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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Quodlibet, Wein und Physik

© Frank Moné


Meine allerliebste Ehefrau, mein nicht minder gemochter Sohn und meine bescheidene Wenigkeit waren aufgebrochen, um in der Stadt ein wenig shoppen zu gehen. Wir taten das gerne in der großen Einkaufspassage, derweil es da eine Unmenge Schuhläden, zwei heiß umkämpfte Verkaufstellen für Yu-Gi-Oh-Karten und meine Lieblingsbuchhandlung, Quodlibet, gibt.
Während mein Sohn sich die neuesten Karten erprügelte, meine Frau enthusiastisch für noch mehr quälende Enge in unseren Schuhschränken sorgte, nahm ich mir die Zeit, in den neuesten Zugängen der Verkaufsbibliothek zu stöbern.
Quodlibet unterscheidet sich durch einen bemerkenswerten Service von anderen Buchhandlungen. Man konnte, an niedrigen Tischen mit ebenso niedrigen Sesseln, in den Büchern schmökern und dazu, beispielsweise, ein gutes Glas Wein trinken. Also nahm ich mir vier interessant aussehende Wälzer, suchte mir ein ruhiges, lauschiges Tischchen und blätterte mich durch den ersten Band.
Bei Seite neunundsechzig fragte mich dann eine weiblich-dunkelrauchige Stimme: "Hallo, möchten Sie zur Lektüre etwas trinken?"
Ich nahm meinen Kopf hoch und sah in die großen, dunklen Augen einer jungen, äußerst attraktiven Verkäuferin.
Dass ich im ersten Moment keinen Ton raus brachte, lag weniger an diesen Augen oder dieser Stimme, als viel mehr an ihrem Ausschnitt, dessen großzügig bemessener Inhalt mich gefällig anwippte. Bildlich gesprochen. Selbstverständlich riss ich mich umgehend von diesen Anblick los und bestellte, ein klein wenig fahrig, einen großen Rotweinschorle. Lächelnd wippte sie von dannen. Noch immer lächelnd brachte sie, auf Seite einhundertvier, das Getränk und unwillkürlich begann mein Kopf wieder dieser hypnotischen Bewegung zu folgen. Ich nahm erst mal einen langen Schluck, um meinem Haupt eine andere Bewegung aufzuzwingen und bestellte gleich noch so ein Teil. Mein Gott, war das heute heiß.
Wie? Nein, bitte, nun schauen Sie mich doch nicht so abfällig an. Wir wollen doch nicht päpstlicher sein, als der neue Josef. Dem ist, schlussendlich, die Glaubenskongregation auch derart am Sack vorbei gegangen, dass er doch lieber aller Christen Papa geworden ist.
Sie können es auch so sehen: Seit Jahren gehen Sie zu ihrem Lieblingsitaliener. Seit Jahren sehen Sie sich jedes Mal all die leckeren Köstlichkeiten auf der Speisekarte an. Aber seit Jahren bestellen Sie doch immer nur die Pizza Semplice mit Zwiebelringen und Sardellen. Stimmt´s? Na sehen Sie. Keine Gefahr.
Vom schnell runter gekippten Rotweinschorle schon leicht dulli, widmete ich mich dem zweiten Buch.
Mir gegenüber nahm ein älterer Herr Platz, der sich, von der Verkäuferin freundlich wippend aufgefordert, angenehm genötigt sah, einen Kaffee zu bestellen.
Als ich das nächste Mal von meiner Lektüre aufsah, servierte besagte Wippe, mit dem Rücken zu mir, gerade den Kaffee. Amüsiert beobachtete ich den fischig werdenden Blick meines Gegenübers. Er gluckste ein wenig unartikuliert und seine Brillengläser beschlugen.
Hä hä, armer Teufel. Tja, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat ...
Um diesen Hormongetriebenen nicht weiter durch mein anzügliches Grinsen bloß zu stellen, wandte sich mein Blick ab. Und blieb an der faszinierenden Rückseite der jungen Dame hängen. Mein Kinn klappte runter bis in meinen Schritt, aber ich rief mich zur Ordnung, bin ich doch ein erwachsener Mann und stehe über solch banalen Äußerlichkeiten.
Schnell und scheu überflog mein Blick die von hier aus sichtbaren Schuhläden.
Ich hatte Durst wie ein Kamel mit fünf schlaffen Höckern in der Kalahari und leerte meinen zweiten Schorle.
Drittes Buch. Dritter Schorle. Lange Haare. Lange Beine. Große Ober... lichter hatten die hier. Phänomenal.
Viertes Buch. Noch ein Schorle. Mein Blick verschwamm schon leicht. Ich fragte mich, womit man hier mehr Umatz machte? Mit den Büchern oder den Getränken?
Mit der Entsagungsfähigkeit einer achtzigjährigen Nonne und unterm Pony gaga zwang ich meinen Blick in das letzte Buch und begann konzentriert zu lesen.
Im ersten Kapitel ging es um Strings. M-Strings, N-Strings, X-Strings, lose Strings und an Waben gebundene Strings. Hatte ich mir womöglich einen Beate-Uhse-Katalog geschnappt?
Mein kleiner Rülpser ging im allgemeinen Trubel unter.
Kapitel Zwei behandelte eindeutige Signale aussendende und alles in sich aufsaugende, schwarze und weiße Löcher. Konvulsivisch zuckend und mit einem schier unersättlichen Hunger. Mein umnebelter Geist stellte sich, innerlich dreckig grinsend, die Eigenschaften von Blonden oder Brünetten vor.
Linkisch versuchte ich mir den Schweiß von der Stirn zu wischen, schlug aber nur meinem direkten Nachbarn die Belletristik aus der Hand. Schnell lallte ich eine Entschuldigung.
Leider hatten diese Lochmonster auch eine hohe Entweichgeschwindigkeit.
Hoppla, so schnell wollte ich, fantasiegetrieben nun schon einmal drin, eigentlich nicht wieder entweichen. Zumindest nicht vor einem heißen Materieausstoß. Stand so im Buch.
Vom fünften Schorle verschüttete ich die Hälfte über meine Knie.
Dann kam die Kraftitation. Nein, falsch. G-r-a-v-i-t-a-t-i-o-n.
Ich hielt mir ein Auge zu und siehe da, aus zweien wurde wieder eine Zeile.
Diese Gravitation, so stand hier, zieht einem unweigerlich an und es gibt noch kein Mittel dagegen.
Da haben Sie´s. Männer sind nach dem Sex nicht müde, sie werden nur von der Gravitation überwältigt. Und es gibt noch kein Mittel dagegen.
Gravitation heißt Anziehungskraft und kann in den unterschiedlichsten Formen auftreten. Ich hielt nach meiner Gravitationswippe Ausschau und kam nicht umhin, Mutter Natur, ob mancher dieser wunderschönen Formen, zu gratulieren.
Mein nächstes Aufstoßen rief dann doch etwas Unmut hervor. Auch in der benachbarten Bäckerei und dem Fleischerfachgeschäft gegenüber.
Schielend und halb vom Sessel gerutscht, kam ich zum Thema Relalalafitätsteorie.
Sie werden nicht glauben, zu welch tiefgreifenden Erkenntnissen ein bisschen Rotwein, zurzeit der sechste, dem menschlichen Geist verhelfen kann. Denn ...
Da stand: Je schneller ein Körper wird, um so mehr gewinnt er an Masse. Bei Lichtgeschwindigkeit seien beide - Geschwindigkeit und Masse - unendlich.
Ich musste meinem Freund Klaus, 135 kg bei 179 cm, wohl Abbitte leisten. Der war nicht zu dick, nein, der war nur zu schnell. Na, hoffentlich, sabberte ich meinen Nachbarn an, wird er nicht noch schneller und bekam einen unkontrollierbaren Lachkrampf, der mich vom Sessel katapultierte.
Glücklich und strackevoll glotze ich mit verdrehten Augen unter meinem Tisch hervor, meiner hin und her wippenden Lieblingsform hinterher.
Sobald ich wieder nüchtern war, würde ich meinen Sohn im Krankenhaus besuchen, meiner Frau zur Versöhnung einen vierten Schuhschrank kaufen und mich, hier im Quodlibet, weiter bilden.



Eingereicht am 28. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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