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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Du riechst nach einer anderen!

© Tino Schade


Kein guter Moment. Eigentlich konnte er doch nur nach Alkohol riechen, oder war es die andere, die seinen Schädel so schreien ließ? Nein. Es war der Alkohol. Auch sein Mund schmeckte nicht nach einer anderen, sondern nur nach Alkohol. Wie wollte sie also eine andere Frau riechen? Obwohl. Es hätte ihn nicht gewundert, bei ihrer Nase. Sie roch ja sogar, wenn er einmal einen kurzen Umweg zu einem seiner Freunde gemacht hatte. Auch wenn es keinen Alkohol gab, den sie riechen konnte.
Und jetzt, hatte sie eine andere gerochen. Da war auch eine. Er erinnerte sich an eine Frau, deren Brüste ihn schwer beeindruckt hatten. Irgendwas mit S. Oder C? Scheißegal. Jetzt war er in Erklärungsnöten. Wahlkampf!
Erster Versuch: Leugnen.
"Nach welcher Frau denn, Schatz?" Gut so. Immer bei einer vertrauten Anrede bleiben. Eine andere Anrede, hieße, es hätte sich etwas geändert und es war wichtig, diesen Eindruck nicht zu erwecken. Schatz. Das war das Beste, was er hätte tun können. Nicht übertrieben liebevoll. So wie immer.
"Die Frau nach der du riechst." Logisch. Fast schon eine Tautologie.
Tautologien waren in einer sachlichen Diskussion nicht erlaubt. Es würde verdammt schwer werden, diese Diskussion auf einer sachlichen Ebene zu führen. Riecht nach der Frau, nach der er riecht. Das war ein Teufelskreis.
Da kommt man nicht so einfach raus. Von jeder Seite eine Frau. Wie man es auch dreht und wendet. Sie wollte ihn offenbar schnell kriegen. Sehr offensiv, die Gute.
"Da war aber keine Frau." Fuck! Dummer Fehler. Natürlich waren da Frauen.
Indirekte Sprechakte waren das falsche Mittel. Sie würde sie direkt lesen und ihn so in die Ecke drängen.
Schon legte sie los. "Du willst mir erzählen, dass in der Bar keine Frauen waren? Für wie dumm hältst du mich?" Eine rhetorische Frage? Egal. Nicht antworten. Er sollte sich lieber etwas einfallen lassen, der indirekten Sprechakte wegen. Klären, dass es so nicht gemeint war. Das wusste sie zwar, aber wenn er schon jetzt in Erklärungsnot kam, verschaffte das ihr eine bessere Verhandlungsposition.
Clever. Sie wollte klarstellen, wer hier anklagt. Und vor allem wollte sie klarstellen, dass sie mehr anklagt, als nur den gestrigen Abend.
"So war das doch nicht gemeint. Das weist du auch." Gut. Jetzt würde sie sich rechtfertigen müssen. Wirklich sehr gut. Unentschieden?
"Nein, das weiß ich nicht. Ich weiß ja nie etwas, weil du mir nichts erzählst. Und jetzt riechst du nach einer anderen." Nein. Ganz sicher nicht unentschieden. Zwei Vorwürfe in einem Satz, waren sicher ein Gutes Mittel, klarzustellen, dass hier nicht zur Debatte stand, ob er schuldig war. Das stand fest. Jetzt galt es, nur noch die Schwere seiner Schuld festzustellen.
Wenn er sich doch nur erinnern könnte. Widerrede? Nein. Das würde zu einer Endlosdiskussion führen, die er nicht gewinnen konnte. Begründen.
Relativieren.
"Ich erzähle dir nicht ständig von mir, weil es nicht ständig etwas zu erzählen gibt. Und eine andere Frau war da auch nicht. Es waren zwar andere Frauen anwesend, aber mit denen hatte ich nichts zu tun." Das müsste sie verstehen. Darauf kann man aufbauen, wenn sie wieder die Geruchssache anführt. Jetzt sie.
"Du redest nur mit mir wenn du etwas willst. Und du hast nach einer anderen Frau gerochen. Nicht nach vielen. Nach einer." Mist. Sie hatte sein Wenn-ich-nach-anderen-rieche-dann-weil-es-so-eng-war-in-der-Kneipe-Argument zunichte gemacht. Dann halt, weil er mit einer Freundin seines Kumpels getanzt hatte.
"Ich habe mit Jenny getanzt. Die kennst du doch noch. Von Marco?" Mal sehen.
Könnte klappen.
"Und das fällt die erst jetzt ein. Warum lügst du mich an?" Dumme Frage.
Weil die Wahrheit zu Unannehmlichkeiten führen würde. Sehr unangenehme Unannehmlichkeiten, für ihn. Weil er so besoffen war, dass er die Hälfte schon wieder vergessen hatte. Alkohol mag nicht beim Fremdgehen zählen, doch beim Vergessen schon. Das würde sie einsehen müssen.
"Es waren ein paar Glas zu viel gestern. Ich hab halt vieles vergessen." Sie legte die Stirn in Falten. Sie dachte darüber nach. Kurz nur, aber sie tat es. Gutes Zeichen. Nicht?
"Dann hast du wohl auch vergessen, dass du eine Frau hast, Mistkerl!" Das darf doch nicht wahr sein. Sie kann doch nicht einfach die Aussage seiner Äußerung verwerfen und einzelne Worte für ihre Argumentation aufgreifen. Wer war sie? Michel Friedmann? Und lauter wird sie auch. Und jetzt? Nicht zu lang zögern mit der Antwort. Irgendwas muss her. Was Gutes.
Zweiter Versuch: Blackout.
"Nein, dass vergesse ich nie, dafür sorgst du schon. (Dummer Fehler. Nicht auch noch aggressiv werden, sonst wird die Situation unübersichtlich.) Ich habe einiges vergessen, aber dich nicht. Und es gibt keine Frau, an die ich mich erinnern könnte." Das könnte gehen. So könnte er mit einem blauen Auge davonkommen. Eingestehen, dass er gesündigt hat, ohne zuzugeben, sie betrogen zu haben. Der reuige Sünder, der für zehn Schilling beichtet und den Taler mit ins Grab nimmt. Vielleicht hätte er es anders formulieren sollen. Ich kann mich an keine Frau erinnern und bin mir sicher, die anderen können es auch nicht. Genau. Er hätte Zeugen hinzuziehen sollen. Sie würde seine Kumpels niemals fragen. Er hatte immer darauf geachtet, dass eine gewisse Distanz zwischen seinen Freunden und ihr gewahrt blieb. Aber machte das nicht auch die Zeugen unbrauchbar? Er hätte Zeugen gebraucht, denen sie vertraute. Kannte er nicht. Gab es wahrscheinlich nicht. Ihre nervigen Freundinnen vielleicht.
"Keine an die du dich erinnern könntest? Willst du mich verarschen? Sehe ich so blöd aus?" Langsam hegte er Zweifel, dass die Frage rhetorischer Natur war. Er hätte es ganz anders formulieren sollen.
"Das habe ich doch gar nicht gemeint. (Dieses Mal kein Dasweißtduauch.) Wenn es eine andere Frau gäbe, könnte ich mich doch an sie erinnern. Kann ich aber nicht, also gab es auch keine." Männliche Logik. Ob sie es verstehen würde?
"Und das soll ich dir glauben? Schlimm genug, dass du mich betrügst. Aber jetzt bist du auch noch so feige und belügst mich. Lügst mir direkt ins Gesicht." So genau konnte er ihre Frage auch nicht beantworten. Er hatte noch keine rechte Strategie. Er befand sich noch in der Antastphase. Leider befand sie sich schon in der Phase der Urteilsfindung. Jetzt musste es schnell gehen. Reden wie eine Frau.
Dritter Versuch: Weibliche Argumentationsmuster.
"OK. Ja. Da war eine andere. Aber bevor du etwas sagst, will ich dir erklären, wie es dazu kam." Er sah sie an. Sie hatte Tränen in den Augen.
Sie waren schon die ganze Zeit etwas gerötet, doch jetzt hatte sie Tränen in den Augen. Nicht davon weich kochen lassen. Schlage sie mit ihren eigenen Waffen. Ohne zu heulen!
"Da ist aber nichts Richtiges gelaufen. Also sexuell, meine ich. Wir haben geredet und uns umarmt (Würde sie ihm auf männlich nie im Leben glauben.), weil ich traurig war und sie mir zugehört hat. Ich habe gestern getrunken weil ich traurig war. Du behauptest zwar, ich würde dir nie etwas erzählen, doch in Wirklichkeit hörst du mir nicht zu. Ich habe Probleme. Wir haben Probleme. Etwas funktioniert nicht in unserer Beziehung. (Die Schrecksekunde. Jetzt würde sie still zuhören. Andeutungen.) Kleinigkeiten nur, aber ich brauchte jemanden, mit dem ich darüber reden kann. Du redest immer nur von dir und ich höre das gern, weil ich dich liebe. (Hätte vielleicht schon etwas eher erwähnt werden sollen, aber lieber zu spät als und so weiter.) Aber manchmal, nur manchmal, will ich auch über mich reden.
Und du hörst mir nicht zu. (Sie zwinkert. Gut. Sie beschäftigt sich, mit dem was er gesagt hatte. Nur die andere nicht mehr erwähnen. Sie in Verlegenheit
bringen.) Warum kannst du mir nie zuhören?" Das saß. Hoffentlich. Sie wischte sich eine Träne von ihrer Wange. Es hat gesessen. Jetzt sie.
"Aber (Sie schluchzte. Ein gutes Zeichen) ich höre dir doch zu. Ich will immer alles von dir wissen." Da hatte sie Recht. Ständig fragte sie, so dass es einem schon gehörig auf die Nüsse ging. Jetzt nur den Vorwurf aufrechterhalten.
"Nein tust du nicht! (Laut, aber nicht gebrüllt. Perfekt. Er war jetzt der Kläger.) Du fragst mich zwar, aber nur um zu wissen wo ich war und wen ich getroffen habe. Nie fragst du, ohne mich kontrollieren zu wollen. Ständig nur deine Gefühle und mein Tagesablauf. Nennst du das etwa Miteinanderreden ?
"Schatz das … Sie schluchzte wieder und nahm auf dem Bett Platz. Weibliche Argumentationsmuster. Gewonnen!



Eingereicht am 25. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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