www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kundengespräch 01 (nach einer wahren Begebenheit)

© Felix Clervaux


Als Verkäufer muss ich immer blitzschnell versuchen, mir einen Eindruck von einem Kunden zu verschaffen.
Und das, bevor er überhaupt Mund öffnet. Um dann entsprechend seiner Persönlichkeit zu reagieren: ernst, locker, lustig, demütig. Die großen Unternehmen lehren einen das.
Dieser hier wirkt besonders freundlich und verständnisvoll. Oberflächlich betrachtet.
Ich räuspere mich noch kurz, dann steht er mir, dem Verkäufer seines Vertrauens, auch schon am Servicetresen gegenüber.
Ich: "Hallo! Bitte?"
Er: "Grease."
Klar, hart, deutlich. Aber dürftig. Und ziemlich mufflig. (So viel zu meiner gekonnten Erstellung eines Kundenprofils.)
Grease und ... was?, denke ich - sage aber: "Auf DVD?"
Und beginne bereits den Titel in die Suchmaske des Computers einzugeben.
"Nein. Natürlich auf Video." Natürlich. Hellseherische Fähigkeiten sind meine besondere Stärke.
"Teil eins oder zwei?", frage ich sicherheitshalber, obwohl ich den zweiten Teil schrecklich finde und mit meiner Meinung auch nicht allein zu sein scheine: noch nie hat mich bisher jemand danach gefragt.
"Selbstverständlich Teil zwei!" Das klingt fast entrüstet.
Bitte, jedem das Seine. Ich muss ihn mir ja nicht ansehen.
"Oh", sage ich, weil ich ahne, was mir der PC höchstwahrscheinlich ausspucken wird, "ich glaube kaum, dass da noch etwas zu machen ist."
"Was heißt das?", tönt er und man hört eine Spur von Verachtung in seiner Stimme. "Sind sie nun ein Fachgeschäft oder nicht?"
"Wenn Filme nur noch auf DVD produziert werden, haben wir darauf keinen Einfluss. Wir verkaufen die Sachen nur. Wir stellen sie nicht her", erwidere ich, aber eigentlich viel zu freundlich.
Jetzt klemmt irgendetwas im Computer. Diese Dreckssoftware ist mal wieder abgestürzt. Neustart.
Wie mich das ankotzt.
"Was ist denn nun?", fragt er ungeduldig.
"Tut mir Leid. Ich muss den PC neu starten. Das Programm hat sich mal wieder verabschiedet." Ich versuche ein Lächeln.
"So ein großes Unternehmen, und dann laufen die Computer nicht richtig", sagt er ungerührt und schaut mir schuldzuweisend in die Augen.
Ja, du Pappnase!, denke ich, es macht auch mir unendlich viel Spaß, damit zu arbeiten.
"Können Sie da nicht mal etwas anderes drauf spielen, das funktioniert?", setzt er hinzu.
Sicher. Man hat da ja grundsätzlich so viel Auswahl.
Umschlag eins, zwei oder drei. Oder ich setze mich gleich heute Abend selbst hin und bastele uns einfach ein neues.
Endlich läuft die Kiste wieder, und ich mache eine erleichternde Entdeckung. "Sie haben Glück. Einer scheint noch da zu sein. Haben Sie denn dort drüben bei den Videos unter G schon geschaut?"
Diesen Satz bringe ich nicht zu Ende. "Da ist ja alles durcheinander. Da findet man ja nichts", jault er. Und sieht mich vorwurfsvoll an.
Meist erkläre ich darauf, dass schließlich nicht wir, sondern die Kunden daran schuld sind, wenn es dort so aussieht. Und wir gar nicht so schnell aufräumen können, wie die alles verwüsten.
Ja: verwüsten! Und das meine ich dann auch so.
Bei dem hier sage ich das aber lieber nicht, sonst fühlt er sich noch persönlich angegriffen.
Ergeben gehe ich mit ihm zum Regal und schaue ein bisschen links vom G und rechts vom G und darüber und darunter. Nichts zu sehen.
Ich atme schon ein, um ihm mitzuteilen, dass das Video wohl nicht so einfach zu finden ist. Doch er lässt mich gar nicht erst zu Wort kommen.
"Ja, und nun? Ich denke, das Video ist da?" Er zieht erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.
Jetzt werde ich ein bisschen zickig. "Wahrscheinlich hat es irgendjemand falsch abgestellt. Das machen die Kunden in mindestens 95 Prozent der Fälle nun mal so."
Ich ernte ein Schulterzucken. Manchmal bringt es nichts, die Kunden mit der reinen Wahrheit zu konfrontieren.
"Wir haben hier ungefähr tausend Videos. Die kann ich ja nun schlecht alle durchsehen." Das wird ihm wohl verständlich sein.
Er sieht mich völlig entgeistert an und seine Lippen formen die Worte: "Ja, natürlich können Sie das. Denn der Kunde ist schließlich König."
Das verschlägt mir den Atem. Und mir fällt augenblicklich ein schöner Satz unseres obersten Chefs ein, der mal gesagt hat: "Der Kunde in unserem Hause ist nicht König, sondern Gast. Und Gästen gibt man sein Bestes. Aber als Gast sollte er sich auch verhalten." Wenn der wüsste.
"Natürlich kann sich das Video auch jemand zurückgelegt haben. Oder es ist defekt. Das kann der Computer leider nicht anzeigen", flöte ich in meiner Verzweiflung und weiß ganz klar, was kommen wird. Und prompt auch kommt.
"Warum?"
Jetzt reicht es mir, und ich gehe aufs Ganze. Trotzdem (oder gerade deshalb) rede ich mit Engelszungen und extrem langsam auf ihn ein. "Tja, weil das ein völlig veraltetes Scheißerfassungssystem ist. Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich deswegen kotzen möchte. Aber ich muss eben sehen, dass ich so gut wie möglich damit zurecht komme."
Er ist für einen Moment irritiert, doch fängt sich dann wieder.
"Na, dann sagen Sie das ihrem Chef doch mal, dass das so unzureichend für Ihre Bedürfnisse ist", versucht er zu triumphieren und legt die Betonung auf "Ihre", als wäre ich nur zu blöd, den Computer zu bedienen.
Einen Trumpf habe ich aber noch im Ärmel.
"Das Video könnte jedoch auch gestohlen worden sein. Das lässt sich ja nun nicht erfassen. Wir können nicht jeden Tag den Warenbestand kontrollieren."
"Und weshalb geht das nicht?", fragt er völlig ungläubig.
Weil eine Inventur in unserem Laden normalerweise von vierzig Leuten durchgeführt wird und trotzdem ungefähr zwölf Stunden dauert, du Holzkopf. Sieh dich doch mal um. Das Geschäft hat eine Fläche von tausend Quadratmetern und hier stehen zwei Millionen Artikel herum.
"Das ist leider aus organisatorischen Gründen nicht möglich", wage ich eine letzte Rettung der Situation.
Immer schön freundlich bleiben. Doch die Sache ist bereits den Bach 'runter.
"Kundenservice wird bei Ihnen wohl nicht sonderlich groß geschrieben", sagt er so laut und herablassend wie es nur geht, winkt ab und verschwindet in Richtung Ausgang.
Ich erwäge allen Ernstes bei der Bundesregierung nachzufragen, ob der scharfe Einsatz von Waffen gegen Kunden im Einzelhandel nicht langsam legalisiert werden könnte.



Eingereicht am 25. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unsere Autorin / unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten: Humor, Satire, Persiflage, Glosse ... «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««