www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Helmut und Adelheid

© Marcus Lenz


Auf einem wunderschönen Hof, in der Nähe von Walstedde, lebten und arbeiteten viele glückliche Hühner. Eier legen ist nämlich auch Arbeit!
Eines von ihnen war Adelheid. Sie war die Jüngste und saß noch im Ei. Ihre Mutter wärmte sie und ihre Geschwister den ganzen Tag und die ganze Nacht. Nur zum Körner picken und Wasser trinken verließ sie kurz das Nest. Jeden Morgen und jeden Abend vernahm Adelheid eine dunkle Stimme und sie war sich sicher, dass dies ihr Vater sei.
Nach 24 Tagen war es schon mächtig eng geworden und so langsam versuchte sie sich aus dem Ei zu picken. Dies war einfacher gesagt, als getan und nach einiger Zeit musste sie erschöpft Pause machen. Erst als sie die dunkle Stimme hörte, verlieh ihr die Neugierde neue Kraft und mit einem Schnabelhieb flog ein großes Stück Eierschale zur Seite. Im Nu hatte sie ihr Köpfchen durch das Loch gesteckt und schaute neugierig in die große Welt. Das erste Lebewesen, was sie sah, war Helmut, den Bauern. Er fütterte gerade, wie jeden Morgen und Abend, seine Hühner.
Adelheid erkannte ihn sofort an seiner dunklen Stimme und vortan hielt sie ihn für ihren Vater. Als der Bauer wieder gegangen war, befreite sie sich ganz von den restlichen Eierschalen, pickte ein paar Körner und kuschelte sich müde unter Muttis Federkleid.
In dieser Nacht konnte sie gar nicht richtig schlafen. Pausenlos schlüpfte ein Geschwisterchen nach dem anderen und es wurde ständig geschubst und gedrängelt, weil jeder den besten Platz wollte.
Als es hell wurde, krabbelte Adelheid mit ihren Geschwistern unter den Federn hervor. Zum erstenmal sah sie jetzt ihre Mutter. Sie sah ja ganz anders aus, als ihr Vater.
Sie lief zwar ebenfalls auf zwei Beinen, hatte aber Flügel und einen Schnabel.
Nachdenklich betrachtete sie abwechselnd ihre Mutter und ihre acht Geschwister. Alle sahen der Mutter ähnlicher, als dem Vater.
Schade, dachte sie, dann bin ich wohl die einzige, die nach ihm kommt.
Plötzlich ging die Tür auf. Freudig lief Adelheid Helmut entgegen. Genauso freudig begrüßte Helmut die frisch geschlüpften Küken. Sofort rief er seine Frau Cilly und ließ sie ebenfalls die Kleinen bewundern. Heute gab es sogar eine extra Zulage Kükenfutter. Die kleinen Federbälle gediehen prächtig. Nach wenigen Tagen kannten sie auch den letzten Winkel in ihrem Stall und alle freuten sich, als sie endlich mit den anderen Hühnern ins Freie durften.
Hui, gab es hier viel zu sehen. Die Mutter hatte alle Mühe die Kleinen beisammen zu halten. Sie konnten zwar schon alleine Futter suchen, aber draußen lauerten hunderte von Gefahren. Am gefährlichsten war die Straße, blitzschnell fuhren die Autos um die Ecke und oftmals konnte man sich nur noch durch einen mächtigen Satz in den Straßengraben retten. Einmal, als sie gerade wieder auf der warmen Asphaltdecke leckere Käfer pickten, fuhr wieder so ein Rüpel um die Kurve. Ein Geschwisterchen schaffte es nicht mehr von der Straße zu laufen und wurde überfahren.
Wütend kam Helmut aus dem Haus gelaufen und er schimpfte ganz fürchterlich mit dem Bösewicht, so dass dieser ganz kleinlaut das Küken bezahlte und dann langsam weiterfuhr. Richtig stolz war Adelheid auf ihren "Vater", der hatte es dem Mörder aber so richtig gegeben.
In den nächsten Wochen lernten die jungen Hühner noch vieles mehr. Sie wussten, wo die leckersten Würmer zu finden waren, wo das Korn neben den Silo fiel und wo man sich am besten vor dem Habicht versteckte.
Eines Tages erschrak Adelheid fast zu Tode. Nichts ahnend, war sie leise vor sich hin gockelnd um die Buchsbaumhecke getrippelt, da stand sie plötzlich einem riesigen schwarzen Tier gegenüber.
Es war Moritz, der Kater vom Nachbarhof. Sperrangelweit riß er sein Maul auf und fauchte. Vor Schreck, unfähig wegzulaufen, erwartete Adelheid ihr Ende.
Da flog Heidu, der Jagdhund, über die Hecke. Mit riesigen Sätzen nahm Moritz reiß aus. Und dies war sein Glück! Versteinert verfolgte Adelheid das Geschehen. Erst als Heidu ihr einen Klaps gab und sie ermahnte demnächst etwas vorsichtiger zu sein, erwachte sie zu neuem Leben. Ab sofort war auch Heidu ihr bester Freund.
Als Adelheid endlich mit den anderen abends auf die Stange im Hühnerstall klettern durfte, bisher hatte sie immer im Stroh genächtigt, sagte ihre Mutter, sie müsse jetzt auf eigenen Füßen stehen und alleine für sich sorgen.
Traurig schlief sie ein. Am anderen Morgen hatte sie schon wieder gute Laune und beschloß, sich ab sofort mehr um ihren Vater zu kümmern. Seit diesem Tag konnte Helmut keinen Schritt mehr ohne sie gehen. Schon morgens erwartete Adelheid ihn sehnsüchtig. Nachdem er das Hühnervolk gefüttert hatte, begleitete sie ihn zum Teich, zu den Enten und später dann zu Heidu, ihrem Freund. Ab und zu pickte sie Heidu sogar ein paar Brocken aus seinem Napf, die er ihr aber großzügig überließ.
Wenn Helmut im Garten arbeitete, wich sie ihm nicht von der Seite und selbst beim Holzhacken sah sie ihm stundenlang zu.
Nach einiger Zeit bemerkte auch Cilly das Spielchen und schelmisch nannte sie Adelheid immer Helmuts große Liebe.
Eines Tages im Herbst verschwanden plötzlich alle weißen Hühner. Ein dicker, glatzköpfiger Mann hatte sie abgeholt und neue , junge Hühner mitgebracht.
Hierzu muss man sagen, dass es auf dem Hof braune, weiße und schwarze Hühner gab und alle drei Jahre mussten die Hühner einer bestimmten Farbe zum Schlachter.
Dies belastete Adelheids Freundschaft zu Helmut aber keineswegs.
Als sie anfing Eier zu legen, legte sie diese nicht, wie alle anderen, in ein Nest im Stall, sondern in Helmuts Hut. Wenn er das Ei dann nach seinem Mittagsschlaf herausnahm und sie lobte, wurde Adelheid jedesmal ganz rot und ihr kleiner Kamm leuchtete richtig.
Nach einiger Zeit wurde ihr das allmorgendliche hinterherlaufen zu anstrengend und so setzte sie sich in Helmuts Futtereimer. Zuerst schimpfte dieser zwar ein bißchen, aber dann trug er seine Freundin bereitwillig herum. So verlebten sie viele glückliche Tage, bis eines Morgens im Herbst Cilly und Helmut, wie immer beim Frühstück, zusammensaßen.
Helmut ahnte schon, was Cilly sagen würde und sie tat es wirklich.
"Die braunen Hühner sind überfällig, sie müssen dringend geschlachtet werden. Morgen kommt der Schlachter, ich habe gestern schon neue Hühner bestellt". "Hätte das nicht noch etwas Zeit gehabt" knurrte Helmut und verschwand sofort nach draußen. Adelheid war ein braunes Huhn, und das war sein Problem. Traurig fütterte er die Hühner und Adelheid durfte zum ersten mal nicht im Futtereimer sitzen.
Als er langsam mit seinem Geländewagen vom Hof tuckerte, schaute sie ihm sorgenvoll nach.
Sie konnte es gar nicht haben, wenn Helmut Sorgen hat. Vor lauter Kummer legte sie an diesem Tage zum erstenmal kein Ei. Den ganzen Tag über hatte Helmut schlechte Laune. Er nörgelte an allem herum und grübelte fast die ganze Nacht. Mißmutig fütterte er am anderen Morgen die Hühner.
Adelheid durfte sogar wieder im Eimer sitzen. Als sie vom Teich zurückkamen war der Schlachter schon da. Helmut grüßte nur kurz und sah ihm dann vom Hühnerstall bei der Arbeit zu.
Eine braune Henne nach der anderen wurde von ihm gefangen und in einen Korb gesteckt.
Traurig tätschelte Helmut Adelheids Kopf.
Dann kam der Schlachter in den Hühnerstall, wo er auch noch zwei Hennen fing.
"27 hab ich jetzt" sagte er "Nur eine fehlt mir noch. Hast du sie vielleicht gesehen?"
Geistesgegenwärtig schob Helmut den Deckel über den Futtereimer. Er setzte sein unschuldigstes Gesicht auf und brummte:" Ich habe keine mehr gesehen, aber ich helfe dir suchen". Mit dem Eimer in der Hand durchsuchte er mit dem Schlachter jeden Winkel im Stall, der Scheune und schließlich sogar im Garten.
Es gab keinen Busch, unter dem sie nicht die fehlende Henne suchten
Nach einiger Zeit meinte Helmut: "Na ja, Cilly wird sich wohl verzählt haben. Lass mal gut sein, du brauchst ja nur 27 zu bezahlen". "Komisch, komisch" brummte der Schlachter, "Cilly hat sich doch noch nie verzählt, aber so wird es wohl sein." Freudig verfolgte Helmut, wie er den Hof verließ.
"Gerettet" rief er und öffnete den Futtereimer.
Adelheid sprang sofort heraus, vollführte ein Freudentänzchen und drückte sich zärtlich an seinen Stiefel.
Ab sofort waren sie noch unzertrennlicher und wenn du ein Ei isst, denk daran, es könnte vom glücklichsten Huhn im ganzen Münsterland sein.


Eingereicht am 09. März 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


»»» Kurzgeschichten: Humor, Satire, Persiflage, Glosse ... «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««