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Also wirklich ...

© Xelanja


Es war gestern Abend gegen 21 Uhr als ich, nach einem vorsichtigen Blick aus dem Fenster, beschloss, es sei genau die richtige Zeit, um auf die Pirsch zu gehen.
O nein, ich schieße keine Tiere ab, meine Beutezüge betreffen die Post im Briefkasten, denn in einem Haus mit 80 Parteien, davon die eine Hälfte arbeitslos und die andere Rentner, riskiert man bei jedem Auftauchen in der Öffentlichkeit ...
"O Xelanja! Sieht man Sie auch mal wieder? Ich habe mir schon fast Sorgen gemacht! Wissen Sie schon das Neuste? Aber nein, wie sollten Sie denn, mit den Leuten aus Haus 9 verkehren Sie ja nicht. O, nicht falsch verstehen, das ist schon richtig, völlig richtig, ich ja eigentlich auch nicht, also nicht, dass Sie nun annehmen ... Aber da hielt mich doch gestern der Kleinschmidt an. Das ist der mit dieser fürchterlich dicken Frau, o, Verzeihung, das war keine Anspielung, tut mir Leid. Aber Sie wissen schon von wem ich rede, nicht wahr? Der kleine Mann mit den ausgebeulten Leinenhosen. Na jedenfalls erzählt der mir doch, heute solle es Eiscreme regnen. Er habe es aus erster Quelle, von seiner Tochter, die sei ... irgendsowas mit Wetter und Eis, ich hab den Namen vergessen, ist ja auch nicht wichtig.
Ja, Sie lachen, natürlich. Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß doch, dass es schlicht unmöglich ist, dass aus einer Wasserwolke Eiscreme regnet.
Zunächst wollte ich ihn ja noch fragen, ob unter Umständen in einigen Gebieten auch die Chance bestünde, mit Schlagsahne und Früchten oder so, hihi. Ich meine, wenn das nun an der See gewesen wäre ... also ich hab ja nun mal noch 12 Tage Urlaub und falsch machen kann man ja mit der Ostsee eigentlich nichts - bei dem Sommerwetter! Auch wenn es natürlich keine Eiscreme regnet, selbstverständlich nicht, was für ein Unsinn.
Ob ich Eis mag? Iiiich doch nicht. Über 40 Jahre führe ich ein gesundes, normalgewichtiges Leben. Das werde ich doch nicht für solche Kalorienbomben aufs Spiel setzen, also wissen Sie, ein Mensch, der auf sich hält, würde doch niiiemals, niiiemals um des schnöden Genusses Willen riskieren, womöglich an Herz- Kreislauf-Versagen zu sterben... Was war? Daran stirbt jeder? Also darüber müssen wir noch einmal reden. Da haben Sie sich auch einen Bären aufbinden lassen, aber erstmal die Sache mit dem Eis. Also nein, ich esse sowas nicht, aber meine Frau, sie wissen doch, die mag Süßes so sehr. Und was tut man nicht alles für seine Angebetete? O, danke der Nachfrage, ja, der Hauskreis für die Halter paranoider Pudel läuft noch, ja, meine Frau ist sehr zufrieden mit der Entwicklung. Aber wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Eiscreme. Also ich frage mich, wie Kleinschmidt selbst solchen Unsinn eigentlich glauben kann. Da ist doch ein zehnjähriges Kind schlauer. Das wäre ja wie an den Weihnachtsmann, den Osterhasen oder den lieben Gott glauben ... Verzeihung, Verzeihung, nein, natürlich nicht, ist mir im Eifer der Rede so rausgerutscht, selbstverständlich habe ich nichts gegen die Kirche. Nun, also, ich nehme ja an, PISA ist daran schuld. Was sagen Sie? Kleinschmidt ist zwei Jahre älter als ich? Woher wissen Sie das denn? Haben Sie nähere Kontakte zu ihm? Also ich meine, er ist ja nun nur auf die Hauptschule gegangen. Nicht, dass ich etwas gegen diese Schulen sagen würde, aber natürlich ist es verzeihlich, wenn deren Schüler nicht die fundamentalen Kenntnisse über das Wetter haben, um, so wie wir, mit Sicherheit sagen zu können, dass Speiseeisregen eine mete..., mote..., naturgesetzliche Unmöglichkeit ist. Ja sehen Sie, sie lachen darüber. Aber es gibt eben solche Einfaltspinsel. Die glauben wirklich alles, man sollte ..."
"Herr Quatschi? Wo laufen Sie denn hin? Herr Quatschi! Herr Quaaaatschiii! Das ist keine Eiscremeregen, das ist Joghurt, kalorienreduziert, Himbergeschmack. Kommen Sie doch zurück! Herr Quatschi!"
Fort war er und das wegen drei Tropfen. Na wenigstens konnte ich nun in Ruhe meine Post aus dem Kasten nehmen.



Eingereicht am 21. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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