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Das Klassentreffen

© Frank Moné


Seit unserem letzten, dem vierten, Klassentreffen waren zehn lange Jahre vergangen und ich war auf dem Weg zum Fünften.
Ich weiß nicht recht, ob man diese, unsere post-schulischen Zusammenkommen als üblich bezeichnen konnte. Es war schon immer mehr ein Austausch von infamen Bösartigkeiten gewesen. Aber genau das machte den Reiz aus.
Das Auto parkte ich vor dem Grünen Baum, einer, etwas außerhalb der Stadt gelegenen, Wirtschaft.
Beim letzten Aufeinandertreffen hatte ich keine schlechte Figur gemacht, war aber letzten Endes nicht ganz zufrieden gewesen. Also rüstete ich mental noch mal kurz zur Schlacht und warf mich ins Getümmel.
Der Erste, der mir über den Weg lief, war, natürlich, mein damaliger Busenfeind Heinrich. In der Penne das ungeschlagene Sportass. Das hiesige Äquivalent zu einem amerikanischen Quarterback. Er sah erfreulich schlecht aus.
Heinrich hatte damals Marie geehelicht und einen guten Fang gemacht. Marie war einfach strukturiert, hatte einen überüppigen, bayerischen Vorbau und kannte allein vom pfälzischen Saumagen sechsundzwanzig verschiedene Rezepte. Diese Fülle an kulinarischer Kompetenz spiegelte nun der stattliche Sonnenschutz für Roland Gemächt eindrucksvoll wider.
Er musterte meine noch immer schlanke Gestalt von oben bis unten, nickte mir kurz zu und senkte geschlagen den Blick.
Hä, hä. Den ersten Kampf hatte ich schon für mich entschieden.
Das fing gut an.
"Na, Alter?", dröhnte eine unverkennbare Stimme an meinem linken Gehörknorpel. "Verdienst wohl immer noch nicht genug um satt zu werden?
Karsten.
Langsam drehte ich mich um ... und sah auf einen derart riesigen Bauch, als wolle der, allein der Masse wegen, in Konkurrenz zur Erdgravitation treten.
Ein dem Vollmond nicht unähnliches, kraterübersätes Rund starrte mich aus einem Meter und achtundachtzig an. Seinen Blick konnte ich nicht recht deuten, da seine Augen von wabbelnden Wülsten, die ich nur mit Mühe als menschliche Brauen erkannte, fast gänzlich verdeckt wurden. Sein Hemd hing vorne zum größten Teil aus der Hose und als ich meinen Blick senkte, senken musste, um dem Unfassbaren zu begegnen, sah ich nur wüstes Gewusel, umrahmt von tiefen, weiß hervorstechenden, Schwangerschaftsnarben. Mich würgte es.
Zur Erklärung des wüsten Gewusels: Sehen Sie, der meist etwas umhaarte Bauchnabel eines Mannes ist nun mal der beliebte Treffpunkt einiger weniger Fuseln. Bei Karsten aber stellte die Geburtsnarbe, mit ihren wahrhaft epischen Ausmaßen, ein riesiges Habitat für alle von Körper und Kleidung abgestoßenen Stoffe dar. Radieschen hätten sich dort sicher wohl gefühlt. Und aufgrund seines reichlich fließenden Schweißes wäre auch eine ganzjährige Bewässerung sicher gestellt. Allein über den Geschmack dieses Körperrettichs mochte ich so gar nicht nachdenken.
"Hallo Karsti". Ich wusste, dass er diese Verniedlichung abgrundtief hasste. "Treffen sich hier vorne die Anwärter für neue Erdtrabanten? Ich hoffe außerdem, ich krieg nachher noch was zu essen, oder hast du und Roland schon alles vertilgt?"
Damit ließ ich die beiden stehen, Loser lohnen keiner weiteren Mühe. Nur am Rande bekam ich mit, dass Roland waidwund vom Stuhl stürzte.
Wenn Sie am Boden liegen, tritt es sich am besten. Hä, hä.
Gerard auf elf Uhr. Klein, unscheinbar, Buchdrucker von Beruf eben. Mit ausgestreckter Hand kam er mir entgegen und begrüßte mich freundlich lächelnd: "Hallo Frank. Ich freue mich, dass du das bist. Wenn du dich setzten möchtest, bei uns hinten ist noch ..."
Ohne jegliche Reaktion lief ich an ihm vorbei. Das haben wir alle schon immer so mit ihm gemacht. In Gerhards Augen traten doch tatsächlich Tränen und sein Blick verlor sich in ewiger Verzweiflung. Das hat er auch schon immer so gemacht. Also, alles bestens. Alles beim Alten.
Einige würden nicht mehr dabei sein, das hatte ich schon im Vorfeld erfahren.
Zum Beispiel unser Klassenlehrer, Herr Specht. Vor zwei Jahren war er verstorben und spielte jetzt Harfe auf irgendeiner Wolke. Wenn er dies genauso virtuos machte, wie er damals Gitarre spielte, würde sich der Teufel sicher über die immense Menge von Exilanträgen fluchtwütiger Engel wundern.
Aber auch Dirk musste leider absagen. Er hatte sich in die Dom Rep abgesetzt um dort mit einer kleinen Strandbar reich zu werden. Ein richtiger Aussteiger. Aber allein die Schutzgelder für den ersten Monat brachten ihn an den Rand des Ruins und er musste erst Mal aus der Gastronomie aussteigen. Aber er kniff die Arschbacken zusammen, wurde Zuhälter in Santo Domingo und war selbst sein bester Kunde. Spezialisiert hatte er seine negroiden Latino-Nixen wohl auf den Analbereich. Die erbosten Eltern der meist minderjährigen Mädchen brachten ihn zuerst ins Krankenhaus und dann in den Knast, wo einige, vorab informierte, Häftlinge seine Arschbacken gewaltsam wieder auseinander bogen, um auch ihm ein tiefstoßendes Verständnis des analen Verkehrs auf unvergessliche Weise zu vermitteln. Man muss in diesem Geschäft ja mitten in der Materie stecken, hä, hä, sonst wird da nix.
Er habe seit dem ein recht gespaltenes Verhältnis zu seinem Sitzfleisch, so die Buschtrommel. Ich stellte mir das bildlich vor. Köstlich. Hä, hä, hä.
Im hinteren Teil der Spelunke entdeckte ich einen freien Stuhl nahe dem Fenster. Ein idealer Platz, wäre da nicht Peter gewesen. Auch er hatte gut zugelegt. Volkskrankheit.
"Hallo, du Pfeife", begrüßte ich ihn. "Wieso lebst du immer noch?"
Schwerfällig nahm er sein Bier von den Lippen und drehte seinen Kopf in meine Richtung. Stumpfe Augen sagten stumm Hallo.
"Wech, musch bissen", nuschelte er mich bierschwanger an und drückte sich quälend langsam an mir vorbei. Ich bekam seinen Körper im Profil zu sehen und erstarrte. Seine unnatürlich vergrößerten vier Buchstaben stachen weit nach hinten in den Raum und sein Schorsch tatsächlich nach vorne, weniger weit. Jedenfalls hatte er in der Hose eine, nicht so ohne Weiteres zu erklärende, Beule. So ein Dreckschwein.
Bei diesem Anblick wurde mir Eines klar: Gott ist ein verquerer Spaßvogel mit Amnesieerscheinungen. Und beim Zusammenbasteln des Menschen musste er einen besonders schweren Aussetzer gehabt haben. Wie sonst konnte er das menschliche Lustzentrum genau gegenüber der humanen Müllkippe anbringen?
Kopfschüttelnd vergaß ich das zum Urinieren torkelnde Monstrum.
Ich setzte mich und sah in ein Paar blauer Augen. Ich kam nicht umhin zu bemerken: "Hi, Winnie. Hast du statt einem Kajaalstift den dicken Edding genommen?"
Winnie war eine Nummer für sich. Er war das Paradebeispiel von dem, was man einen Warmen Bruder nannte. Darum war er sicher Friseur geworden. Für mehr hatte es in der Schule auch nicht gereicht. Ich weiß noch, wie wir ein Diktat schrieben, in dem das Wort Kartoffel vorkam. Da er nicht wusste, wie man das schreibt, verwendete er, bauernclever wie er war, das pfälzische Synonym Grummber (Krumme Beere) und schaffte so souverän den Landesrekord von zweiundzwanzig Fehlern in einem Satz mit zehn Wörtern.
"Hallo Fränkie. Du hast dich aber überhaupt nicht verändert", flötete Warm Winnie auch sogleich. Er sprach irgendwie durch die Nase, so als hätte er Stockschnupfen und zog die Wörter immer seltsam weich in die Länge. Unangenehme Schauer schüttelten mich durch.
"Findest du, ich habe etwas zu dick aufgetragen?", säuselte der laue Winnie weiter und nestelte einen kleinen hellblauen Spiegel aus seiner Schwangerschaftslatzhose hervor.
Ich fand, er trug immer zu dick auf, aber was soll's.
"Ich habe mein Make-up extra noch mal von Norbi-Bär checken lassen, bevor ich hierher aufbrach", unterrichtete mich Winfried. "Dadurch habe ich mich fast verspätet."
Ich konnte nicht anders, wirklich nicht, und musste fragen: "Gib es zu, du bist nicht rechtzeitig aus dem Arsch gekommen?"
"Nein, nein. Ganz gewiss nicht", erwiderte Winnie völlig ernst. Die Doppelbödigkeit meiner Frage war ihm voll entgangen. Innigst die Marseillaise pfeifend entfleuchte der zu heiß getaufte Winnie mit seinen typischen, kleinen Geisha-Schritten gen Damentoilette, einen Hauch von Chanel Nr. 5 hinter sich her ziehend. Die Frage, wer dort zuhause wohl bückend das Röckchen hob erübrigte sich.
Thorben, der, einen Tisch weiter, zugehört hatte rutschte vor Lachen vom Stuhl.
Äähhh. Thorben. Allein schon der Name. Fast so schlimm wie Sören oder Malte. Jetzt kam er auch noch rüber an unseren Tisch. Groß, athletisch und braun gebrannt wie eine Tüte gerösteter Mandeln vom Weihnachtsmarkt. Der rheinland-pfälzische Prototyp eines Eroberers. So 'ne Art urbane Version von Julio Iglesias.
"Setz dich, mein Großer", sagte ich scheiß-freundlich und zog den leeren Stuhl neben mir für Thorben zurück. Allerdings hielt ich in dieser Bewegung nicht inne, schon gar nicht in jenem Moment, wo er sich mit Schwung niederließ. Er knallte ungebremst mit seinem Knackarsch auf das Parkett und tat uns Allen den Gefallen, sich einen doppelten Splitterbruch am Steißbein zuzuziehen. Die Schmerzen, die ihm jede kleinste Bewegung verursachte, mussten höllisch sein. Aber mein Gott, ein Eroberer musste das doch abkönnen.
Prustend vor Vergnügen johlte die ganze Klasse und etliche Hände klopften anerkennend meine Schultern. Das Vergnügen hielt an, bis die beiden Johanniter den unglücklich Gestürzten derart mit Morphium vollgepumpt hatten, das er nur noch unverständliches Zeug lallte.
Dann kam Detlef. Nomen est omen.
Detlef erinnert mich immer an die Odyssee der kleinen, einsamen Zelle. Sie tauchte im Kopf des Mannes auf und fand sich mutterseelenallein. Verzweifelt rief sie wochenlang um Hilfe und wollte sich schon in die weiträumige Leere des männlichen Hauptes stürzen, als ihr Flehen erhört wurde. Eine alte, hormonverseuchte Zelle erschien. Diese schüttelte mit maßlosem Unverständnis den Kopf und meinte zur Kleinen: "Hab ich doch was gehört. Aber was machst du, in Gottes Namen, hier oben. Wir sind immer alle unten."
Nichts für ungut, Detlef.
Außerdem war ein glühender Anhänger des neuen deutschen Papstes. Na, wie sollte da was aus ihm werden.
In diesem Zusammenhang: Wussten Sie, dass der Papst der einzige Christ ist, der in den Freitod gehen darf? Klar, wenn er sich beruflich verbessern kann. Aber lassen wir das.
Mein Blick wanderte auf die andere Seite des Raumes, wo die Damen residierten.
Die Mädchen aus unserer Klasse, mittlerweile war die Bezeichnung Dreadnaughts wohl passender, ignorierten uns. Das war damals schon so. Sie waren zu fein, um sich mit uns, dem gewöhnlichen Plebs abgeben.
Aber ich war auch nicht traurig darüber. Was für eine Horde aufgetakelter Hexen war aus ihnen geworden. Des Teufels Fleisch gewordene Antwort auf die schrecklichsten Albträume von Adam, Noah und noch einiger Generationen mehr der vorsintflutlichen Testamentsvollstrecker.
Die Einen zwängten Massen unkontrolliert wuchernder Zellen (sagt man nicht Krebs dazu?) in fünf Nummern zu kleine Kostüme, bei den Anderen, den so genannten Laufstegspargeln, hatte man Angst, sich schon beim Händeschütteln, Spreißel zu holen. Einen vernünftigen Mittelstand schien es auch hier nicht mehr zu geben.
Institoris und Sprenger hätten sicher noch zwei, drei verschärftere Versionen des Malleus maleficarum verfasst, wären sie dieser Ungewalt von Dämlichkeiten gewahr geworden. Also starrte ich, bewusst nichts wahrnehmend, durch Belinda, einer Mischung aus Mutter Beimer und Roseanne, hindurch und wandte mich, theatralisch gelangweilt, wieder den Herrlichkeiten, sprich Männern, zu.
Der letzte Herausforderer war Mark. All meine anderen Klassenkameraden hatten sich schon lange, mit furchtsam gesenkten Köpfen und Stimmen, in eine stille Ecke zurück gezogen, um nicht auch meiner überlegenen Durchsetzungsfähigkeit anheim zu fallen.
Enttäuschenderweise stellte aber auch er keinen Prüfstein dar. Ich verwies in verbal in seine Schranken und er verkroch sich, eine Schleimspur hinter sich her ziehend, wieder unter seinen Stein. Ein Gutes allerdings hatte die Begegnung mit Mark. Nachdem ich sein Gesicht gesehen hatte, gefiel mir mein Hintern wieder.
Noch zwei Stunden genoss ich meinen Triumph, dann wurde es mir langweilig und ich verabschiedete mich grußlos.
Ich ging zu Bett mit der zutiefst männlichen Befriedigung ein weiteres Mal sieg- und ruhmreich harte Schlachten geschlagen zu haben.
Rechtschaffen müde, wie es sich für einen wahren Helden geziemt, kramte ich meinen Lieblingsschlafanzug, den mit der großen Micky Maus auf dem Oberteil, aus der Kommode, packte meinen Schmusepinguin fest in den Arm und fiel, sanft am Daumen nuckelnd, in reflektierende Träume.



Eingereicht am 14. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.



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