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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Gebrauchsanweisung

© Soraya Schubert


"Warum liest du, zur Abwechslung, nicht mal was über Griechenland?", hörte ich eine mir vertraute Stimme, mich zum x-ten mal fragen, welche in mir wieder das starke Bedürfnis weckte, der Person an die Gurgel zu gehen.
Das Augenverdrehen sparte ich mir an der Stelle, genauso wie das Erwürgen und machte mich am Tag darauf doch auf den Weg zur Bibliothek, um mehr über das Land, das mir mit viel Mühe versucht wurde nahe zu legen, zu erfahren. Trotz meines starken Protestes am Vortag.
Langsam und mit einem leicht unsicheren Gefühl was denn passieren würde, wenn mir das Buch doch gefällt, bewegte ich mich in Richtung "Fernweh Europa"-Ecke, in der sich das besagte Buch, über das ich zuvor im Internet gestolpert war und auf das jeder eingefleischte Hellas-Fan anscheinend schwört, stehen sollte.
"Gebrauchsanweisung für Griechenland" schimpft sich das Teil.
Hörte sich eigentlich gar nicht so schlecht an.
Nach ca. 45-minütigem vergeblichem Herumsuchen und Stolpern über ein türkisches Kochbuch (an dem ich einige Zeit hängen blieb), verließ mich meine Geduld und ich stellte mir dann doch die Frage, ob ich entweder nicht dazu in der Lage war, aus einem alphabetisch sortiertem Regal, das von mir gesuchte Buch zu finden oder ob es wirklich nicht an seinem Platz lag.
Da ich dann doch mehr an dem "Sortierungstalent" der Angestellten hier zweifelte, anstatt an meinen Fähigkeiten, entschloss ich mich eine der freundlichen Damen an der Information um Hilfe zu bitten. Ich sollte doch mal, unten, in den Regalen nachschauen, in denen die noch nicht einsortierten Bücher stehen, da das Buch erst vor 2 Tagen zurückgekommen sei, sagte sie mir. Aha, da kommen wir der Sache mit dem Talent also doch schon etwas näher.
"Gut", erwiderte ich. Gesagt getan, aber wenn sich das verdammte, geschnürte Bündel Blätter, über ein Land das ich lediglich mit Feta Käse in Verbindung bringe, dort auch nicht befindet, dann geh ich einfach. Jawohl, das war eine Drohung. Auch wenn sie niemanden interessierte und ich sie auch nur dachte. Ich kann mir ja viel denken, wenn der Tag lang ist.
Leicht genervt und etwas träge schliff ich mich erneut die Treppen herunter, lief an den anderen "Bücher suchenden" vorbei, die mich mal wieder schräg ansahen und sich wahrscheinlich fragten, warum um Himmels willen die Blöde schon wieder die Treppen rauf und runter läuft. Doch das interessierte mich schon gar nicht mehr. Wahrscheinlich hat einer von ihnen das Buch sogar noch versteckt und sich dann kaputt gelacht, dass ich mir hier einen Wolf am suchen bin. Hinterhältiges Volk!
Da das Buch auch unten nirgends zu finden war und ich immer mehr davon überzeugt war, dass sich diese eingeschworene Bibliotheksgemeinschaft hier gegen mich gewendet hat, verließ ich den Laden trotzig mit dem Türkischen Kochbuch unter dem Arm und erwischte mich schon wieder dabei, dass ich ihnen drohte.
Ja, ich komme wieder und wenn es nur wegen der Stimme ist, die mir schon wieder in den Ohren liegt.



Eingereicht am 06. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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