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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die kurze Hecke

© Marcus Lenz


Wenn man mit dem Fahrrad von Ahlen nach Walstedde fährt, radelt man ungefähr auf der Hälfte der Strecke an der kurzen Hecke vorüber. Nur die wenigsten werden sie bemerken, da sie weit ab von der Straße inmitten der Felder liegt. Kurze Hecke wird sie auch nur von den Jägern und Bauern genannt.
Eigentlich ist sie der kleine Überrest einer alten Wallhecke. Sie ist nur ca. 30 Meter lang und 15 Meter breit. In ihrer Mitte verläuft ein alter Graben, der fast ständig etwas Wasser führt, der Rest besteht aus fast undurchdringlichen Dornbüschen, einigen Eichen und einem alten Hochsitz. An der Vorderseite befindet sich auch noch eine kleine Stillegungsfläche mit einer Fasanenschütte. An allen drei übrigen Seiten grenzen direkt die umliegenden Felder, Weizen, Gerste, Phacilia oder was sonst gerade angebaut wird.
Unzählige Tierarten bewohnen diese ruhige Oase. Die Igelfamilie sucht unter den Brennesseln nach Schnecken, die Taube brütet in den Eichen, die Elstern haben hier ihren Horst und manch ein braver Bock hatte hier schon seinen Einstand.
Bis hierher ist alles ganz gewöhnlich und nicht weiter erwähnenswert, denn im Münsterland gibt es Tausende solcher Hecken, wenn da nicht die Kaninchen wären. Solche Kaninchen findet man im ganzen Münsterland nicht nocheinmal.
Gut versteckt unter den Dornen haben sie sich, durch die Arbeit von Generationen, unter dem Wall eine richtige Burg angelegt. Beim Morgen- oder Abendansitz kann man sie dann beim Äsen und Spielen beobachten.
Auf dem ersten Blick sehen sie dabei aus wie gewöhnliche Wildkaninchen, aber dann fällt doch auf, dass einige von ihnen etwas größer sind. Einige tragen einen weißen Muffelfleck auf der Nase, andere haben ein schwarzes Ohr und wiederum andere springen mit einem weißen Vorderlauf umher.
Warum dies so ist und was vor langer Zeit hier geschah, will ich jetzt erzählen.
Auf einem Bauernhof, ganz in der Nähe, lebten die Geschwister Hermine und Hermann. Sie waren gewöhnliche Stallkaninchen, schwarzweiß gefleckt, deutlich größer als Wildkaninchen und unheimlich bequem. Sie wohnten direkt hinter der Scheune in einem schönen, trockenen Stall. Jeden Morgen und Abend kam Fritz, der kleine Sohn des Bauern, und fütterte sie mit allerlei Köstlichkeiten.
Mit ihnen saßen noch viele Kaninchen in diesem Stall. Immer zu zweit in einer Box nur durch ein Gitter von den Nachbarn getrennt. Sie brauchten nur fressen und faulenzen.
Abends, wenn es auf dem Hof ruhig geworden war und alle Lichter aus waren, wurden sie oft von Karl, dem Wildkaninchen, besucht. Sie hatten sich mittlerweile angefreundet. Karl erzählte immer so spannende Geschichten aus aller Welt und Hermine schenkte Ihm dafür jedesmal einige Leckerbissen, von denen sie ja mehr als genug bekam.
Immer wieder schwärmte ihnen Karl von der Freiheit vor, erzählte von seinem tiefen Bau unter der Dornenhecke und von saftigen Kleewiesen.
Hermine und Hermann hörten ihm zwar immer interessiert zu, aber jedesmal wenn er begeistert vorschlug sie zu befreien, lehnten sie, verständnislos den Kopf schüttelnd, ab. Warum sollten sie ihren schönen Stall gegen ein Erdloch tauschen, und warum sollten sie ihr Futter selber suchen, wo Fritz ihnen doch die leckersten Dinge bis in den Stall trug. Nur für ein bißchen Freiheit?
Nein, so einfach wollten sie ihr sorgenfreies Leben nicht aufgeben. Es reichte ja, wenn Karl ihnen abends alles aus der Welt berichtete.
Traurig verabschiedete sich Karl dann von den beiden und begab sich auf Futtersuche oder grub seinen Bau noch tiefer. Seine zwei Freunde hingegen schlummerten währenddessen selig ein und träumten von ihrem kauzigen Freund, dem Freiheit wichtiger als ein warmer Stall und die leckersten Mohrrüben war.
So verlebten sie viele sorgenfreie Wochen.
Bis eines Tages, Fritz hatte sie gerade gefüttert, Karl viel früher als gewöhnlich zu ihnen an den Stall hoppelte. Er war völlig außer Atem und vor Aufregung konnte er kaum sprechen. "Ihr müßt sofort flüchten!", rief er, "Fritz hat gerade im Garten einen Bruder von euch geschlachtet!"
"Nun mal ganz ruhig, eins nach dem anderen.", antwortete Hermann. "Fritz ist immer so nett zu uns, warum sollte er so etwas tun?". "Woher soll ich das wissen", sprach Karl, "jedenfalls hat er euren Bruder geschlachtet und das Fell über die Ohren gezogen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."
"Du bist ein Hasenfuß und hast bestimmt nur schlecht geträumt.", beruhigten ihn die beiden und Hermine schob ihm eine besonders leckere Mohrrübe durch das Gitter. Karl beruhigte sich aber nicht und hoppelte beleidigt zu seinem Bau zurück.
Nach einigen Tagen hatte er sich wieder beruhigt und der Vorfall geriet fast in Vergessenheit. Da geschah es, dass Fritz ungewöhnlicherweise bereits am Nachmittag zu ihrem Stall kam, aber nicht um ihnen etwas leckeres zu bringen, nein, er packte Hermann an den Ohren und nahm ihn mit.
Hermann erinnerte sich plötzlich an Karls Geschichte und ihm wurde Angst und Bange.
Als sie in den Garten kamen und er dort das große Messer liegen sah, verlieh ihm seine Angst riesige Kräfte, und mit einem gewaltigen Satz riß er sich los und flitzte durch den Garten. Aber oh Schreck - der Garten war ja eingezäunt.
Als Fritz sich von seinem Schrecken erholt hatte, rief er seinen Jagdhund Eika. Mit wenigen Sätzen war sie hinter Hermann. Ihm begann schon die Puste auszugehen und wenn jetzt kein Wunder geschähe, wäre es um ihn geschehen.
Da sprang Karl aus einem Busch und lief hakenschlagend über die Wiese. Eika wusste jetzt gar nicht mehr, wen sie verfolgen sollte, und so erreichten beide gerade noch das Loch unter dem Zaun, das Karl letzte Nacht vorsichtshalber noch gegraben hatte.
Eika und Fritz standen jetzt auf der anderen Seite des Zaunes und zogen lange Gesichter. Karl und Hermann hingegen hoppelten so lange weiter, bis sie Karls Bau unter der Dornenhecke erreicht hatten.
Überglücklich bedankte sich Hermann bei seinem Retter und mehr als einmal entschuldigte er sich, dass er ihm vorher nicht geglaubt hatte. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatten, mussten beide plötzlich an Hermine denken. "Ob sie wohl noch lebt?". Sofort entwickelten sie einen Schlachtplan, um sie noch heute Nacht zu befreien.
Kaum war es dunkel geworden hoppelten sie wieder zum Bauernhof. Vorsichtshalber gruben sie zuerst noch zwei neue Löcher unter dem Zaun in den Garten. Dann eilten sie zu Hermines Stall. Was war das für ein Wiedersehen!
Überglücklich beschnupperten sie sich. Hermine hatte schon nicht mehr damit gerechnet, ihren Bruder jemals wiederzusehen und so willigte sie sofort ein, mit in die Wildnis zu flüchten.
Jetzt musste nur noch die Tür geöffnet werden. Aber so sehr sie sich auch mühten, sie reichten nicht an den Riegel heran. Immer verzweifelter wurden ihre Versuche, aber langsam erlahmten selbst bei Karl die Kräfte. "So werden wir es nie schaffen", sagte Karl, "Hermann, du hälst hier Wache und ich versuche Hilfe zu holen.". Stumm drückten sie ihre Pfoten und Karl verschwand durch den Garten. Hermine jammerte leise vor sich hin, und Hermann versuchte sie die ganze Zeit zu trösten.
Als es im Osten schon wieder hell zu werden begann, kam Karl endlich wieder zurück. Er hatte seinen alten Freund, Hans den Fasanenhahn, mitgebracht. Der staunte nicht schlecht, so bunte Kaninchen hatte er noch nie gesehen und außerdem hilt er von so bequemen Stalltieren nicht das Meiste. Aber was tut man nicht alles für einen guten Freund.
Nun versuchte Hans den Riegel zu öffnen. Aber sein Geflatter machte einen höllischen Lärm und schon bald, als er es fast geschafft hatte, ging auf dem Bauernhof das Licht an und Eika stürmte in den Garten. Die drei konnten sich gerade noch in das benachbarte Feld retten.
Nun war guter Rat teuer. Plötzlich hatte Hans eine Idee. Hermann sollte sich von außen an eines der neuen Löcher im Zaun setzen. Karl legte sich im Garten mitten auf die Wiese, so dass er wie ein Maulwurfshaufen aussah und Hans versteckte sich unter einem Rosenbusch. So warteten sie ab, was passieren würde.
Als Fritz morgens zum Stall kam, um die Kaninchen zu füttern, wunderte er sich nicht wenig darüber, dass der Riegel fast offen war. Er hatte den Riegel doch noch nie so nachlässig geschlossen. Da fiel ihm ein, dass er ja heute seinem Lehrer ein Kaninchen als Sonntagsbraten verkaufen wollte.
Hermine starb fast vor Angst, als er sie aus dem Stall hob, und sie zitterte am ganzen Leibe, als sie bemerkte, dass er mit ihr in den Garten ging. Aus dem Erlebnis vom Vortage schlau geworden, hielt Fritz Hermine besonders fest und außerdem rief er vorsichtshalber Eika in den Garten.
Wie er nun so mitten über die Wiese stapfte, wurde einer der Maulwurfshaufen plötzlich lebendig. Karl war aufgesprungen und flitzte durch Fritz Beine. Sofort wollte sich Eika auf Karl stürzen, und als Fritz fast das Gleichgewicht verloren hatte, flog ihm Hans mit voller Wucht ins Gesicht. Jetzt war das Chaos perfekt.
Ein Mensch, ein Hund, ein Fasanenhahn und zwei Kaninchen kugelten sich auf dem Boden. Hermine begriff sofort ihre Chance, riß sich los und lief auf die Wiese.
Nun kam Hermanns großer Augenblick. Er rief und winkte, damit Hermine sofort das Loch im Zaun fand. Sie entdeckte ihren Bruder auch sofort und entwischte ohne Verzögerung durch den Zaun. Hans hatte sich ebenfalls sofort wieder aufgerappelt und war auf eine nahegelegene Fichte geflogen, von der er das weitere Geschehen genau beobachten konnte. Nur noch Karl war im Garten. Er hatte versucht durch das Loch vom Vortage zu entkommen, musste aber erschreckt feststellen, dass Fritz es bereits wieder verstopft hatte.
Wütend stürzte sich Eika auf ihn, aber jedesmal wenn sie zuschnappen wollte, schlug er einen Haken. In voller Fahrt flitzte er jetzt auf den Zaun zu. Wenn auch dieses Loch zu wäre, wäre es um ihn geschehen. Zum Glück war es noch offen. Ohne langsamer zu werden, sauste er durch das Loch nach draußen. Auch Eika war in voller Fahrt auf den Zaun zugelaufen, und da sie weder bremsen, noch durch das Loch springen konnte, hing sie jetzt laut jaulend vor dem Zaun.
Fritz, der vor Schreck ganz weiß um die Nase war, stand jetzt auf und ging laut schimpfend mit Eika ins Haus, um seinen Schulranzen zu packen. Was sollte er bloß seinem Lehrer sagen, die Geschichte würde ihm ja doch niemand glauben.
Als sich die drei Kaninchen in dem vereinbarten Versteck trafen, fielen sie sich vor lauter Freude in die Pfoten, beschnupperten sich und zausten sich gegenseitig das Fell. Dann verabschiedeten sie sich herzlich von Hans, dem mutigsten Fasanenhahn in ganzen Revier.
Glücklich hoppelten sie zur kurzen Hecke. Hermine hatte noch nie eine so schöne Burg gesehen. Als sie mit Karl tief unter der Wallhecke in seinem Kessel saß, war sie entzückt. Nichtmals im Traum hatte sie es sich so kuschelig und trocken dort unten vorgestellt. So schlief sie eng an Karl gekuschelt wunschlos glücklich ein.
Schon am nächsten Tag machte Karl ihr einen Heiratsantrag und obwohl sie bis in die Löffelspitzen rot wurde, sagte sie sofort ja. Noch am selben Tag wurde Hochzeit gehalten und bei der anschließenden Feier lernte auch Hermann seine spätere Braut kennen.
Schon nach vier Wochen bekamen Hermine und Karl den ersten Nachwuchs. Es waren echte Wildkaninchen, nur das sie etwas größer waren, der eine einen weißen Muffelfleck auf der Nase trug, der andere ein schwarzes Ohr hatte und wiederrum einer einen weißen Vorderlauf spazieren trug.
So wurden die beiden Stallkaninchen Hermine und Hermann zu echten Wildkaninchen. Beide genossen ihre Freiheit und wurden so Mitbegründer einer großen, weit über die Reviergrenzen hinaus berühmten Kaninchengeneration, und da dies alles nun schon viele Jahre her ist und weil Fritz, der nun schon selbst kleine Kinder hat, die sich ihr Taschengeld mit dem Verkauf von Kaninchen aufbessern, niemanden diese Geschichte erzählt hat, wundern sich die Jäger immer wieder ob der seltsamen Kaninchen an der "kurzen Hecke".


Eingereicht am 09. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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