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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tante Frieda

Monika Starzengruber


Tanten gibt es wie Sand am Meer. Ich bin sicher, fast jede Familie kann eine Tante aufweisen. Ich möchte hier einige vorstellen. Nennen wir sie der Einfachheit halber alle "Tante Frieda".
Meine Tante Frieda ist eine Gesundheitsfanatikerin. Sie lebt so gesund, dass einem schlecht davon werden kann. Um ihr einen Schreikrampf zu ersparen, wenn sie uns besucht, verstecken wir unsere "Laster" wie Kaffee, schwarzen Tee, Zigaretten, Schuhe mit hohen Absätzen, Bonbons und weißes Mehl im Keller. Natürlich passiert es schon mal, dass wir in der Eile dabei was übersehen, ihr dann diese "Frevel" früher oder später ins Auge springen. Die Tante meint es ja immer gut mit uns und da sie uns nicht verkommen lassen will, wandern alle gefundenen Sachen, die nicht ihrem Lebensprinzip entsprechen, in den Mülleimer, denn, sie weiter zu verschenken würde doch einer Sünde an den Mitmenschen gleichkommen!
Der Tante sieht man ihr gesundes Leben förmlich an. Mancher Dicke wäre froh, wenn er nur halb so dürr wäre wie sie. Make up braucht sie keines aufzulegen, ihre Hautfarbe erinnert sowieso an den Teint von Frankenstein. Aber dafür lebt sie mit dem Bewusstsein, und das kann ihr keiner nehmen, alles nur Erdenkliche für ihren Körper zu tun, egal, wenn sie ihn dabei ruiniert.
Eine andere Sorte von "Tante Frieda" pflegt den Reinlichkeitsfanatismus. Der wirkt sich zum Leidwesen aller übrigen Familienmitglieder aus, indem jedem noch so kleinen Staubkörnchen zu Leibe gerückt wird, da das auch Bakterien hassen, gleich mit einem Desinfektionsmittel.
Die vier Wände so einer Saubermacherin sehen aus wie ein Bild aus einem Wohnungsmagazin, schön anzusehen, aber leider nicht zu gebrauchen, schon gar nicht, um darin zu wohnen. Von Umweltschonung hat diese Tante sicher noch nichts gehört, denn ihre oberste Pflicht besteht darin, jedes Handtuch nur einmal zu benutzen, sei es nur zum Hände abtrocknen, um es dann voller Abscheu dem Kampf einer Waschmaschine auszusetzen. Natürlich nur in einer Lauge mit doppelter Menge Waschpulver und höchstens zwei Stück, um ganz sicher zu gehen, dass jeder noch so hartnäckige Schweißfleck im Ausguss verscheidet.
Was die Küche betrifft, so wird das Geschirr peinlichst sauber, mit viel Spülmittel, in der Spüle vorgewaschen, bevor es zum Hauptwaschgang in den Geschirrspüler wandert.
Was wäre ein Bad und WC ohne eine Flasche scharf riechenden, ebenso wirkungsvollen Sanitärentkalkers und eines nicht zu entbehrenden Sanitärreinigers, verbunden mit einer Flasche Glanzextrakt, damit die bereits glänzenden Fliesen noch mehr strahlen in ihrem Glanz?
Kaum auszuhalten, wenn einer mal die Unverfrorenheit besitzt und diesen Sauberkeitsfimmel anprangert, dann schreckt Tante Frieda vor nichts zurück. Kalt lächelnd bekommt man zu hören, was sie von einem denkt: "Ferkel!"
Aber auch ein Ferkel kann sich als Tante Frieda entpuppen. Wie die vierbeinigen, quiekenden rosa Tiere mit Ringelschwänzchen, liebt auch sie den Saustall. Ordnung und Sauberkeit sind Fremdwörter für sie. Warum erst sauber machen? Lohnt sich doch gar nicht und ist nur vertane Zeit. Sie bevorzugt es lieber in den Bergen zu leben. Bergen von benutztem Geschirr, durch Speisereste meist vom Schimmel befallen. Berge von schmutziger Wäsche, die sich tagelang, wochenlang vor der Waschmaschine türmen und Bergen von Sachen, die mal da und mal dort hingeworfen oder hingestellt werden, um auch dort zu bleiben, wenn es sein muss, bis zum jüngsten Tag.
Meist lebt diese Tante Frieda nicht allein. Sie teilt schwesterlich alles das sie besitzt mit verschiedenen Arten von Ungeziefer, die es ihr danken, indem sie sich emsig vermehren. Nach dem Motto: Außen hui und innen pfui, sieht ein Fremder ihr die Ferkelei natürlich nur äußerst selten an. Vor Nachahmung wird trotzdem gewarnt.
Etwas Liebenswertes an sich hat die Tante Frieda, die mal ein Gläschen zu viel trinkt. Im fortgeschrittenen Stadium liebt sie es, bereits zum Frühstück ein paar Schnäpse auf ihr Wohl zu schlucken. Natürlich immer darauf bedacht, dass es keiner merkt. Wenn sie mal ein Möbelstück dazu kauft, dann nur, weil sie mehr Platz für ihre versteckten Schnapsflaschen braucht. Keiner fördert das Recycling wie sie, da sie oft mehrmals in der Woche den Glascontainer aufsucht, um leere Flaschen einzuwerfen. Figurprobleme kennt sie keine, da sie als Hauptnahrung "Flüssiges" bevorzugt. Ihr Lebensinhalt ist sehr Abwechslungsreich und besteht hauptsächlich darin, für sich "Nachschub" zu besorgen.
Und bekommt sie doch mal Besuch, werden alle "Beweismittel" sorgfältig beseitigt. Selbst ihre "Fahne" bekämpft sie mit Zahnpasta, Mundwasser und Kaugummi. Sie kennt sich selbst sehr gut und weiß, sie kann leben mit ihrem Laster, aber können es die anderen auch?
Äußerst anstrengend ist die Tante Frieda, die sich in jeder Hinsicht unentbehrlich machen will. Sie ist zur Stelle und bietet ihre Dienste an, selbst wenn man sie überhaupt nicht will. Sie versteht keinen noch so deutlichen Wink, den man ihr gibt, um sie endlich loszuwerden. Selbst wenn man sie auf "nächstes Jahr vielleicht" vertröstet, steht sie nächsten Tag hartnäckig wieder vor der Tür. Und lässt man sich schließlich "Erweichen" und gibt ihren Samariterdiensten endlich eine Chance, so bleibt sie an einem kleben, wie eine Klette. Ein Zustand, gegen den nur mehr harte Worte helfen können. Aber wer hat schon das Herz, sie in so einer Situation zu gebrauchen?
Tante Friedas Hilfsbereitschaft ist wirklich grenzenlos. Sie hilft gerne, lange, ausdauernd, hartnäckig und begeisterungsvoll, überall, jederzeit, bei Jedem und bei Allem. Dabei spielt es für sie keine so große Rolle, ob ihre Hilfe auch wirklich fruchtet, sie das Richtige; macht und sie wirklich gebraucht wird. Hauptsache ist doch, sie kann ihrem obersten, unerschütterlichen Gebot treu bleiben und das lautet: Hilf deinem Nächsten, ganz egal, wie er darüber denkt.
Die Tante Frieda, die ich zuletzt noch erwähnen möchte, ist meiner Ansicht nach am häufigsten in den Familien anzutreffen. Der Bazillus, den sie an sich hat, scheint ansteckend zu sein, denn, wie kommt es sonst, dass ihr Laster - die Tratschsucht - sich derartig verbreitet hat?
Grundsätzlich interessiert sie sich für jede Neuigkeit. Über alles wird und muss gesprochen werden. Mit größter Leidenschaft hauptsächlich über nicht Anwesende, an denen natürlich kein gutes Haar gelassen wird.
Sie übertrumpft jede Märchentante, denn, im Geschichten erfinden, sie abändern, dazu dichten, ist sie einmalig. Dabei setzt sie selbstverständlich voraus, dass jedes Wort von ihr für bare Münze genommen wird. Kein Wunder, wo sie sich selbst jedes Wort glaubt!
Sie ist stets bereit, von anderen zu sprechen, über sich selbst schweigt sie sich aus. Und sollte mal einer die Frechheit besitzen ihr das abzunehmen und etwas über sie verkünden und sie erfährt es, kann man stark annehmen, dass sie sich mit einer Märchenstunde rächt, die sie ganz allein ihrem "Opfer" widmet.
Tratschtanten sind in dieser Hinsicht sehr empfindlich. Wer sich nicht angewöhnt, sie mit Samthandschuhen anzufassen, wird unweigerlich vernichtet, mit der einzigen Waffe, die sie besitzen - ihrem Mund.


Eingereicht am 17. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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