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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tagebuch eines Autors

© Martin Eierkaufer


1. November 2005
Ich habe heute beschlossen, Schriftsteller zu werden. Nein, ich habe nicht seit Kindheitstagen das Bedürfnis dazu. Auch treibt mich nicht das Verlangen, das Leben anderer Leute mit meinen literarischen Ergüssen zu bereichern. Sondern ich habe es satt, tagein tagaus meinem stressigen Job nachzugehen. Früh aufstehen, den ganzen Tag buckeln, abends erschöpft nach Hause. Wie schön ist dagegen doch ein Autorenleben: Ausschlafen, gemütlich ein paar Kapitel schreiben, faulenzen - herrlich.
3. November 2005
Habe meine erste Kurzgeschichte fertig. Finde sie toll. Ich bin echt talentiert. Zeige sie meiner Freundin. Auch sie meint, dass ich Begabung hätte. Ob sie objektiv ist? Bestimmt, denn im Gegensatz zu mir hat sie schon einige Bücher gelesen…
4. November 2005
So, was nun? Die Leute sollen meine Geschichte kaufen. Schließlich brauche ich bald wieder Geld, meine Arbeit habe ich gekündigt. Ich gehe in einen Bücherladen, frage, was sie für das Manuskript zahlen wollen. Sie lachen mich aus, sagen, ich soll zu einem Verlag gehen. Wo zum Teufel gibt es hier einen Verlag?
14. November 2005
Von wegen "nicht tauglich zur Veröffentlichung". Diese Verlage sind alles Banausen. Ich habe Talent, ich weiß es. Die haben sich wahrscheinlich abgesprochen, das ist eine Verschwörung der existierenden Autorenmafia, die wollen keinen neuen strahlenden Stern an ihrem Schriftstellerhimmel. Aber denen werde ich es zeigen…
15. November 2005
Die Polizei hat mich wieder weggeschickt, als ich Anzeige gegen die Verlage erheben wollte. Mein Anwalt sagt, vor Gericht habe ich keine Chance. Ich glaube, er wurde von der Autorenmafia bestochen, oder sein Leben wird bedroht. Auch ich werde inzwischen beobachtet, ich merke das. Die sind raffiniert, aber mir fallen die Spione natürlich sofort auf. Der zu freundlich lächelnde Postbote. Die sehr langsam durch unsere Straße fahrenden Autos. Sogar meine Nachbarin scheint mit ihnen unter einer Decke zu stecken, habe schon mehrfach verdächtige Bewegungen an ihrem Vorhang gesehen. Aber ihr kriegt mich nicht unter, ihr nicht…
17. November 2005
Heute habe ich es nicht mehr ausgehalten. Habe den Postboten vors Schienbein getreten und gesagt, was ich von ihm und seinen Auftraggebern halte. Die langsam fahrenden Autos habe ich mit Steinen beworfen. Meine Nachbarin habe ich im Supermarkt getroffen, ich habe sie wüst beschimpft. Natürlich tat sie so, als wüsste sie von nichts, aber ich habe sie durchschaut.
18. November 2005
Schön, sie haben mir wenigstens Zettel und Papier gelassen. Sonst darf ich nichts bei mir haben, hier in der Zelle. Sie sagen, dass ich paranoid bin. Eine Gefahr für meine Umgebung. Hätte nicht gedacht, dass der Arm der Autorenmafia so weit reicht. Ich muss die Medien über diese Staatsverschwörung informieren. Zum Glück habe ich im letzten James Bond Film gesehen, wie man seinen Gegnern entkommen kann.
20. November 2005
Ha. Ihr kriegt mich nicht unter, ihr nicht. Den Stift haben sie mir weggenommen, als ich damit dem Polizeiarzt ein Auge ausstechen wollte. Außerdem haben sie mich in eine Zwangsjacke gesteckt. Aber ich bin schlau. Habe mir in die Zungenspitze gebissen und schreibe nun mit meiner Zunge blutige Buchstaben über die gepolsterten Wände. Schon bald wird die Öffentlichkeit Bescheid wissen, schon bald….



Eingereicht am 25. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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