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Die Krähe

Michael Schnitzenbaumer


"Das ist ein schönes Plätzchen", rief Peter, das Nesthäkchen der fünfköpfigen Familie Brunn. Die hatte sich, nach ihrer langen Radtour, auf einer wild bewachsenen Wiese niedergelassen und bereitete ein kleines Picknick vor.
Die Schwestern Ingrid und Jessica legten eine große, karierte Stoffdecke unter einer Schatten spendenden Buche aus, denn der Tag war heiß und sonnig. Mutter Helga entnahm die Leckereien ihrem Körbchen, Vater Albert parkte die Fahrräder neben dem Buchenstamm.
Bald waren alle Köstlichkeiten auf der Decke garniert. Peter wollte schon herzhaft in sein Butterbrot beißen, da wurde die friedliche Runde rüde gestört. Eine große Krähe krächzte laut auf, während sie die Brunns von ihrem Ast aus beobachtete. Plötzlich flatterte sie frech und ohne Scheu zu ihnen herab und stolzierte schnittig auf das verführerische Essen zu. Ihr Köpfchen leicht zur Seite geneigt, nahm sie die knusprig braun gebratenen Frikadellen näher in Augenschein.
"Ist die niiiiedlich!", rief Ingrid, die ältere Schwester darauf. Dann schlug die Krähe zu und pickte im Nu und ohne groß zu fragen einen der saftigen Fleischklöße auf.
Vater Albert war außer sich. "Fort mit dir, du garstiges Biest!" Er versuchte die Krähe zu verscheuchen und fuchtelte wild mit den Armen.
Zunächst schien es, als hätte er tatsächlich Erfolg, da sich die Krähe mit ihrer Beute auf einen hohen Zweig zurückzog. Doch der Vogel, einmal auf den Geschmack gekommen, ließ sich nicht so leicht entmutigen und setzte seinen Raubzug fort.
Die Krähe flog dicht über die Köpfe der schreienden Familie hinweg, zwickte Albert überraschend in den Nacken, und als der nach der gefiederten Plage schlagen wollte, hatte die längst eine zweite Frikadelle ergattert.
So ging das noch eine ganze Weile weiter. Die verzweifelten Brunns unternahmen alles, um den kecken Vogel zu verjagen, doch der trotzte allen Versuchen, pickte in den Marmorkuchen, warf die Thermoskanne um, fegte die Cola zur Seite, und am Ende stolperte Peter zu allem Übel in Mutter Helgas Blattsalat.
Dann endlich nahte die Rettung. Mit wildem Gebell lief ein gefleckter Beagle herbei, kam schnell, kläffte und knurrte, und die Krähe verlor vor Schreck das hart gekochte Ei. Zu Tode erschrocken machte sich der böse Vogel davon, flog in den Wald und kehrte nicht wieder zurück.
Als die Brunns das sahen, lobten sie das gute Tier. "Komm, mein Bester!", sagte Peter und schenkte dem Beagle eine dicke Wurst. Der Beagle bellte, als wollte er sich herzlich bedanken und trabte zufrieden, mit seiner Wurst im Maul, davon.
Etwas später, der Beagle hatte in einer kleinen Waldlichtung Halt gemacht, flatterte die Krähe zu ihm hinunter und ließ sich gemütlich nieder. Der Beagle hechelte seinen schwarz gefiederten Freund lustig an, so als wollte er ihn auffordern, sich seinen Anteil an der erbeuteten Wurst zu nehmen.


Eingereicht am 09. November 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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