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Tante Trude und die Bananen. Geschichten von der DDR

Conny Claussner


Trübe Stimmung herrschte an diesem Dezembermorgen über dem Plattenbau.
Vom 7.Stock des Hochhauses konnte man gut auf die Stadt sehen, die im Qualm der Essen verschwommen zu erkennen war. Tante Trude hatte gerade die Vögel auf dem Balkon gefüttert und sah neugierig auf die Straße. Ein Trabbi qualmte und puffte laut. Beim Starten und der Kälte gab es immer solche Probleme. Einige Jungs kamen von der Schule, hatten ihre Rucksäcke in die Ecke geschmissen und rauchten heimlich. Trude ging ins Bad um ihren Locken den letzten Schliff zu geben. Dann zog sie ihre neue blaue Dederonkittelschürze an, ihren braunen Wintermantel drüber, den sie offen lies. Die Leute sollen doch ihre neue Schürze bewundern. Passend zu der Schürze hatte sie einen Einkaufsbeutel genäht. In diesem Aufzug begab sie sich in die nahe liegende HO Kaufhalle, denn sie hatte beobachtet, dass heute mehr Leute als sonst zum Einkaufen gingen.
"Ah, es gab Bananen", freute sich Trude. Die kleine Kaufhalle war brechend voll Kunden.
Trude schob ihren Einkaufswagen, der sehr quietschte durch die Gänge, zielstrebig, zu der Gemüseabteilung. Heute gab es 5 Bananen, die schon fein säuberlich abgepackt auf dem Tisch lagen. Eine Verkäuferin bewachte das Geschehen, damit ja nicht jemand 2 Packungen nahm. Vor Trude standen noch 10 Kunden an. "Hoffentlich reichen die Bananen, bis ich dran bin", dachte Trude besorgt. Vor ihr stand Frau Richter, von der 4. Etage. Sie war nun auch Rentnerin. Früher hatte sie auch in der großen Post gearbeitet. Frau Richter musterte Trude von oben bis unten. "Na, Trude, warst wohl wieder beim Friseur?" "Und eine neue Schürze hast Du ja auch". "Sieht ja Chic aus." Trude lächelte zufrieden. "Im Kaufhaus gab es gestern neue Ware", verkündete sie stolz. "Eine Stunde habe ich angestanden." Während die alten Frauen schwatzen, nahm die Schlange vor ihnen ab. Die Bananen aber auch.
Noch zwei Kunden standen vor Trude, als die Verkäuferin verkündete: "Die Bananen sind alle" "Och" Enttäuschung und Wut machten sich breit. "Nächste Woche gibt es wieder welche", versuchte die Verkäuferin zu beruhigen. "Ich habe hier noch einige Orangen."
Tante Trude nahm nun ein Netz davon mit "Aber da sind ja Kubaorangen drin", empörte sie sich. "Die kann man doch bloß auspressen, so hart sind die."
Und schmiss wutentbrannt das Netz wieder zurück. Das vertrug den harten Aufprall nicht, zerplatze und die die ganzen Kubaorangen rollten über die Ladentheke auf den Fußboden.
Ein großer kräftiger Mann, der es sehr eilig hatte, bemerke das alles nicht. Und da passierte es, er übersah die Kubaorangen, Tante Trude und die anderen Kunden. Im Laufschritt stürzte der Mann, rutsche auf einer Orange aus und flog mit einem hohen Bogen auf seinen Rücken.
Erschrocken sahen die Frauen auf den am Boden liegenden Mann. Er lag reglos da. Die Frauen zerrten an seinen Armen, wollten ihm hoch helfen. Doch der Mann zog eine schmerzerfüllte Grimmasse. "Ist Ihnen was passiert?", fragte die Verkäuferin besorgt. "Au, au", wimmerte der Mann, "Mein Rücken! Ich kann mich nicht bewegen." Die Verkäuferin hatte gerade einen Erste-Hilfe-Kurs abgelegt. Sofort brachte sie zwei Decken, eine für den Kopf des Mannes eine zum Zudecken, dann legte sie ihn in eine stabile Seitenlage. "Steht hier nicht so rum!", herrschte die Verkäuferin die Kunden an. "Der Mann hat die Rippen gebrochen, ich habe den Krankenwagen angerufen".
Trude hat sich still und heimlich davongeschlichen. Ihr war die ganze Sache sehr peinlich.
Von ihrem Balkon aus beobachtet sie wie der Krankenwagen kam und den Mann abholte.
"Nee", dachte Trude, "so ein Aufwand wegen 5 Bananen!"


Eingereicht am 27. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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