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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Pfandasie

© Anita Pöltl


Die Zeitung beschwert sich heute Morgen über fehlende Phantasie bei Jugendlichen.
Wenn ich aber im Fernseher diese Möchte-gern-Stars-von-morgen-Shows sehe, steigt aus den Tiefen meiner Psyche langsam der Gedanke auf, dass schon Phantasie dazu gehört, sich diese Person als Star vorzustellen ...
Also haben laut Zeitung die Jugendlichen keine Phantasie, aber im Fernsehen schon. Woher nehmen diese Leute wohl ihre Phantasie?

Es war eine kalte, dunkle und verregnete Nacht. Jake Smartender, mit bürgerlichem Namen Hans Ochsenknopf, eilte zu dem kleinen, windschiefen Container hinter dem Studiogebäude. Hastig verkroch er sich in dessen Windschatten und zog seine digitale Uhr mit Leucht-Display aus der schmutzigen Jacke. Er warf einen verängstigten Blick darauf. "Scheiße!", stieß er hervor, und schob die kostbare Uhr zurück in ihr ölfleckiges Versteck. Dann zählte er bis drei und stürzte sich zurück in den peitschenden Regen, aus dem er gekommen war.
Die Dunkelheit verschlang ihn, und erst eine flackernde Straßenlaterne enthüllte das von verlaufenem Make-up verunstaltete Gesicht wieder. Zitternde, perfekt manikürte Finger zogen einen ledrigen Papierfetzen aus der anderen Tasche, auf dem die Schrift sich sofort mit dem Regen vermischte, und in kleinen Rinnsalen herabfloss. "Scheiße!" Und noch einmal.
Die verzweifelte Fratze des Jungen verzerrte sich zu einem weinerlichen Ausdruck, als er so mitten in der Großstadtstraßenkreuzung stand. Da schaltete das rote Auge der Ampel um, und ein dröhnendes Hupen riss ihn aus seiner Vertiefung. Zu Tode erschrocken wich er aus, stolperte und landete mit einem klatschenden Geräusch in einer Schlammpfütze, in die der Regen ein wenig Öl gemischt hatte. Es schillerte auf der zerwühlten Oberfläche der Pfütze. Hans setzte sich auf.
Nervös blickte er sich um, versuchte sich zu orientieren. Das umgebogene Straßenschild kannte er aber nicht. Er versuchte, die Schrift eines morschen Holzbrettes zu lesen, das mit Maschendraht an dem Schild befestigt und mit leuchtend roter Farbe bepinselt worden war.
Er konnte es nicht erkennen. Verzweifelt saß er in seiner Pfütze und spürte die kalte Nässe seine dürftige Designer Kleidung durchdringen. Nach dem Interview hatte er dem Manager gesagt, er ginge eine rauchen, hatte sich seine Jacke übergeworfen und war geflüchtet.
Nun saß er da, völlig durchweicht. Vielleicht suchten sie nach ihm? Ein Schreck durchfuhr den Halbwüchsigen. Sie durften ihn nicht finden! Nicht so!
Mit eckigen Bewegungen verließ er die Kreuzung und das Trost spendende Straßenlaternenlicht. Unter einer Plane, nicht weit entfernt, fand er Schutz vor dem Wetter. Hier könnten sie ihn nicht sehen.
Er stellte sich vor, er sei ein berühmter Prinz, und das hier sein Schloss. Hans richtete sich auf und hörte das Klatschen des Regens, als würden seine Untertanen ihm zujubeln.
Dann stand er, und wollte gerade das Tor zum Palast aufstoßen, als er die Inschrift am Tor bemerkte:
Norbert Knycsiwik, Phantasieverleih.
Das war es! Da musste er hin.
Hans warf die Plane ab und schüttelte den Türgriff, aber es war abgesperrt. Enttäuscht spähte er hinein, in der Hoffnung, jemanden zu sehen. Aber da war nur ein Zettel auf der Ladentheke. Mit Mühe konnte Hans die Schrift entziffern:
Beleg:
Phantasie von Dienstag , den 13.12.2004 05:00 Uhr bis 23:59 Uhr verliehen an Hr. Hans Ochsenknopf, wohnhaft in der Innerstraße 7b.
Bezahlung mit 1,76 kg Hirnmasse.
Unterzeichnet: N. Knycsiwik (staatl. geprüfter Phantasieverleiher)
    Hans Ochsenknopf
Hans hämmerte gegen die Tür, aber niemand regte sich. Völlig verzweifelt kroch er wieder unter seine Plane. In dem Moment tönte das Läuten der Kirchturmglocken über die Häuser. Zwölf mal. Es war zu spät. Hans war nun zwar ein phantasievoller Mensch, aber 1,76 kg seines Hirnes würden auf immer und ewig Norbert Knycsiwik, dem staatl. geprüften Phantasieverleiher gehören.


Eingereicht am 16. April 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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