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Mümmelmann und der Tag nach Weihnachten

© Marcus Lenz


Es war der Tag nach Weihnachten. Der Himmel wollte einfach nicht hell werden und die Luft war nicht kalt und nicht warm. Ein Tag, richtig zum Verschlafen, dachte sich Mümmelmann, der ja schließlich nicht mehr der Jüngste war. Heute beneidete er die Igel und Eichhörnchen, die den ganzen Winter über in ihren warmen Nestern schlummern konnten. Mißmutig hoppelte er langsam durch den Wald, bis er seine trockene Sasse unter einem Eichbaum erreicht hatte.
Eigentlich lag er lieber draußen im Felde, wo man ihn nicht so leicht überraschen konnte und wo er seine Sasse in der Nähe der hübschen Häsinnen hatte. Aber dort war es ihm heute gar zu naß und seine alten Knochen vertrugen auch den schmuddeligen Westwind nicht mehr so richtig. Mümmelmann streckte sich noch einmal, ordnete seine grauen Schnurrbarthaare, gähnte einmal und sank in süße Hasenträume. Er träumte von einer trockenen Schneelandschaft, in der man die hübschen Häsinnen so herrlich jagen konnte und daneben ließ eine Wiese mit den leckersten Kräutern sein kleines Hasenherz höher schlagen.
Einige hundert Meter entfernt trafen sich zur gleichen Zeit einige Männer. Sie waren ganz in grün und hatten ihre Hunde mitgebracht. Der alte Jagdpächter hatte zur Treibjagd eingeladen. Ihre Stimmung war auch nicht besser als die von Mümmelmann, und bei den zumeist älteren Herrschaften machten sich die Knochen ebenfalls recht unangenehm bemerkbar.
Zuerst bejagte die Gruppe einen großen Sturzacker. Beim ersten Schuß öffnete Mümmelmann schläfrig ein Auge und dachte "Aha, die Jäger sind unterwegs!". Noch waren sie weit entfernt und er hatte schon so manchen Sturm erlebt, so dass er sich nicht im geringsten nervös machen ließ. Er hoffte nur, dass es nicht eine seiner Auserwählten getroffen hatte. Aber wer liegt schon bei diesem Wetter auf dem blanken Acker. Ihn schauderte und er versank wieder in süße Träume.
Bis zum Mittag hatten die Jäger lediglich zwei Hasen gestreckt und ihre Stimmung wurde nun durch heißen Tee mit reichlich Rum merklich aufgebessert
Der alte Jagdpächter, der natürlich wusste wo seine Hasen heute sind, beschloß nun den Wald zu treiben. Als Mümmelmann dies bemerkte, hob er den Kopf, stellte die Löffel auf und dachte "Oha, jetzt könnte es ungemütlich werden". Schon bald darauf hörte er die ersten Schüsse. Bei jedem Schuß zuckte er kurz mit dem rechten Augenlied und dachte "Warum hören mir diese jungen Hüpfer eigentlich nicht zu, mehr als hundertmal hab ich ihnen im Sommer erklärt, wie lange man liegenbleibt, man den Schützen überrascht und dann dem Hund zeigt, wer der schnellere ist.". So dachte er und beobachtete hellwach das Treiben vor ihm.
Als wieder ein Schuß fiel, er aber keinen seiner Gefährten sah, schaute er nach oben und sah gerade noch Hans, den alten Fasanenhahn vom Himmel fallen. Er hätte nicht gedacht, dass dieser alte erfahrene Hallodri so einen Anfängerfehler macht und hoch auffliegt, aber vielleicht hatte ihn Lucas, der Hund des Jagdpächters doch zu sehr bedrängt. Naja, er hatte ihn nie besonders gemocht und ihm manches gewünscht, wenn er bereits im März stolz und herrisch um seine Hennen balzte und ihm mit gok gok und brausendem Flügelwirbel den Schlaf stahl.
Aber dies hätte er ihm nun doch nicht gewünscht und wer kümmert sich jetzt um seine Hennen?"
So dachte Mümmelmann und ihm wurde etwas mulmig. Kaum waren die Jäger vorbei, und er hatte es sich mit einem erleichterten Seufzer wieder bequem gemacht, sammelten sie sich am Waldweg erneut, begutachteten ihre Strecke und beschlossen den zweiten Teil des Waldes zu Treiben. Nun konnte es wirklich ungemütlich werden. Als die Hunde immer näher kamen, beschloß er doch sich aus dem Staube zu machen.
Ganz langsam erhob er sich aus seiner warmen Sasse. Alles war überlegt und umsichtigt, nicht wie bei den jungen Hüpfern, die nun bei den Schützen am Rucksack baumelten.
Auch von den Hunden ließ er sich nicht nervös machen, obwohl sie nur wenige Meter vor ihm auf und ab suchten.
Vorsichtig, ganz vorsichtig stahl er sich aus dem Treiben. Erst als er das Treiben fast verlassen hatte wurde er von einem Hundeführer und einem Jäger bemerkt. Diese verrieten ihn aber zum Glück nicht, sondern freuten sich über seine Hasenschläue.
Zum Dank wackelte er noch einmal mit seiner Blume und verschwand im sicheren Unterholz.
Als Mümmelmann abends auf der kleinen Wiese vor dem Wäldchen saß, sah er den alten Jagdpächter zufrieden die Straße entlang schlendern. Mümmelmann hatte keine Angst vor ihm!
Der Alte hätte ihn oft schießen können, aber stattdessen hatte er ihm im Winter oft leckeres Heu und Sproßholz herausgebracht. Der Jäger warf ihm einen Blick zu und dachte beruhigt: "Es sind genug Hasen für das nächste Jahr geblieben und schön, dass der alte Mümmelmann mir im Sommer beim Ansitz auf den Bock wieder die Zeit vertreiben kann". Genauso zufrieden hoppelte Mümmelmann zu Gesine, seiner Auserwählten, die noch ganz aufgeregt an einem Grashalm zupfte. Er rückte ganz nah an sie heran und beide gedachten noch lange ihrer Gefährten, die wohl schon im Hasenhimmel, wo es immer Sommer war, auf einer saftigen Kräuterwiese saßen.


Eingereicht am 09. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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