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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Protest

Gaby Schumacher


Ja, wir waren es leid wie dicke Tinte. Es dauerte einfach viel zu lange. Treppauf, treppab. Dann durch lange Hallen. Alle paar Minuten hatten wir uns ordentlich nebeneinander zu stellen und meistens dann längere Zeit auf ein- und demselben Flecken zu verharren. Puuh, war das anstrengend!
Es war die reinste Glücksache, fanden wir doch wirklich eine für uns passende Lücke, in die wir uns dann noch so gerade unter manchmal erheblichen Schwierigkeiten hineinquetschten. Hatten wir uns dann tatsächlich mit Stupsen und Schieben eine winzige Ecke erobert, wurde unter Garantie von beiden Seiten oder auch von hinten (wenigstens nicht so oft von vorne!) gestoßen oder im schlimmsten Falle sogar getreten. Im allerschlimmsten Falle dann trippelte einer dieser verrückt-modernen Damenschuhe heran. Wenn, dann aber mit garantiert extra hohem Absatz und entsprechend wackelig hin- und herschaukelnd, da das zugehörige weibliche Wesen beträchtliche Schwierigkeiten hatte, auf diesen Dingern die Balance zu halten.
Diese Mordinstrumente näherten sich in beängstigendem Tempo. Und schon passierte es: Der mindestens 7 cm hohe Pfennigabsatz bohrte sich in einen der Füße unseres Herrn und Meisters, der dann darüber nicht ganz so begeistert laut losjaulte. Kavalier zu bleiben und sich da den Schmerzensschrei zu verkneifen, war leider nicht drin.
Immerhin war dem die Möglichkeit gegeben, seinen spontanen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Aber wir, was konnten wir tun, um mit dem, was uns da gehörig zu schaffen machte, überhaupt fertig zu werden? Wir konnten nicht losbrüllen, als ob wir am Spieße steckten. Das Einzige, was uns blieb, war ein regelrechter Indianertanz, um uns des Schmerzes, der gleich eines Stricknadelstiches dann blitzartig durch uns hindurch schoss, zu erwehren. Gottlob verebbte dieses grauenhafte Gefühl recht schnell, und wir fühlten uns wieder wohler.
Doch nahmen wir an, dann würde uns Schonung zuteil, irrten wir ganz gewaltig. Es gab da ja nicht nur eine einzige solche Halle. Nein, da standen mindestens sieben oder acht dieser entzückenden winzigen Häuschen. Und, so wie wir unseren Herrn und Meister einschätzten, würde der sich deren Besuch mit Sicherheit nicht entgehen lassen. Hatte er denn kein Erbarmen mit uns? Spürte er denn nicht, dass unsere Kraft eigentlich, im Grunde genommen schon längst aufgebraucht war, wir uns nur noch der Notwendigkeit gehorchend weiter schleppten?
Es nahm und nahm einfach kein Ende. Dabei zählte unser Meister keineswegs zu den 20-Jährigen. Nein, er war doch tatsächlich schon ein bisschen älter. Sie wundern sich jetzt bestimmt umso mehr, nicht?
Tja, aber zu unserem Pech hatte er eine Kondition wie ein Twen. Und das wiederum bedeutete: Keinerlei Erbarmen mit uns. Stattdessen hatten wir tapfer durchzuhalten!
Ja, unsere Energie war am Ende. Unsere Muskelstränge protestierten schon eine ganze Weile. Erst nur ganz schüchtern, dann immer nachdrücklicher. Da die Qual jedoch einfach nicht aufhörte, entschlossen sie sich zu einem gehässigen Rachefeldzug. Denn: Einträchtig in zunehmendem Maße vor uns hin zu wackeln, hatte unseren Besitzer ja nicht von seinem Vorhaben abbringen können. Uff - der hatte Nerven wie Drahtseile!
Das(!) Fitnesstraining war absolut unüblich, sprengte den gewohnten Rahmen. Und, eine solche Überbeanspruchung bliebe nicht ungestraft.
Also rafften wir uns auf und angelten nach dem letztmöglichen Rettungsanker. Wir beriefen den Krisenstab ein.
Die Beteiligten an dieser Runde trafen rasch eine Entscheidung. Die Zeit drängte.
Zwei Oberschenkel, zwei Knie, zwei Unterschenkel mit ihren inzwischen geschwollenen Waden und zwei geschundene Füße mit unübersehbaren Blasen entschieden einstimmig:
Hier hülfe nur noch ein Muskelkater! Aber, nicht etwa ein Katzenbaby, sondern ein ausgewachsener Kater von der Größe eines Tigers war da vonnöten. Der müsste dann unserem Meister soo zusetzen, dass dieser unser Chef ans Nachdenken käme.
Irgendwie amüsierte uns diese Vorstellung.
Denn:
Vor lauter Muskelschmerzen bliebe dem dann nur noch(!) ... das DENKEN!
Und wir, seinen armen gequälten Beine, hätten endlich unsere wohlverdiente Ruhe!!


Eingereicht am 17. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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