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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Marie

Jennifer Krupke


Das ganze Haus knarrte und ächzte, als es draußen immer windiger wurde. Es war groß und alt und hatte eine gewisse Art von Eigenleben, aber es war ihr Haus. Sie liebte es und kannte jeden Winkel davon. Schon morgens saß sie am Fenster, beobachtete das Wetter und genoss den Gedanken, dass sie heute nicht vor die Tür zu gehen brauchte. Obwohl sie den ganzen Tag allein sein würde - er war schon fort - hatte sie keine Angst, sie war gern allein. Es fing an zu regnen und die Bäume draußen im Garten bogen sich im Wind. Sie kuschelte sich in ihre Decke und sah den Leuten auf der Straße nach, wie sie zur Arbeit hasteten. Sie würde nie zur Arbeit gehen, es war ihr äußerst wichtig ein bequemes Leben zu führen. So hatte sie sich schnell jemanden gesucht, der sie versorgen würde, und mit ihrem Charme war ihr das nicht besonders schwer gefallen. Jetzt bestand ihr Leben hauptsächlich aus schlafen, essen und den liebevollen Momenten, die sie mit Markus teilte. Das reichte ihr und sie war sehr zufrieden und glücklich damit.
Jeden Tag saß sie am Fenster, döste und beobachtete die Leute, die vorbeigingen. Manchmal sah sie alte Bekannte von früher, dann versteckte sie sich, damit sie nicht auf sie aufmerksam wurden. Sie wollte, dass ihr Leben so blieb wie es war, ohne, dass sich irgendjemand einmischte. Sie hasste Veränderungen und war sehr Besitz ergreifend und eifersüchtig, wenn es um Markus ging. Er machte es ihr oft nicht einfach. Ständig versuchte er neue Frauen kennen zu lernen, das machte sie richtig wütend. Wenn diese "Damen" dann zu Besuch kamen, versuchte sie wirklich alles, um sie wieder davon zu ekeln. Nach so einem Nachmittag oder Abend kam die gleiche Frau meistens nicht noch einmal und das verschaffte ihr große Genugtuung. Sie konnte Markus nicht verstehen, reichte sie ihm denn nicht um glücklich zu sein? Diese anderen Frauen machten sie unglücklich, aber sie war auch nicht in der Lage mit ihm vernünftig darüber zu reden. Er wurde jedes Mal richtig ungehalten, wenn sie mal wieder eines der Weibsbilder vertrieben hatte.
Dabei konnten sie es doch sowieso nicht mit ihr aufnehmen. Der Gedanke erschien ihr unerträglich, dass sie ihn mit einer anderen teilen sollte.
Doch jetzt saß sie vor dem Fenster und wollte nicht darüber nachdenken. Es war angenehm warm und bald war sie eingeschlafen.
Es war schon Spätnachmittag, als sie plötzlich hoch schreckte, weil Markus nach Hause kam. Sie hörte wie der Schlüssel ins Schloss gesteckt und herumgedreht wurde und lief ihm entgegen. Dieser Augenblick war wirklich der schönste des ganzen Tages und er gehörte nur ihnen allein. Sie war froh, dass er heute ohne weibliche Begleitung nach Hause gekommen war, dann liebte er sie vielleicht immer noch, so wie früher ... Sie fühlte sich glücklich. Er hob sie hoch und schloss sie in die Arme. Danach setzten sie sich auf das Wohnzimmersofa und er erzählte ihr von seinem Tag. Die ganze Zeit über streichelte er sie und sie kuschelte sich in seinen Arm. Gleich darauf stand er auf, um etwas zu essen zu machen. Er machte ein paar Kerzen an und sie aßen gemeinsam.
Später saßen sie wieder gemeinsam auf dem großen Sofa im Wohnzimmer. Markus schaltete den Fernseher an und streichelte ihren Nacken. Sie liebte das und begann fast augenblicklich zu schnurren, eine Katze zu sein war einfach schön ...


Eingereicht am 25. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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