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Möchten Sie Ihren Apfel mit Fett und ein geruchsdichtes Tütchen?

Christian Schmidt


Ich habe schon häufig schönes Obst gesehen und auch schon leibhaftig die sagenumwobene Stinkfrucht in Thailand kennen und riechen gelernt. Ich glaube, dies befähigt mich hier den Umgang der Deutschen mit ihrem Obst und Gemüse zu thematisieren.
Wenn man in Deutschlands Supermärkten unterwegs ist trifft man die verschiedensten Arten von Menschen und alle, auch wenn sie keinen Blattsalat von Blattspinat unterscheiden können, werden plötzlich zu Obst- und Gemüse-Experten.
Woran ich das erkenne? Ganz einfach, bevor ein Deutscher ein Stück Obst in seinen Wagen befördert wird dieses Stücke erst einmal ertastet, gedrückt und begutachtet. Fast nie wird der erste schmackhafte Apfel, der begutachtet wurde auch tatsächlich gekauft, sondern in seinen Korb zurückgelegt.
Schön mit Fettflecken und Druckstellen übersäht, besonders bei vielen Begutachtungen.
Die Tomate ist dabei besonders gefährdet, denn selbst leichte und zärtliche Drückvorgänge (wenn es diese geben sollte) kann man ihr sofort ansehen. Die Chance, einmal selbst im Wagen zu landen, ist für die oben liegenden Tomaten also sehr gering.
Der Gedanke an meinen Apfel, der vorher schon öfter begutachtet und wieder zurückgelegt wurde, lässt mich erschaudern. Unzählige fettige Finger haben ihre Abdrücke hinterlassen und ein jeder Ermittler des BKA hätte seine wahre Freude daran. Man sollte nach einem geschäftigen Samstag die übrig gebliebenen Äpfel dem BKA zu Ausbildungszwecken überlassen!
Auch Obst und Gemüse, das eindeutig nicht mehr 1. oder 2. Wahl ist, wird wieder in die Körbe zurückgelegt. Wo sollte man sie auch hinwerfen? Abfallkörbe neben Obst und Gemüse sind hier genauso wenig vertreten wie in der ehemaligen DDR. In der DDR hatte dies ja seine Berechtigung (ja, genau deshalb!), aber hier?
Also landet der freudige Schimmelpilz wieder bei seinen noch gesunden Opfern, den lecker Pfirsichen, die aber nun nicht mehr lange gesund bleiben werden.
In Thailand gehe ich lieber auf den Markt um Obst und Gemüse zu kaufen, da ist immer was los und Hunderte von Leckereien laden dich zum Naschen ein. Alles ist frisch und schmeckt köstlich. Na ja, nicht alles ist köstlich, aber wenigstens frisch war meine Stinkfrucht. Glauben Sie mir, wenn man in seinem 4-Sterne-Hotel an der Lobby angehalten wird, weil es übel riecht ist dies mehr als peinlich. Außerdem wurde ich darauf hingewiesen, dass es nicht gestattet ist eine Stinkfrucht mit ins Hotel zu nehmen. Ich wusste vorher noch nicht einmal, dass es eine Stinkfrucht gibt, geschweige denn woher sie diesen Namen hat.
Sie sah so verlockend aus, abgepackt im Tütchen. Im Gegensatz zu unseren Gefrierbeuteln war das Tütchen aber nicht geruchsdicht, jedenfalls am Ende wohl nicht mehr.
In den USA an den Gemüsetheken glänzen alle Äpfel und Orangen wie der Spiegel von Schneewittchens Stiefmutter. Alle sind liebevoll und bis zur Perfektion gewachst. Ob dies der Gesundheit förderlich ist, wage ich zu bezweifeln, aber es sieht sehr schön aus hat noch andere Vorteile. Wenn eine Dame der feinen Gesellschaft ihren kleinen Schminkspiegel vergessen hat, braucht sie nicht extra die Obst-Abteilung zu verlassen um nach dem rechten zu sehen, sondern kann einfach einen schön gewachsten Boskop benutzen.
Der eigentliche Vorteil sind allerdings die riesigen Mülleimer, die überall neben den Auslagen stehen. Findet man eine hässliche Mandarine oder eine matschige Banane, ab mit ihnen in den Eimer, so dass sie das Auge des nächsten Kunden nicht mehr belästigen! Schimmel hat drüben sowieso wenig Chancen, dies ist ein weiterer Vorteil der immensen Wachschicht. Überhaupt sieht man sehr selten Kunden, die Obst wieder zurücklegen. Entweder in den Eimer, oder in den Wagen. Dies sollte auch unser Motto hier in Deutschland werden!
Sind die Amerikaner nun die größeren Obstexperten oder achten sie mehr auf Hygiene? Im Eldorado der Fitness Kalifornien mag das der Fall sein, aber in einem verschlafenen Nest in Arkansas? Ich glaube, es liegt daran, dass der US-Bürger einfach darauf vertraut, dass das, was gut aussieht auch gut ist!
Wir sind hier doch viel misstrauischer und müssen alles überprüfen, bevor wir zur Tat schreiten. Der gute Amerikaner ist da viel zielstrebiger und kompromissloser ...
Aber die Eimer täten unseren Obsttheken trotzdem gut.


Eingereicht am 30. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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