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Hallo Ulla - bist Du's?

© Maria Troschke


Ein ganz gewöhnlicher Wochentag, der Tag, der mein Leben verändern sollte! Ich saß mit meinem Jüngsten gemütlich beim Cappuccino, als das Telefon klingelte. Wie immer meldete ich mich brav und bieder mit meinem Nachnamen. Am anderen Ende ist Schweigen ... Dann eine männliche Stimme: "Hallo Ulla, bist Du's?"
"Nein, hier ist nicht Ulla!"
"Ja, ich wollte eigentlich ... ja, wer ist denn da überhaupt?"
"Hier ist der Anschluss von Maria Troschke."
"Ja, merkwürdig, aber dann muss ich mich wohl verwählt haben. Entschuldigen Sie bitte!"
"Macht ja nichts, tschüss!" antworte ich, lege auf und vergesse den Anruf.
Eineinhalb Stunden später: Das Telefon läutet. Ich melde mich in der üblichen Art.
"Bitte, legen Sie nicht auf! Ich bin der Mann, der sich vorhin verwählt hatte. Ich habe die Wahlwiederholung benutzt, um Sie noch einmal anzurufen. Normalerweise hätte ich einige wichtige Gespräche führen müssen, aber dann wäre Ihre Telefonnummer gelöscht worden und ich habe die ganze Zeit gebraucht, um meinem Mut zusammenzunehmen und Sie noch einmal anzurufen! Ich muss Ihnen unbedingt etwas sagen. Wissen Sie, dass Sie eine hocherotische Stimme besitzen?"
Mein erster Impuls: Ein Spinner! Auflegen! Mein Zweiter: Vorsicht! Da will dich jemand auf den Arm nehmen und lacht sich halb schlapp dabei! Neugierig war ich aber auch und welche Frau hört nicht gerne, dass sie ein hocherotisches Sprechorgan besitzt?
Die männliche Stimme sprach weiter: "Als ich vorhin so zufällig bei Ihnen gelandet bin, traf mich Ihre Stimme wie ein Schlag ins Gesicht!"
"Oh," sage ich, das tut mir Leid! Tut's weh?"
"Nein, im Ernst, ihre Stimme ist die erotischte Stimme, die ich jemals gehört habe! Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?"
"Na, jedenfalls keinen Telefonsex, aber ich merke es mir für schlechte Zeiten mal vor. Man weiß ja nie, man soll man gut bügeln können!"
Geschocktes Schweigen am anderen Ende! "Nein, nein, so meine ich das nicht! Wahrscheinlich mache ich mal wieder alles falsch und rede mich um Kopf und Kragen, aber ihre Stimme hat mich total verwirrt! So etwas ist mir noch nie passiert! Ach, ich könnte Ihnen stundenlang zuhören!"
"Soll ich Ihnen vielleicht etwas vorlesen? Ich habe hier gerade ein Kochbuch liegen?"
"Nein, ich meine das ernst, aber wahrscheinlich haben sie überhaupt keine Zeit sich mit mir zu unterhalten, haben Mann und Familie!"
Und ich falle auf diesen plumpen Trick herein und sage, dass dem nicht so ist, oder besser nicht mehr und produziere damit einen Aufschrei am anderen Ende der Leitung: "Was??? Das darf nicht wahr sein! Bitte nicht auflegen, ich finde einfach nicht die richtigen Worte, um meine Gefühle zu beschreiben, die Ihre Stimme bei mir auslöst!"
Langsam wird mir das unheimlich!
"Ihre Stimme ist faszinierend! Sie haut mich aus den Schuhen! Ich möchte Sie unbedingt kennen lernen, aber vorher möchte Ihnen etwas über mich erzählen, damit Sie wissen, mit wem Sie es überhaupt zu tun haben!"
Es folgte eine detaillierte Personenbeschreibung, die nichts ausließ: Alter, Größe, Gewicht, Beruf, Hobbys und Familienstand. Ich dachte mir: Passt ja perfekt - wenn's stimmt! Wetten, das der in echt bestimmt siebzig ist und einen Buckel hat?
Ich muss sagen: Die Stimme gefiel mir, leichter Siegerländer Akzent zwar, aber angenehm. Wie ein Ping-Pong-Ball flogen nun die Fragen und Antworten hin und her. Mit Alter und Gewicht hielt ich mich allerdings zurück, man muss ja nicht gleich alles ausplaudern!
Nach einem Weilchen kam es mir vor, als ob es meinem Gegenüber ziemlich gleich war, ob ich nun hochgeistige Gespräche zu führen versuchte oder ob ich ihm das Schmallenberger Telefonbuch vorlesen würde, Hauptsache ich redete!
So nutzte ich die Macht meiner Stimme um ihn schamlos auszufragen. Als ich alles wusste, was mich interessierte, beendete ich das Gespräch um nachzudenken. Zuerst mal rief ich meinen Exmann an und fragte empört: "Sag mal, ist dir in den vielen gemeinsamen Jahren nie aufgefallen, dass ich eine sehr erotische Stimme habe?"
"Stimmt!" sagt der glatt. "Hab ich doch immer schon gesagt! Dir hört man einfach gut und gerne zu."
Also, daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern und ich habe meine Stimmbänder während unserer Ehe ganz schön strapaziert!
Ab jetzt klingelte jeden Abend mein Telefon. Mein unbekannter Verehrer schien nicht genug von mir zu bekommen. Inzwischen hatte ich seine Angaben natürlich überprüft und - sie stimmten alle! Es gab ihn wirklich und wahrhaftig und sogar Alter und Sternzeichen passten perfekt zu mir!
Ich dachte: So etwas gibt's nur in schlechten Romanen, das passiert nicht wirklich. Heute lernen sich Menschen durchs Internet oder über Anzeigen, oder einfach auf der Straße kennen, aber doch nicht so!
Inzwischen konnte ich es mir nicht verkneifen, Bekannte und Freundinnen mal so nebenbei zu fragen: "Sag mal, wie findest du eigentlich meine Stimme?"
"Wieso? Wie immer! Ist was mit deiner Stimme?"
" Nein, nein, nur so."
Bis dann irgendwann kam: "Also, was hast du nur immer mit deiner Stimme? Stimmt damit was nicht?"
Diese Ignoranten! Kennen mich eine halbe Ewigkeit und merken überhaupt nicht, dass ich etwas besitze, was sie nicht haben! Bis mich meine Schulfreundin Doris wieder aufbaute, indem sie sagte: "Ja weißt du, ich war in der Schule immer von deinem Mund und deiner Stimme fasziniert! Wie du so Gedichte aufgesagt hast oder Aufsätze vorgelesen! Besonders gern habe ich dir beim Pausenbrotessen zugesehen!"
Und ich dachte immer, sie hätte Hunger, wenn sie so starrte! Ja, es stimmte, bei jeder Gelegenheit musste ich Gedichte vortragen, habe aber immer geglaubt, dass es am flotten Auswendiglernen gelegen hat und weniger am Zauber meiner Stimme! So kann man sich irren!
Und wenn ich so nachdenke ... Meine Familie hat mir immer vorgehalten, dass ich als Baby Tag und Nacht geplärrt habe. Die haben einfach nicht bemerkt, dass ich sie nur auf meine einzigartige Stimme aufmerksam machen wollte! Warum nur hat mir das nie jemand mal früher gesagt? Was hätte ich mit dieser Stimme alles werden können? Miss Tagesschau! Lottofee! Oder Synchronsprecherin!
"Jetzt hab Dich nicht so", sagt Doris, "eher Zeitansage bei der Post oder Telefonseelsorge. Dann wärst du im öffentlichen Dienst!"
Angeboren also - nicht erkältet! Ich muss noch sagen, dass ich zum Zeitpunkt, an dem meine Telefonbekanntschaft ihren Anfang nahm, an den Nachwirkungen einer Halsentzündung litt, die meiner Stimme vielleicht das gewisse Etwas verlieh. Was wäre, wenn diese abklingt und meine Alltagstimme dann doch nicht mehr so hocherotisch erscheinen lässt? Soll ich jetzt die nächsten Jahre eine chronische Erkältung züchten um diesem Typen zu gefallen?
Das allabendliche Telefonieren ging weiter, doch irgendetwas hinderte mich, einem persönlichen Treffen zuzustimmen. Vorsichtig deutete ich an, dass so ein Treffen doch ziemlich riskant sei und mit einer großen Enttäuschung enden könnte. Möglicherweise sei meine Stimme ja ganz nett, aber ich könnte ja zum Beispiel rein äußerlich überhaupt nicht seiner Vorstellung entsprechen! Mein Verehrer sagte darauf doch tatsächlich: "Mit dieser Stimme können Sie ruhig aussehen, wie eine Hexe! Die Stimme macht das wett!"
Dieses Mal schwieg ich geschockt! Was glaubt dieser Typ denn? Der ist doch krank! Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Telefonstimmen ganz schön in die Irre führen können und nichts über die äußere Erscheinung aussagen. So entpuppte sich einmal eine sehr angenehme, sonore Männerstimme, die einen gewissen Resonanzkörper vermuten ließ, als dürres, mickeriges Männchen, während die Dame mit der Elfenstimme eher mit einer Bulldogge verwandt zu sein schien. Also, ich kühlte merklich ab!
Unsere Gespräche waren inzwischen so weit gediehen, das wir uns gegenseitig unsere altersbedingten Wehwehchen schilderten, weil uns nichts anderes mehr einfiel! Und mir fielen keine Argumente mehr ein, ein persönliches Zusammentreffen zu verhindern. Ich hatte einfach kein gutes Gefühl!
Feige lenkte ich das Gespräch auf schnöde Äußerlichkeiten und ließ einfließen, dass ich für eine Frau recht groß, nämlich 180 sei und über 100 kg wiegen würde!
Da half dann auch die erotischste Stimme nichts mehr, die Anrufe blieben aus.
Eine Zeit lang habe ich sie vermisst, war doch ein nettes Geplänkel und im Gegensatz zu ihm, habe ich sogar die Adresse. Vielleicht fahre ich ja mal zufällig in O. vorbei, mal sehen!


Eingereicht am 20. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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