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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kundengespräch 02 (nach einer wahren Begebenheit)

© Felix Clervaux


Einer der am meisten gesagten Sätze bei uns ist: "Ich weiß nicht, wie es heißt, und ich weiß nicht, wer es singt, aber es läuft dauernd im Radio."
Dann folgt eine große Stille, in der uns nur noch erwartungsvolle Augen anblicken.
Wer als Verkäufer an dieser Stelle nicht Ideenreichtum, Diplomatie oder Improvisationstalent an den Tag legen kann, bringt die betreffende Person einfach um. Wenn auch nur im Gedanken.
Ich belauschte gerade vor kurzem beim Aufräumen in den Regalen das Gespräch zweier Frauen.
Die eine: "Nun such doch nicht weiter herum. Frag doch mal jemanden."
Die andere: "Ich weiß doch gar nichts über das Lied."
Die eine: "Na und? Du kannst doch trotzdem fragen. Die sind doch hier so schlau."
Lieschen Müller hält uns offenbar für die Bahnhofsmission der Musik. Sie ist bedürftig, gibt nix, aber erhält trotzdem etwas. Denkt sie jedenfalls.
Und sind nicht alle Kunden ein bisschen Lieschen Müller?
Kritisch wird die Situation dann, wenn man aus der Null-Information nun wirklich nichts machen kann.
Ein Kunde offenbar südländischer Herkunft nähert sich in sein Handy schreiend dem Service-Tresen. "Alter, warte mal. Ich suche ..."
Letzteres gilt augenscheinlich mir. Man muss so sehr aufpassen bei allem.
"Ich suche eine Filmmusik. Die ist so circa fünf Jahre alt. Das war so HipHop und so."
Ich höre mich "Wie war denn der Titel des Films?" sagen, aber ins Leere, denn die Kundschaft widmet sich bereits wieder dem Mobilen.
Da ich noch nichts erhalten habe, was sich in den Computer eingeben ließe, betrachte ich das Gespräch kurzfristig für beendet und widme mich einem Stapel von schätzungsweise vierzig Tonträgern, die ein missgünstiger Zeitgenosse am Vorspielservice liegen gelassen hat. Bei zwei CDs fehlt das Cover. Schön. Ab in die Diebstahlkiste.
"Hallo, hallo?", ruft jetzt jemand genervt. Ich weiß genau, wer das ist und zögere einen bedeutenden Moment länger, ehe ich aufschaue.
"Ja, bitte?", sage ich mit Ahnungslosigkeit vorgebenden Unterton.
"Na ja, also diese Filmmusik da. Die ist so sechs bis acht Jahre alt." Aha! "Das war so HipHop und so."
Dreißig Prozent der Fakten haben sich zwar zwischenzeitlich geändert, aber wir leisten hier ja Dienst, und ich verankere das im Kopf jetzt einfach mal als Basis.
"Wie war denn der Titel des Films?"
Er schaut mich an, als hätte ich eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Frage gestellt und gibt schnaufend ein verblüfftes "Weiß nicht" von sich.
Okay. Versuchen wir es anders.
"Wer hat denn da mitgespielt in den Film?"
Jetzt guckt er wie ein Karpfen, bevor der vom Fischhändler eins übergezogen bekommt. Sein Handy macht sich erneut bemerkbar, aber er reagiert nicht darauf. Meine Art, durch die Hintertür auf des Rätsels Lösung kommen zu wollen, scheint ihn so zu verwirren, dass sich seine Wahrnehmung für einen Augenblick gänzlich auf mich beschränkt.
Dann fängt er sich wieder.
Schade. Hätte interessant werden können.
"Keine Ahnung. Niemand, der wirklich bekannt ist. Ist doch auch egal. Ich will ja die Musik und nicht den Film."
Mein rechtes Augenlid beginnt zu zucken. Das passiert immer dann, wenn ich innerlich angespannt bin.
"Wissen sie denn noch irgendeinen Titel oder Interpreten eines Liedes, der in dem Film vorkam?"
Irgendwie muss ich der Sache ja auf die Schliche kommen, aber ich verspreche mir schon jetzt auch von der Beantwortung dieser Frage rein gar nichts.
"Woher soll ich das wissen?" Und zynisch fügt er hinzu: "Das war nicht untertitelt."
Gibt ja durchaus so etwas wie einen Abspann.
"Das war so HipHop eben und Soul."
Das hatten wir bereits.
"Klang komisch. War bestimmt keiner dabei, der richtig erfolgreich ist."
Warum willst du den Mist dann haben?
"Warum geben sie denn da nicht mal was ein in ihre Software?"
Er sieht mich herausfordernd an, und ich überlege, ob ich nicht gleich mal Fischhändler spielen sollte: er ist mein Karpfen, und ich ziehe ihm eins über.
Ganz ruhig bleiben.
"Dazu brauche ich ein Stichwort, das ich zur Suche in den Computer eingeben kann. Das habe ich aber nicht."
Mir rauscht schon das Blut im Ohr, und er beginnt, laut zu werden.
"Ich sag ja: ein Film von vor ungefähr drei Jahren."
Hilfe. "Mit Soul und HipHop."
Mit letzter Kraft halte ich mich im Zaum und versuche, ruhig zu sprechen. Und die Möglichkeit eines Mordes an einem Kunden nicht weiter aufkeimen zu lassen.
"Ich brauche einen Filmtitel oder ein Bruchstück davon, einen Schauspieler- oder Interpretennamen oder wenigstens eine Idee, wie ein Song heißen könnte."
Ommmmmmmm.
"Weiß ich aber nicht."
Im Grunde könnte ich ihn jetzt anschreien und einfach mal Dienstleistung Dienstleistung sein lassen.
Aber ich bin ruhig, ganz ruhig. Im Einklang mit mir.
Und meinem Arbeitgeber.
"Tja, dann kann ich ihnen leider nicht helfen."
Ich bin cool. Kein Problem.
"Ist ja 'n tolles Fachgeschäft hier", grölt er. "Keine Ahnung von nix."
Gebt mir sofort ein Messer!



Eingereicht am 18. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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