www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de

Bahn fahren ist nichts für Würstchen

© Kornelia Jäger


85.999 Zuschauer und ich im ausverkauften Westfalenstadion. Punkt 15.00 Uhr hatte ich meinen Sitzplatz auf dem Oberrang der Nordtribüne erreicht, frisch gestärkt mit einem halben Liter Cola und einem Bratwürstchen vom Allerfeinsten. Zugegeben, wäre zu diesem Zeitpunkt ein Sanitäter in der Nähe gewesen, wäre ich wohl erst einmal auf Atemnot behandelt worden, schließlich lagen Treppenstufen hinter mir, die vergleichbar mit der Besteigung des Mount Everest waren. Egal, der Blick auf mein direktes Gegenüber ließ mich den beschwerlichen Aufstieg sofort vergessen. Ein Meer aus schwarzgelben Fahnen wog sich im Takt zum Klang "Einzug der Gladiatoren", während diese tatsächlich auf dem Rasen einliefen. Die erste Gänsehaut war fällig. Leider war auch schon die Cola fällig. Abstieg, Beeilung, Aufstieg. Gerade noch rechtzeitig zurück auf meinem Platz angekommen, zum Stadionbrüller "You never walk alone". Nass geschwitzt, den Borussenschal wiegend zwischen die weit ausgebreiteten Armen, musste für den Moment ein Playback reichen, denn der Kloß im Hals wollte einfach nicht hinunter rutschen. Dafür rutschte die zweite Gänsehaut über meinen Rücken und das schwarzgelbe Meer verschwand im aufsteigenden Wasserspiegel meiner Augen. Mensch Meier, alleine dafür hatte sich dieser Nachmittag gelohnt, Emotionen pur!
In den nächsten 90 Minuten durchlebte ich beinahe die gesamte Gefühlspalette. Ärger über den Schiedsrichter, Verzweiflung ob der verpatzten Chancen, Panik beim Konterlauf der Gegenmannschaft, Schadenfreude beim Verstolpern desselben, Freudentaumel beim Siegtreffer. Kaum zu glauben, welche emotionale Belastung ein Körper aushält. So war es nur gut gewesen, dass ich die Halbzeitpause zur kurzen Entspannung und zum Fortbringen der restlichen Cola nutzte.
Abpfiff! Noch kurz die letzten bewegenden Eindrücke aufsaugen und dann Abmarsch in Richtung Bahnsteig. Jetzt kam es auf Sekunden an. Die reinste Völkerwanderung begab sich auf die Heimreise. Ich behaupte mal 47.999 und ich hatten sich für die Zugfahrt entschieden. Die Ursache lag darin begründet, dass die Wahl der meisten im Stadion wohl nicht auf das Getränk Cola gefallen war. Oh prima, heute war ich wirklich in Form. Ich hatte in diesem schwarzgelben Menschenknäuel eine spitzen Ausgangsposition erobert, welches mir die berechtigte Hoffnung machte, gleich den ersten Zug zu erwischen. Da kam er auch schon. Nun war einheitlicher Sportsgeist gefordert! Rechter Flügel drückt linken Flügel nach links und linker Flügel drückt rechten Flügel nach rechts. Achtung! Türen auf. Gesamte Mannschaft zum Sturm auf die Wagons! Das war knapp, ich hatte es soeben als Vorletzter geschafft. Irrtum, hinter mir drängten noch weitere fünfzig Leute hinein. Erstaunlich, wie viel Platz ein einziges Bahnabteil bietet, wenn eine Ansammlung Gleichgesinnter sich Mühe gibt, alles bis auf den kleinsten Winkel zu nutzen. Frei Durchatmen, vermutlich vorläufig zum letzten Mal. Die Türen schlossen sich. Nun bräuchte es zehn Minuten zum nächsten kollektiven Ziel, Dortmund Hauptbahnhof. Durchhalten war jetzt die Parole. Für einen Moment schloss ich die Augen um mich fiktiv auf eine einsame Insel zu schicken. Gedanklich auf dieser Insel stimmte ich sicherheitshalber ein Lied an. "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei ..." Um Himmels willen, nur nicht Wurst! Plötzlich wurde mir übel. Die Einzelteile meines vor Stunden verspeisten Bratwürstchens schienen sich gerade wieder in ihre Ausgangsform zu formieren und drängelten die Magenschleimhaut hoch. Blitzschnell machte ich die Augen auf, versuchte zu retten was zu retten war. "Schön den Bauch einziehen!", befahl ich dem, der geradlinig vor mir klebte. Ich befürchtete, wenn dieser Koloss von Fan ausatmen würde, würde sein verschluckter Medizinball dem Würstchen den letzten Anstoß geben. Er versuchte Folge zu leisten. Meine schräglinke Stütze hauchte mir währenddessen ein "Waaaa das nich schööön" unter die Nase. Wow, der Alkoholspiegel hätte für uns beide gereicht. Mir wurde zwar davon nicht besser, aber für einen Augenblick war es mir egal, ich vertrage ja nicht viel. Dem Würstchen hingegen war es ganz und gar nicht egal. Es war auf dem besten Wege als Erster die Freiheit zu erlangen. Da kam mir meine querrechte Stütze zur Hilfe, indem ihm kurz die Beine versagten, ich ruckartig mitkippte und so das Würstchen zurück auf die Startposition schleuderte. Auf gar keinen Fall wollte ich, dass es eine weitere Gelegenheit bekommt mich hier und jetzt zu blamieren. Also nahm ich fest entschlossen mentalen Kontakt zu diesem Übelmacher auf. "Allesamt in diesem Abteil leiden unter Platzmangel, Raumknappheit, Bedrängung, aber allesamt sind auch tapfer genug sich nicht von der Stelle zu bewegen und da zu bleiben wo sie sind, das gilt auch für dich, basta!" Und ich schwor mir den Eid: "Wenn ich es schaffe dieses Würstchen unter Kontrolle zu halten, werde ich mir DAS hier nie wieder antun. Nie wieder im Leben!"
Just in diesem Moment rollte der Zug in den Hauptbahnhof ein. Die Türen öffneten sich. Ich und das Würstchen hatten es überstanden.
Der Eid jedoch hielt nicht lange an. Beim nächsten Heimspiel des BVB's war ich wieder dabei und hatte mich auch wieder für die Eisenbahn entschieden. Diesmal jedoch ohne eine Bratwurst zu essen. Seit damals reise ich nämlich allein, denn Bahn fahren ist nichts für Würstchen!


Eingereicht am 08. November 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


»»» Kurzgeschichten: Humor, Satire, Persiflage, Glosse ... «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««