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eBook Karin Reddemann: Toter Besuch

Dez
01
Zwergengünter
© Karin Reddemann

Kurt Bitterloh sah aus wie der Berater des Präsidenten. Vor Jahren habe ich in einem dieser genialen Gespenstercomics, die ich damals massenweise auf dem Klo meiner schrulligen Tante Elsbett von Wickertsmühle verschlang, über das brutal-tragische Ableben des Beraters Johnny Anthony Moore gelesen, der den größenwahnsinnigen Präsidenten Alf E. Wright und seine verlotterte Bande nicht von einer riesigen Eselei mit schäbigsten nuklearen Folgen abhalten konnte.

Tante Elsbett wohnte in einer gigantisch großen Altbauwohnung mit Troddeln an den Türen, sieben gemeingefährlichen Katzen und einem idiotischen Ehemann, und ich verbrachte meine Jugend in dieser wonnigen Umgebung, weil meine egoistischen Eltern die Nase voll von meiner Erziehung hatten und lieber arbeiten gingen, anstatt sich um meine Psyche zu kümmern. Ich verbrachte tatsächlich sehr viel wertvolle Zeit im Bad, auch auf zugeklapptem Klodeckel, und las meine Comics, weil ich dort sicher war vor Tante Elsbetts Viechern und vor Onkel Gerhard. Dieser Johnny Anthony Moore, den ich ohne sinnlose Überlegung einfach mal so nenne, war ein hagerer, weißhäutiger Typ mit langen strähnigen Haaren und einem Gesicht, das unglücklicherweise irgendwann in eine gewaltige Druckerpresse geraten zu sein schien. Johnny sah geradezu gruselig genesungsbedürftig aus. Wie Kurt Bitterloh, einer der Setzer im Pressezentrum Minkhooven, in dem ich Dank Onkel Oberarsch Gerhards immensem Einfluss in meinen Semesterferien als Kurierfahrer jobben durfte.

Das gefiel mir recht ordentlich. Ich hatte ziemlich viel Zeit zum Totschlagen, und so trank ich Literweise schwarzen Kaffee und rauchte den Setzern und eben auch den Redakteuren vor Ort die Zigaretten weg. Ich galt ja als mittelloser Student, offiziell zumindest, obwohl hinter meinem Rücken recht derb getratscht wurde. "Von und zu Schnorrer!" Kurt Bitterloh nannte mich nicht so, da bin ich mir relativ sicher. Mir schmeichelte das rührende Vertrauen, das er mir, dem jungen Uni-Schnösel Jochen von Oberdoof, bei einem gemeinsamen Zigarettchen neben hammerharter Kaffeedröhnung im mittlerweile liebgewonnenen Pressezentrum Minkhooven schenkte. Urplötzlich, mittendrin im fachmännischen Geplänkel über die aktuelle Titelblatt-Brumme im Stadtanzeiger, deren Titten unüblich wirkten, wie wir einstimmig meinten, nahm jener Kurt Bitterloh mich also verschwörerisch zur Seite, faltete sorgfältig, fast ehrfurchtsvoll ein zerknittertes Blatt auseinander, das er aus der linken Arschtasche seiner khakifarbenen Cordhose gezaubert hatte, und las mir sein Gedicht vor. Ich korrigiere. Eins von seinen zahlreichen Gedichten. Allein, es sollte mir in diesem Moment Ehre genug sein, dieses eine kennen lernen zu dürfen. Es hieß: Zwergengünter, also Günter ohne th, was im Medienbereich als sehr wichtiges Kriterium dafür gilt, ob ein Journalist wirklich gut recherchiert hat oder eben einfach nur schlampig ist.

Kurt Bitterlohs Gedicht handelte vom bewegenden Schicksal eines Gartenzwerges, der im Frühjahr und Sommer und tatsächlich auch noch im Herbst im Vorgarten steht, nur eben im Winter nicht, was ihm sehr viel Kummer bereitet. Tragisch, die ergreifenden Schlussworte: "Nun ist es Winter, im Schrank verschwind't er, Zwergengünter."

Den sehr sensibel formulierten Anfang und den wirklich dann doch noch recht witzigen Mittelteil des Gedichts habe ich leider vergessen, mein Kopf war offen gestanden schon bei der plötzlichen dramatischen Wende gegen Ende des phantastischen Poems völlig leer, ich weiß gar nichts mehr. Einzig die letzten drei Zeilen haben sich fest eingebrannt in mein Hirn. Das meine ich nicht boshaft, ich habe Kurts geheime Leidenschaft, die Lyrik an sich, Weltliteratur im Groben auch, durchaus ernst genommen. Es lag mir fern, Zwergengünter kritisch zu zerpflücken, das kann ja jeder, ich nahm ihn als gegeben, von mir aus gut gegeben, denn ich sagte: "Mein Respekt, Meister." Damit brach ich mir ja nun keinen Zacken aus der Krone, damit tat ich ja auch keinem weh. Dachte ich so. Denkste. Eine Woche später erhielt ich die Quittung für meinen verdammten Respekt. Respekt! Selten so dämlich gelacht.

Der neue STADTANZEIGER war in Mache, ich hatte meine letzte Kurierfahrt für irgendeine bescheuerte Werbebeilage, die eh in der Tonne landet, erledigt und machte es mir bei den Setzern gemütlich. Boxt mich doch der dicke Friedel Augstein kumpelhaft in die Rippen und grinst mich breit an: "Dir gefällt Kurts Gurken-Gekrakel also? Kannst unseren Herrn Dichter ja mit auf deine Uni nehmen. Nä?!" Allseits Gelächter. Ich, verständlicherweise erst mal ziemlich perplex, frag also saublöd nach. Obgleich mir was schwante. O, ich ahnte, ahnte was. "Was für ein Gekrakel? Was ist denn mit Kurt?" Friedel nickte, immer noch feixend, Richtung Foto-Kopierer. Dort stand er. Mein Kumpel Kurt Bitterloh. Sichtlich sauer. Gekränkt. Mitleid erregend allein rauchte er einsam vor sich hin, sah anklagend zu uns herüber. Zu mir auch. Was, verdammt, hatte ich ihm denn nun getan? Das war wirklich unglaublich. So was.

Friedel, fraglos der wortgewandte Anführer der Minkhoovener Setzer, brachte es mir mit behutsamen Worten bei. "Der Kurt ist letzte Woche zur Kruse marschiert und hat der dein Gedicht mitgegeben. Damit sie das veröffentlicht. Hat die Kruse dann auch gemacht, steht heute drin, dein Gedicht." Ich rang um Fassung, theatralischer kann ich es nicht formulieren. "Wie bitte was? Wieso mein Gedicht?" Friedel klopfte mir mit seiner Bärenpranke auf die Schulter. Zur Beruhigung wohl. Ich zuckte zusammen. Was jetzt? "Entspann dich mal, Junge. Nicht dein Gedicht. Das vom Kurt. Das mit dem Zwerg. Das dir so gut gefälllt."

Irgendwie muss mir mein Kinn auf die Brust geplumpst sein oder ähnliches, auf jeden Fall fühlte ich mich demontiert. Irgendwie. Ich zwang meine Mundwinkel, sich leicht nach oben zu schieben, das sollte nach reeller Heiterkeit aussehen, gelang mir halbwegs, denke ich. "Was soll der Quatsch?" Das war ich. Flüsternd. Ich wollte nicht, dass Kurt was mitkriegt. Der stand immer noch am Kopierer mit aufgeklappten Ohren, ganz klar. Misstrauisch starrte er weiter zu uns rüber. Wir kamen ihm vermutlich vor wie die drei oder meinetwegen vier Musketiere, aber tatsächlich waren wir sechs, und er war kein feindlicher Engländer, sondern unser Kurt. Immer noch. Ich war verdammt verzweifelt. Obgleich das alles wirklich so was von banal war. So was von hirnverbrannt albern. Gut, für Kurt Bitterloh nicht. Mein Dichter litt. Hölle, was für eine Scheiße.

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