www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Meine Pause, die Buchhandlung und ich

© Felix Clervaux


Ich liebe Buchhandlungen.
Diese Tatsache hat ihren Ursprung in einer zufälligen Begegnung, die dann wahrhaftig gereift ist wie die Zuneigung zu einem Menschen. Oder auch einem Tier.
Falls Sie verstehen, was ich meine.
Sie tun es aber nicht: ich spüre das an der Art, wie Sie jetzt auf diese Zeilen schauen, womöglich die Nase dabei rümpfen oder die Stirn in Falten ziehen.
Stopp! Schauen Sie jetzt mal so in den Spiegel: das sieht nicht schön aus, oder?
Begonnen hat alles in einer Pause.
Die Werbung suggeriert uns, in dem Wort Pause etwas über alle Maßen Positives zu sehen, z.B. durch die Darstellung sonnendurchfluteter Räumlichkeiten, in denen sich weichgezeichnet eine Person auf einem Diwan räkelt, welche sich den rrrröstfrischen und das Feuer Lateinamerikas beinhaltenden Kaffee aus einer (seltsamerweise zumeist überdimensionierten) Tasse munden lässt.
Meine mir während meiner beruflichen Tätigkeit zugestandene Pause heißt ganz offiziell "tariflich geregelte Arbeitszeitunterbrechung" und der Zustand, in den ich dann versetzt werde, ähnelt in irgendeiner Weise schon zuvor genanntem - nur ohne Sonnenflut, Diwan und Weichzeichner.
Auch werde ich eher aus den Tiefen des Ladens, dem ich arbeitnehmenderweise zugehörig bin, für 60 Minuten in die Freiheit entlassen und auf die Straße gespien anstatt mich wohlig (und freiwillig) auf obengenanntem Möbelstück niederzulassen.
Einen Kaffee gehe ich aber dennoch ab und zu mal trinken.
Als ich anfing, dort zu arbeiten, habe ich diese Stunde meist damit verbracht, durch die naheliegenden Geschäfte zu streifen (auch wenn ich nichts brauchte), Spaziergänge zu machen (auch wenn das Wetter nicht danach war) und dem einer Pause fast symbolisch anhaftenden Merkmal genüge zu tun, etwas essen zu gehen (auch wenn ich keinen Hunger hatte).
Somit erschien mir meine zwangsweise verordnete Ruhezeit fast drei Jahre lang und fünfmal in der Woche stets mehr oder weniger als für mich nicht allzu sinnvoll verwertbarer Teil des Tages.
Doch dann öffnete eine Buchhandlung zwei Straßen von meiner Arbeitsstelle entfernt. Und dies in aufwändigem Stil: über vier Stockwerke erstreckte sich die Lokalität, zahlreiche Leseecken, Hörbuchstationen und ein Café inklusive.
Groß, doch trotzdem mit eigenem Charme.
Zunächst waren meine Besuche dort von zeitlich eher extrem begrenztem Charakter und beschränkten sich zudem auf Belletristik. Hatte mir jemand ein Buch empfohlen oder hatte ich über eines, das interessant schien, selbst in einer Zeitschrift gelesen, steuerte ich das Oeuvre quasi gezielt an, um es in konkreten Augenschein zu nehmen.
Dieses Verhalten währte allerdings nicht lange. Wir kamen uns näher.
Immer wieder glitt mein Blick gen zumeist sehr appetitlich auf Stapeln, Podesten und sonstigen Präsentationsflächen offerierten Werken, derer ich die Örtlichkeit eigentlich nicht aufgesucht hatte, und wenn ich mich auch in keiner Lesezone niederließ, so las ich mich doch des Öfteren im Stehen fest.
Sei es ein viel versprechender Titel, ein außergewöhnlicher Autorenname oder nur ein verlockend anmutender Umschlag: die Griffe in die Vielfalt des Angebotenen häuften sich von Mal zu Mal.
Wie auch die Gänge zur Kasse. Mit einem neuerlichen Objekt der Begierde, welches sich mir manchmal nur ein paar Minuten zuvor und zufällig offenbarte.
Meine Besuche wurden länger, meine Intention, die Buchhandlung überhaupt aufzusuchen, immer weniger zielgerichtet. Ein wohliges Gefühl durchzog mich bereits beim Durchqueren der Ladentür.
Und diese Ruhe! Und dieses Niveau!
Ich hatte niemals zuvor darüber nachgedacht, dass es in vielen Branchen des Einzelhandels (leider auch in jener des Unternehmens, für das ich tätig bin) keinerlei Intelligenz oder Kultur bedarf, um dort einzukaufen, sprich: diese Geschäfte werden von jedem (Idioten...) frequentiert. Andere dagegen setzen zumindest ein Basiswissen voraus, und sei es nur die vollständige Beherrschung des Alphabets und des Interesses der Informationsaufnahme durch das geschriebene Wort, das sich über mehr als die zehn Seiten der BILD-Zeitung ausbreitet.
Wobei sich mir angesichts der Verhaltensmuster des mir anvertrauten Kundenkreises die Frage aufdrängt, ob zwischen fehlendem Intellekt und panikartiger Hektik irgendwo ein kausaler Zusammenhang besteht.
In der Buchhandlung schien den Menschen nichts davonzulaufen. Sie wirkten in völligem Einklang mit sich selbst.
Ich verbrachte immer öfter und immer mehr Zeit dort.
Und zu den Romanen und Erzählungen gesellte sich in immer stärkerem Maße Interesse an anderen Formen der Literatur. Wobei diese Ausdrucksweise dem Charakter von Titeln wie 500 Vietnamesische Verben oder Suppen für jede Jahreszeit eine etwas überzogene Wertigkeit verleiht. Dennoch wollten die Buchreihen in den Regalen jeder Abteilung angesehen, beachtet und in Teilen näher studiert werden.
Es schien noch zu vieles zu entdecken. Und wenn Sie erst einmal, so Sie denn in Berlin oder Umgebung daheim sind, angewurzelt von einem Buch, welches Mystische Orte in Brandenburg betitelt ist, stehen geblieben sind, kann es kaum noch ein Entrinnen geben.
Manchmal glitten meine Finger schon über Leinen und Papier - einfach so. Das Buch an sich als regelrecht meditatives Erlebnis. Das Knistern der Seiten beim Öffnen. Der Geruch, der aus einem Bildband emporsteigt. Das Gefühl, dass jemandes Herzblut in fast jeder Publikation steckt. Ganze Regale voll pulsierendem Leben.
Inzwischen freue ich mich stets auf meine Pause. Eine Stunde Ruhe und Geborgenheit. Manchmal überziehen wir unsere Zeit miteinander sogar. Na ja, wieder mal festgelesen.
So wandle ich, berühre, lese an, bewundere, denke, genieße. Und bin vereint mit dem schöpferischen Schaffen mehrerer Jahrhunderte - also praktisch ommmmmmmmmm.
Sollte ich mich da noch mehr hineinsteigern, werde ich mich bei Wetten dass anmelden und behaupten dürfen, ich könne die Abteilungen "meiner" Buchhandlung alleinig am Geschmack erkennen.


Eingereicht am 06. Mai 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


»»» Kurzgeschichten: Humor, Satire, Persiflage, Glosse ... «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««