihrer schweißnassen Stirn.
"Aber et gibt ein Problem", sagte sie nachdenklich.
Eyk musste schlucken.
"Ähm, ein Problem?"
"Jo! Inne letzten drei Tagen hab ich nix mehr verloren."
"Aha!"
"Ich habe nachgedacht", fuhr die Metzgerin fort. "Wahrscheinlich muss man den Klumpen öfter berühren."
Eyk zögerte nicht eine Sekunde mit seiner Antwort.
"Das kann durchaus sein!"
Lief das Geschäft in der ersten Woche gut, klingelte ab diesem Tag die Kasse wie ein Windspiel im Wirbelsturm. Alle seine Kundinnen begannen eine Zeit lang abzunehmen, stagnierten dann bei ihrer Gewichtsreduktion und schütteten Eyk daraufhin mit Hundertern zu, um immer wieder den Stein in seinem Wohnzimmer zu berühren. Innerhalb von sechs Wochen hatte er ein kleines Vermögen verdient. Doch die Geldmittel der Damen waren endlich und es kam der Tag, an dem die Goldquelle zu versiegen begann.
Eine Weile konnten die Frauen ihre Gier nach Schlankheit noch mit den Erlösen aus den Verkäufen ihrer Ringe, Uhren und Ketten finanzieren.
Metzgerin Rensing war die Erste, die vor ihm kniete und die unglaublichsten Dinge anbot, nur um ein weiteres Mal den heiligen Stein zu berühren. Die Frau war mittlerweile unter die 100 Kilo Grenze gerutscht und war süchtig danach geworden, weitere Pfunde zu verlieren. Doch sie hatte kein Geld mehr. Alles andere, was sie Eyk offerierte, war für ihn nicht akzeptabel.
Mit der Zeit kamen alle zu ihm, jammernd, bettelnd, aber ohne Bares. Die meisten seiner Kundinnen boten ihm Sex an und bei manchen wäre er fast schwach geworden, doch seiner Geschäftsmaxime blieb er treu: Ohne Geld kein Stein. Eyk begann ernsthaft darüber nachzudenken seine Zelte abzubrechen und sich in einer anderen Gegend eine neue Klientel zu suchen. Endgültig entschied er sich die Koffer zu packen, als Marlene Worrach, die Frau des örtlichen Postboten, nach einem versuchten Banküberfall von der Polizei festgenommen wurde. Die Frauen schienen außer Kontrolle und Eyk hatte Angst, dass es gefährlich für ihn werden könnte.
In der Nacht vor seinem geplanten Auszug bewahrheiteten sich seine Befürchtungen. Er dachte zuerst an ein Erdbeben, als er von einem heftigen Rütteln aus dem Schlaf gerissen wurde. Vor seinem Bett hatte sich Metzgerin Rensing aufgebaut. Neben ihr standen Maggie Tillmann, die Friseurin, Silke Stinn, die Kassierin aus dem Supermarkt und Therese Hemscik, die einstmal pummelige Bedienung aus dem Sonnenstudio am Markt. Eyks Hände und Füße waren mit Kabeln an den Bettpfosten gefesselt. Alle vier Frauen fixierten ihn mit kalten Augen, die Eyk an Bilder von Fixern erinnerten, die mit starren Pupillen nach ihrem nächsten Schuss gierten. In diesem Augenblick wusste er, dass die Idee mit dem Fett-Weg-Stein die Schlechteste seinen ganzen Lebens gewesen war.
"Wo ist der Stein?", keiften ihn die Frauen in einem Chor aus quäkenden Stimmen an.
Bereits als sich die ersten Probleme mit seinen Kundinnen andeuteten, hatte Eyk einen kleinen Tresor im Keller installieren lassen, wo er den Stein sicher deponierte.
"Aber meine Damen, lassen Sie uns doch zivilisiert…"
Er kam nicht dazu den Satz auszusprechen, denn die Faust der Metzgersfrau traf ihn mitten auf seine Nase. Eyk schrie auf, ihm wurde schwarz vor Augen und er spürte, wie ihm sein Blut über die Lippen in den Mund strömte. Um die Forderung nach dem Stein unmissverständlich Nachdruck zu verleihen, was überflüssig war, da Eyk vor Angst bereits sein Bett eingenässt hatte, donnerte ihm das Weib aus dem Sonnenstudio eine rechte Gerade direkt auf den Unterkiefer. Bevor er ohnmächtig wurde, merkte er, wie sich die untere Reihe seiner Zähne Richtung Rachen bewegte.
"Ich glaube er kommt zu sich."
Eyk hob stöhnend den Kopf. Sein Gesicht fühlte sich an, als hätte man ihm literweise Botox unter die Haut gespritzt. In seiner Nase schien ein wild gewordener Specht sein Nest gebaut zu haben. Ein Medizinball schien seinen Mund auszufüllen. Mit der Zunge ertastete er seine übrig gebliebenen Zähne.
"Endlich wacht die Pfeife auf, ich dachte schon wir hätten ihn umgebracht."
"Du hast ihm aber auch ganz schön eine verpasst!"
Die Frauen hatten Eyk aus dem Bett getragen und in die Küche gebracht. Dort hatten sie ihn auf einen der Küchenstühle gefesselt.
Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, wo er war. Eyk senkte den Kopf und schaute auf das blutverschmierte Oberteil seines Schlafanzuges. Sein Herz machte einen Salto, als er bemerkte, dass ihm die wild gewordene Weibermeute die Schlafanzughose ausgezogen hatte. Trotz seiner Schmerzen spürte Eyk wie er rot wurde, als er aufblickte. Die Frauen standen im Halbkreis vor ihm. Sie grinsten siegessicher.
Metzgerin Rensing machte einen Schritt nach vorn. Ihren rechten Arm hatte sie hinter dem Rücken versteckt. Sie feixte noch breiter als die anderen Frauen und als sie den Arm nach vorn bewegte, wusste Eyk, warum sie ihn besonders gehässig angriente.
Zwischen ihren Finger hielt die Frau des Metzgers die blitzende Tranchierschere aus der Küchenschublade. Eyk wäre das Herz in die Hose gerutscht, wenn er eine getragen hätte.
"Schere? Unten ohne? Durchgedrehte Weiber?", ging es ihm durch den Kopf.
"So, mein Freundchen, jetzt wird es ernst für dich!", sagte Maggie Tillmann und stupste Frau Rensing an. Diese zögerte keine Sekunde und ging langsam auf Eyk zu. Ihre Augen glänzten lüstern und visierten ihn wie eine Beute an.
"Nein, nein, was soll der Mist?", nuschelte Eyk durch seine aufgeschwollenen Lippen.
Als die Metzgersfrau sich ächzend vor ihm hinkniete, blitzschnell seinen Penis griff und zwischen die aufgeklappten Blätter der Schere legte, da überkam ihn die reinste Panik.
Obwohl er am liebsten seine Fesseln losgerissen hätte, bemühte Eyk sich nicht die geringste Bewegung zu machen. Jedes unkontrollierte Zucken hätte das endgültige Aus für seine Familienplanung bedeuten können.
"Nehmt diesen verdammten Stein, aber hört mit diesem Wahnsinn auf!", flehte Eyk mit zitternder Stimme.
"Dann sag uns, wo er ist!", keifte Maggie Tillmann ihn an. Speichel lief ihr aus dem Mund und tropfte auf das himmelblaue Bartikshirt.
"Der Typ hat uns ausgenommen wie Weihnachtsgänse", sagte Therese Hemscik.
"Eher wie die Mastschweine", rutschte es aus Eyk heraus, obwohl er noch beim Sprechen versuchte die Worte wieder einzufangen.
"Ich schneid ihm den Schwanz ab!", schrie die Metzgerin.
"Und die Eier gleich mit!", skandierte Therese Hemscik.
Eyk spürte den kalten Stahl an seiner Haut. Frau Rensings Augen erinnerten ihn an den irren Blick eines verwundeten Wildschweins.
"1944", schrie Eyk geistesgegenwärtig, wobei er einen der ausgeschlagenen Zähne im hohen Bogen in seine Spüle spuckte.
Die Metzgerin hielt inne, entspannte den Griff an der Schere und schaute Eyk fragend an. Die anderen Frauen taten es ihr gleich.
"1944? Was soll das heißen? Wenn ich mir deinen knackigen Arsch anschaue, dann wird das kaum dein Geburtsjahr sein", sagte Maggie Tillmann.
"Das ist die Tresorkombination! Im Keller, direkt unter Treppe, ist ein Safe. Da ist der Stein drin. Mit 1944 kann man ihn öffnen", erklärte Eyk mit brüchiger Stimme.
Von einer Sekunde auf die andere verloren die Frauen das Interesse an ihm. Wie eine Horde Teenies auf ihre Lieblingsboyband stürmten sie in einem Pulk Richtung Keller. Eyk hörte, wie die Damen eine Tür nach der anderen aufrissen, bis sie den Eingang zum Keller entdeckt hatten. Ein Gemurmel drang an seine Ohren. Eyk vernahm das Klackern von Absätzen auf den Dielen der Holztreppe. Es folgte ein spitzer Schrei, gefolgt von einem heftigen Poltern, dann schmerzhaftes Stöhnen, welches er Therese Hemscik zuordnete.
"Therese?", hörte er die besorgte Stimme der Supermarktkassiererin.
Einen Moment war es ruhig, dann wurde der Ton wieder barscher.
"Lass die Finger von dem Safe!", hallte es aus dem Keller.
"Fass mich nicht an!"
"Der Stein gehört mir."
"Nein mir!"
Keine Minute später rannte eine der Frauen die Treppe hoch. Mit dem Fett-Weg-Stein in der Rechten stürzte Maggie Tillmann an der Küche vorbei zur Haustür. Wenige Sekunden später stürmte Silke Stinn mit zerzausten Haaren hinterher. Mit einer Kanonade von Beleidigungen auf den Lippen verfolgte sie die Friseurin. Die Metzgerin brauchte etwas länger, doch auch sie passierte die Küche. Japsend bugsierte Frau Rensing ihren Körper Richtung Ausgang. Noch eine Weile waren die keifenden Weiber zu hören. Irgendwann wurde es ruhig. Eyk spürte den kühlen Luftzug, der durch die offene Haustür in die Wohnung drang. Erleichtert schaute er auf seinen Penis und atmetet kräftig durch.
Therese Hemscik hatte er nicht gesehen, deshalb ging er davon aus, dass die Frau verletzt im Keller lag. Eyk wartete endlos lange Minuten, bis er sich sicher war, dass die Furien nicht wieder zurückkommen würden, dann begann er mit dem Stuhl so lange hin und her zu wippen, bis er zu Boden krachte und sich die Nase an der Kante des Kühlschranks stieß. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen und das Blut begann wieder zu fließen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich eine hellrote Lache auf den weißen Bodenfliesen gebildet. Eyk robbte über den Boden. Er versuchte durch die Küchentür auf den Korridor zu rutschen, was sich mit einem Küchenstuhl am Hintern als schwierig erwies. Schließlich schaffte er es in den Flur. Mit den Zähnen schnappte er sich das Telefonkabel. Eyk brauchte mehrere Versuche, bis er die Ladestation samt Telefon von dem Sekretär auf den Boden befördern konnte. Der Rest war eine Mischung aus Zungen und Lippenakrobatik, dann hatte er die Polizei am Apparat.
Die Beamten erzählten später, dass sie zunächst an einen irren Serienmörder dachten, als sie Eyk blutverschmiert gefunden hatten.
Therese Hemscik wurde mit gebrochenen Halswirbeln am Fuße der Kellertreppe gefunden. Mit einem Rettungshubschrauber wurde sie in eine Spezialklinik geflogen, wo eine Querschnittslähmung diagnostiziert wurde. Silke Stinn traf es noch schlimmer. Ihre Leiche wurde in der Nähe von Eyks Haus gefunden. Der Schädel war gespalten, wie die Pathologen später feststellten von einem kantigen Gegenstand, wahrscheinlich einem Stein.
Maggie Tillmann wurde festgenommen und wegen Totschlags zu drei Jahren Haft verurteilt.
Eyk Wolters kam mit seiner gebrochenen Nase und dem zerschmetterten Kiefer glimpflich davon. Strafrechtlich wurde er nicht verfolgt, da man ihm keinen Betrug nachweisen konnte. Eyk verkaufte sein Haus und zog zu seiner Schwester in die Stadt.
Von Frau Rensing und dem Fett-Weg-Stein fehlte seit diesem Tag jede Spur. Die Metzgerin wurde zwar zur Fahndung ausgeschrieben, da Therese Hemscik behauptete, dass es Frau Rensing war, die sie die Treppe runtergestoßen hatte, doch lange Zeit fand man nicht den geringsten Hinweis auf ihren Verbleib. Erst knapp ein Jahr nach den Ereignissen im Haus von Eyk Wolters wurde in den Straßen von Amsterdam eine verstörte Person aufgegriffen. Die verwahrloste Frau war bis auf die Knochen abgemagert. Mit den Händen umklammerte sie einen merkwürdigen Stein, den sie wie einen Schatz behütete und auch nach ihrer Einweisung in eine psychiatrische Klinik niemals aus den Augen ließ. Sie starb kurze Zeit später an den Folgen ihrer Magersucht.



Eingereicht am 19. Dezember 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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