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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Versuch

G.W.T.


"Herr Verdruss, Sie können zum Bürgermeister vortreten", sagte die Sekretärin ohne vom Bildschirm aufzuschauen.
Ich packte meine prallgefüllte Aktentasche und marschierte zielstrebig in Bürgermeister Leichtfußens Büro.
"Na mein Lieber, was kann ich denn für Sie tun?" kam der kleine Mann auf mich zu und schüttelte mir kräftig die Hand.
"Herr Bürgermeister, ich möchte gerne gleich mit der Türe ins Haus fallen", kam ich auf den Punkt, "mein Name ist Verdruss. Ich bin der Vorsitzende des CPG - dem Club der Picknickgegner."
"Nie von euch gehört." Sein Interesse schien zu sinken.
"Sehen Sie, wir sind eine Bewegung deren Ziel es ist, das Picknicken generell verbieten zu lassen."
"Na na na, meldete sich Leichtfuß, "Picknicken ist doch eine wunderbare Sache, gutes Essen, frische Luft, Sonne, Natur, was haben Sie daran auszusetzen? Ich mache das selber gerne."
"Herr Bürgermeister, geben Sie mir drei Minuten, und ich werde Sie vom Gegenteil überzeugen." Ich öffnete meine Aktentasche und nahm stapelweise Tabellen, Studien und Zeitungsberichte heraus. "Picknicken ist einfach zu gefährlich, um es weiter dulden zu können", behauptete ich und reichte ihm ein paar Übersichten. "Wussten Sie, dass dabei jeder Fünfte einen Sonnenbrand davonträgt, jeder achte sogar einen schweren? Bei Sonnenstichen liegt die Dunkelziffer sogar weit höher."
"Ja würde es denn dann nicht reichen, nur das Picknicken bei Schönwetter zu verbieten?"
"Leider nicht, stellen sie sich einmal vor, mit wie vielen zusätzlichen Erkälteten und kranken Menschen dann der Gesundheitsetat belastet würde. Vom Schaden für die Wirtschaft einmal abgesehen."
Nervös rückte Leichtfuss seine Brille zurecht und ich sah meine Chance gekommen.
"Zudem wird ja auch die Tierwelt in Mitleidenschaft gezogen. Ameisen, Käfer und Fliegen zum Beispiel verlieren ihre natürlichen Ernährungsgewohnheiten. Sie sind kaum mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen, da ihnen mit den Picknickabfällen alles in den Rachen geworfen wird. Und stellen Sie sich vor, wie viele unschuldige Insekten in Saftbechern ertrinken müssen, weil sie sich zu weit vorgewagt haben. Und..."
"Mein lieber Verdruss", der Bürgermeister strich sich über die Glatze, "auch dafür habe ich als Naturfreund eine Lösung, ohne dafür das Picknicken gleich verbieten zu müssen". Leichtfuß lächelte mich gewinnend an. "Wir stellen einfach Schilder auf. 'Insekten füttern verboten!'"
Verdammt, dieser Kerl war gut und hatte auf alles eine Antwort, doch ich hatte mein Pulver noch lange nicht verschossen. Ich kam erst richtig in Fahrt. Ich langte in die Aktentasche, zog ein Foto hervor und reichte es ihm. Es zeigte ein junges Paar beim Picknick. "Dieser Mann hier auf dem Foto wurde von einer Biene in den Rachen gestochen, als er in ein belegtes Brötchen biss. Er musste vom Notarzt versorgt werden und schwebte einige Zeit in Lebensgefahr."
"Schrecklich", bekundete Leichtfuß.
"Und die Frau erlitt eine Salmonellenvergiftung, weil sie ein Ei verzehrte, das nicht sachgemäß gelagert war. Auch sie musste im Krankenhaus behandelt werden."
"Das ist furchtbar", gab mir Leichtfuss Recht, "Aber ein Picknickverbot rechtfertigt das noch lange nicht. Allerdings werde ich in Anbetracht ihrer schlagkräftigen Argumente Folgendes erlassen. Leichtfuß notierte: 'Zum Schutze vor Witterungsverhältnissen ist Picknicken ab sofort nur mehr in geschlossenen Räumen, unter strengem Fütterungsverbot von Insekten erlaubt. Weiters ist der Verzehr von selbst mitgebrachten Speisen verboten, um die Vergiftungsgefahr hintanzuhalten'. Was halten Sie davon?"
Er hatte gewonnen und ich hatte versagt. Meinen Posten als Vorsitzender des CPG war ich so gut wie los.
Vielleicht konnte ich ja eine neue Karriere bei den Badegegnern oder Weihnachtshassern einschlagen.


Eingereicht am 17. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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