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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das Ölportrait

© Hanns M. Glygg


Sicher, es ist ein wenig vermessen, denn schließlich bin ich weder ein Graf noch entstamme ich einem adeligen Geschlecht, aber: ich wollte schon immer ein richtiges, edles Ölportrait von mir besitzen! Ein Kunstwerk von besonderem Wert sollte es sei, ein Bild, welches man auch der Nachwelt noch präsentieren kann. Nicht so ein schnödes Allerweltsfoto, sondern ein echtes Unikat.
Ich meine, bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, sicher bin ich eitel, so eitel wie ein Mann hat sein kann. Aber so eitel nun auch wieder nicht, dass ich mich jeden Tag an der Wand bewundern müsste. Schließlich habe ich genug Spiegel an den strategisch wichtigen Punkten unserer Wohnung verteilt. Nein, es sollte eben ein Bild werden, das man auch über Generationen weitervererben kann. Selbstverständlich in gediegenem Goldrahmen und mit sehr diskret angebrachter Signatur des Malers. Vor allem reizt es mich auch, dass dereinst meine Urenkel sagen können: "Seht mal da, der alte Großvater Glygg, der hat so viele Geschichten erfunden. Schade nur, dass keine übrig geblieben ist, denn alle waren sie nur für den Sofortverbrauch bestimmt ..." Oder so ähnlich.
Nachdem ich mich also bereits so lange mit diesen Gedanken trage, stolpere ich doch unlängst bei einem Stadtfest über einen Maler, der dort am Straßenrand saß und ganz allerliebste Karikaturen der Passanten anfertigte. Mit einem Schild neben seiner Staffelei wies er darauf hin, dass er auch Ölgemälde nach Bestellung anfertige.
Kurz entschlossen steuerte ich ihn an und war alsbald in ein geschäftiges Verkaufsgespräch verwickelt.
Ihn würde diese Aufgabe schon reizen, meinte der Maler nach einem langen, prüfenden Blick und nach einigem hin und her verständigten wir uns auch auf einen angemessenen Preis für das Werk. Er bestand noch, aus meiner Sicht verständlich, auf eine Anzahlung, brachte mit wenigen Bleistiftstrichen eine erste Skizze zu Papier - die ich aber mehr der Scherzdarstellung zuordnete - und sodann vereinbarten wir einen Termin in der kommenden Woche. An diesem sollte ich das erste Mal Modell sitzen.
Nun ja. So weit - so gut. Und ich möchte Sie jetzt an dieser Stelle nicht damit langweilen, wie ich - geheiligt sei der Zweck - mehrere Tage lang still und stumm Modell saß. Die erinnerte mehr an Persiflagen aus Filmen. Zu diesem Thema nur eines: Der Film untertreibt schamlos.
Nachdem ich einige Tage im Atelier des Künstlers zugebracht hatte, kam kürzlich der große Tag der Enthüllung. Vorsichtshalber, aber der Sinn wurde mir erst im Nachhinein klar, kassierte der Mann noch ganz schnell den Rest der vereinbarten Summe. Erst dann ließ er mich einen Blick auf das nunmehr vollendete Werk werfen.
Mir ist klar, dass man sich selber immer ein wenig anders sieht als andere Leute. Ich mache mir auch keine großen Illusionen darüber, dass ich einige Kilo zu viel mit mir herumschleppe. Neu war für mich allerdings, dass mein Gesicht durchaus als naturalistisches Vorbild für einen Pfannkuchen herhalten kann. Bisher ging ich auch immer davon aus, dass ich einen Schnauzbart trage und nicht einen veritablen Vollbart der oberen Kategorie. Und meine Hippie-Zeiten habe ich bereits lange hinter mir gelassen, denn dank einer guten Freundin werden die Haare regelmäßig gestutzt. Von all dem sah ich allerdings auf dem Bild weniger. Ganz im Gegenteil.
Der Portraitist meinte mich nunmehr belehren zu müssen, dies sei zum einen die künstlerische Freiheit, (die wollte ich ihm beileibe nicht einschränken, auch wenn dadurch die Freiheit an meinem eigenen Antlitz eingeschränkt wurde) zum anderen aber hätte ich nicht wirklich still gesessen und dadurch hätte er einige Korrekturen durchführen müssen. Aber soweit er das sähe, wären ihm diese sehr gut gelungen.
Mühselig rang ich um meine Fassung und stammelte etwas von "Geld zurück". Doch der abgefeimte Schuft zeigte keinerlei Verhandlungsbereitschaft und beharrte auf seiner "künstlerischen Freiheit!" Ich schnappte mir das Stück Leinwand und marschierte auf kürzestem Weg zu meinem Rechtsanwalt.
Doch jener, mit dem ich seit nunmehr zwanzig Jahren befreundet bin, hatte für mich nur ein müdes Grinsen übrig. Was ich denn wolle, meinte er schließlich scheinheilig, schließlich sei die Ähnlichkeit doch unverkennbar.
Soweit zu "guten Freunden"! Beim nächsten Stammtisch wird er schon sehen, was er davon hat.
Also griff ich mir die Leinwand wieder und taperte nach Hause, in der Hoffnung und dem Bewusstsein, dass wenigstens meine Frau ein paar tröstliche Worte für mich übrig hätte. Doch denkste! Bereits beim ersten Anblick des Gemäldes durchkrampfte sie ein Lachen, redensartlich biss sie in den Tisch. Der Abend endete mit dem ersten Streit seit Jahren und ich suche seitdem eine Wohnung.
Mittlerweile habe ich mich ein wenig beruhigt. Das Ölbild steht umgedreht hinter meinem Schreibtisch. Es dauert nicht mehr lange und ich werde meine überzähligen Habseligkeiten auf einem Trödelmarkt verkaufen. Dabei wird auch dieses Gemälde sein. Vielleicht gelingt es mir sogar, es als ein wertvolles altes Teil wegzuhökern. Wenn Sie also demnächst auf einem Trödelmarkt jemand sehen, der einen in Öl gemalten Pfannkuchen mit Bart verkauft, - denken Sie sich nichts dabei. Ich bin es nur.


Eingereicht am 14. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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