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Guten Morgen!!

Dorothee Sachinian


Mein Wecker rüttelt mich wach und ich sehe, dass auch der Nachfalter sein Werk tut: Er schafft freie Sicht auf die Sonne. Ich bin noch etwas benommen, denn in meinem Albtraum ist ein aggressiver Tennisschläger auf mich losgegangen. Doch es gibt keinen Grund mehr, noch länger liegen zu bleiben. Ich strecke mich und stolpere beim Aufstehen als Erstes über den Bettvorleger. Ich ärgere mich täglich über ihn, doch aus mir unerfindlichen Gründen legt mein Mann Wert auf ihn. Während ich ins Bad gehe, verflüchtigen sich von dort Schuh- und Hosenspanner. Was die an Schuhen und Hosen so aufregend finden, weiß ich auch nicht genau.
Jetzt haben sie die ganze Nacht spannen dürfen, das reicht! Im Bad treffe ich den Warmduscher und den Klosettschwimmer. Der Haartrockner rubbelt ihnen gerade die Haare trocken.
Der WC-Reiniger und die Klobürste hinterlassen mir eine tadellose Toilette und der stumme Diener reicht mir meine Kleidungsstücke, damit ich mich anziehen kann. Nur gut, dass er stumm ist. Während ich mich wasche, fällt mir auf, dass der Beckenbauer beim Einrichten des Bades irgendwie Mist gemacht hat, denn der Seifenspender rutscht ständig ins Becken und das Seifenstück kann er gar nicht halten. Danach schrubbt die Zahnbürste mir die Zähne und der Rachenputzer sorgt für frischen Atem. Der Hüfthalter erscheint mit einer Verbeugung in der Badezimmertür, doch ich entscheide, dass ich seine Dienste heute nicht benötige.
Ist eh alles umsonst ...
Als ich nach unten ins Esszimmer komme, ist die Tischdecke bei der Arbeit und mir fällt auf, dass unser Gastgeber dafür sorgt, dass wir etliche Mitesser am heutigen Morgen begrüßen dürfen. Der Gabelstapler ist jedenfalls dabei, ein ansehnliches Häufchen Gabeln auf dem Tisch zurecht zu legen. Der Serviettenhalter steht mitten auf dem Tisch, was ich persönlich immer sehr unpraktisch finde, da man aufstehen muss, um an die Servietten zu kommen. Ein Serviettenspender wäre vielleicht die bessere Alternative, denn dann bekäme man sie direkt in die Hand gereicht. Der Taschenmesser werkelt an der Garderobe herum und misst aus, ob alle Handtaschen der Gäste Platz haben. Der Tomatenmesser, welcher heute den Allzweckmesser ersetzt, reicht alle gemessenen und für gut befundenen Tomaten an die Tischdecke, welche sie auf einen Teller drapiert und auf den Tisch befördert. Da der Eierkocher Eier für uns vorbereitet hat, können wir auf den Salzstreuer nicht verzichten. Er flitzt die ganze Zeit geschäftig um den Tisch und macht seine Arbeit gut. Die Fernbedienung, eine adrette Gestalt, wirft uns zu, was wir sonst noch am Tisch benötigen und beweist große Treffsicherheit. Später werkeln in der Küche der Geschirrspüler und der Fliegenfänger herum, während mir der Schürzenjäger eine frisch erlegte, blütenweiße Schürze überreicht, welche ich mir umbinde. Auf dem Teppich sitzend vergnügen sich im Wohnzimmer der CD- und der Plattenspieler. CDs und Platten kullern durch die Gegend, während der Teppichklopfer auf allen Vieren durch das Zimmer krabbelt und klopft. Der Staubsauger verhindert, dass wir an den aufgewirbelten Staubwolken ersticken.
Ein anstrengender Job!
Im Garten sitzt der Fernseher auf der Bank, dabei hatte ich ihm schon 100 Mal gesagt, dass es die Fernsicht auf dem Nachbargrundstück gibt und nicht hier. Oft wird er zum Grenzgänger, weil er sich nicht entscheiden kann: Stundenlang auf und ab auf der Grenze! Ich werde den Fernsehsender bemühen müssen, damit er ihn nach drüben schickt. In der Ferne beobachte ich den nimmermüden Feldstecher, der mit einem spitzen Werkzeug von morgens bis abends den Acker bearbeitet. Ich werde den Durstlöscher dorthin senden, damit er ihm eine Stärkung zukommen lässt.
In diesem Moment schießt eine Tabelle samt Reiter vorbei. Sie ist durchgegangen, weil die Pferdebremse nicht funktioniert. Manche Leute wären gut beraten, gleich einen Bremskraftverstärker einzustellen, sie würden sich viel Ärger ersparen. Der Telephonhörer kommt zu mir und meldet ein Gespräch. Es ist der Lockenwickler, der meint, dass er gerade einen Termin frei habe und auch der Haarfestiger sei zufällig anwesend. So schicke ich meinen Anrufbeantworter, den Termin klar zu machen. Schnell gebe ich der Salatschleuder Anweisung, wie viel Salat sie zu schleudern hat und dass sie dazu am besten auf die Wiese geht, da sonst der Scheibenwischer die Krise bekommt, wenn seine ganze Arbeit wieder zunichte gemacht wird.
Der Wasserspeier bekommt noch kurz den Auftrag zu gießen und schon führt mich der Treppenleiter durch den Garten nach unten zum Auto. Zwei kleine Flugzeugträger schießen an mir vorbei, laute Geräusche von Düsenjets imitierend. Ein Hundesteuer lenkt seinen Collie durch die parkenden Autos über die Straße. Der Motorroller schiebt mich bis vor die Salontür und der Türklopfer bittet um Einlass für mich. Der Spannungsumwandler versetzt mich in freudige Erwartung, daher ist der Herzschrittmacher gerade arbeitslos. Wie habe ich mir doch eine kleine Pause verdient!!! Der Cognacschwenker bietet mir ein Glas frisch geschwenkten Cognacs zur Entspannung an und der Zigarettenanzünder eine frisch entzündete Zigarette, die ich jedoch dankend ablehne. Gut, dass es ein Spätzünder ist, so brennt die Zigarette noch nicht richtig!
Da hätte der Rauchverzehrer so viel zu tun und der Luftbefeuchter rast schon ganz hektisch mit seinem Sprühfläschchen hin und her. Ich lasse mich also verwöhnen und werfe ab und zu einen Blick aus dem großen offenen Schaufenster. Gerade scheucht ein Druckertreiber ein paar Drucker aus dem Verlagshaus gegenüber - nicht sehr schön! Ein Seeräuber schleicht, sich vorsichtig umschauend, mit einem riesigen Paket vorbei und hinter einer Ecke lauert ein gemeiner Spießer.
Was ist das für eine gefährliche Gegend hier! In einem schwarzen Fluchtwagen wird der blau besudelte Tintenkiller von der Polizei verfolgt. Nebenan in der Bar stürzt sich ein grässlicher Anhänger auf einen einsamen Barhocker, der doch nur seinen Drink in Ruhe genießen will.
Inzwischen macht sich der Nagellackentferner an meinen Händen zu schaffen, während der Haarschneider meine Frisur bearbeitet. Eine gewisse Unruhe nimmt von mir Besitz und ich möchte schnell nach Hause zurück. Nebenbei fällt mir auf, dass ich schon lange mein von mir bestelltes Mittagessen verpasst habe. Vielleicht sollte ich einfach den Tortenheber bestellen, der würde mir etwas Nettes vorbeibringen. Danach kommt eh der Hometrainer und der Bodybuilder würde meine süßen Sünden gleich an mir ausbügeln. So vergeht ein ziemlich anstrengender Tag und zum guten Schluss muss ich auch noch feststellen, dass ein, wie immer schlechtgelaunter, Liebestöter aus dem Büro nach Hause kommt ...
DAS REICHT!
Schweißgebadet wache ich auf und mir wird bewusst, dass ich die vielen Leute in meinem Haus nur geträumt habe. Ich will niemanden mehr sehen. Der Sekundenkleber ist Schuld, dass mir die Zeit in meinem Traum endlos erschien. Ich zerknülle meine Notizen, auf denen ich einschlief und übergebe sie dem Müllschlucker. Währenddessen überlege ich mir, demnächst nachts den Popup-Blocker zu beschäftigen, damit mir solche Attacken erspart bleiben ...


Eingereicht am 05. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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