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Die Zahnfleischbehandlung

© Ihepih


Auf Wunsch, also auf ausdrücklichen Wunsch, soll ich die Leiden meiner Patienten aufschreiben. Nun gut, wenn ihr es nicht anders wollt. Bitte sehr. Warum nicht? Obwohl ich es mir so recht nicht vorstellen kann, was das für einen Sinn haben soll, denn schließlich kennen die Patienten datt alles doch schon. Also gut. Wenn ich schon so herzlich aufgefordert werde. Man will ja auch kein Unmensch sein, oder?
Heute Morgen habe ich mich ganz spontan dazu entschlossen, meine neue, rheinische Zahnfleischbehandlung durchzuführen. Is jetz' nix Besonderes, quasi so watt wie Botox, nä, also datt is et nitt. Aber, isch habe mir alles genau überlegt. Die Idee hab' isch schon lang. Erst richtig drauf gebracht haben mich die Bläck Fööss. Wie in einer Liedzeile beschrieben, "Die Zäng sind jod, evver dat Zahnfleisch muss eruss ...", habe ich nun, aus dieser logischen Konsequenz, - kein Aggressor = kein Entzündung - beschlossen, die Verstecke der Bakterien radikal zu entfernen. Eher radikalst! Wenn es kein Zahnfleisch mehr gibt, kann es sich auch nicht entzünden. Hört sich doch logisch an, oder? Wenn also überhaupt keine Zahnfleischtaschen mehr da sind, dann können diese kleinen Teufelchen von Bakterien sich auch nirgends mehr einnisten. Keine Chance. Is doch plausibel, oder? Jaaaa! Popöschen, Popöschen!
Es juckt mich ja schon gewaltig in den Fingern. Wer käme denn dafür mal in Frage. Mal sehen. Moment, die Erste heute ist die Frau Meyer, hmmm, ja so was, hmmm, die hat ja gar keine Zahnfleischentzündung. Warum hat denn jetzt ausgerechnet die kein entzündetes Zahnfleisch? Ach, egal! Beschlossen ist beschlossen, datt Zahnfleisch kütt hück eruss!
-
Das mit dem Zahnfleisch, also mit der neuen Methode, hat leider nicht geklappt. Ja, es tut mir auch sehr Leid. Ich kann es mir gar nicht erklären. Alles war doch so klar. Das hätte gar nicht fehlschlagen können. Isch hätte weltberühmt werden können. Quasi der Dr. Bernard der Parodontitis. Dabei habe ich doch alles genau vorgedacht und geplant. Nun, leider ist mir, bei meinem ersten, ernst gemeinten Versuch, der Haken ausgerutscht und das ganze Gesicht war weg. Keine Panik, hab' isch mir jesacht, janz ruhisch bleiben. Erst mal gucken, wie es der Patientin geht.
"Frau Meyer? Geht es Ihnen gut?", fragte ich sehr höflich, denn, man weiß ja nie, wie empfindlich so Patienten sind.
"Sch'anke Herr Sch'okter, alleesch klaaa, mir geht esch scher gut:"
Na, dachte ich so bei misch bei, da haste aber noch mal Schwein jehabt. Jetzt aber nix wie raus mit der Alten. Das sieht ja vielleicht hässlich aus, fast schon ekelig.
"So! Wir wären dann so weit fertisch, Frau Meyer ... ach, und nehmen Sie bitte Ihr Gesicht mit ... man kann ja nie wissen, wofür man es mal gebrauchen könnte. (hüstel) Und das Sie mir das nur ja nich' verlieren, hören Sie! Sonst muss der Doktor böse werden, nischt wahr! Warten Sie, isch pack et Ihnen watt ein ... so!"
"Ja, sch'anke, geht scho' ,.....Wiedersche'n", sagte die nette Frau Meyer noch und wollte auch schon zur Türe heraus.
"Moment noch, eh, haben sie vielleicht ne Mütze oder so etwas? Einen Schal vielleicht? ... Ach nur so ... isch wollte vermeiden, dass Ihr Kaschmirmantel etwas ab bekommt, aber nun ist es eh zu spät. Tschüüß!"



Eingereicht am 01. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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