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Nur kein Waschlappen!

Kornelia Jäger


"Deutschland bewegt sich!" Wie eine Fata Morgana scheint dieses Motto immer wieder vor mir aufzutauchen. Ein Appell an das schlechte Gewissen? Oder ein Wink des Schicksals: Bewege dich solange du noch kannst?
Egal, Verdrängen ist da angesagt, gar nicht erst weiter drüber nachdenken. Das hat dann auch ganz gut geklappt, bis zu meinem Geburtstag. Geburtstage sind ja immer eine schöne Gelegenheit über tatsächliches und gefühltes Alter Bewertungen und Kommentare auszutauschen. "Die Jahre sieht man dir überhaupt nicht an ...", "Du hast dich aber Gut gehalten!" sowie "Wie machst du das nur, noch so fit zu sein?". Und dann nutzt die beste Freundin die Gelegenheit, einen charmant, dezent zurück auf den Teppich zu holen, mit den Sprüchen wie: "Es ist nicht schön wenn man alt wird, es sei denn man tut was dagegen ..." und "Alt werden ist nichts für Waschlappen, der Ein oder Andere hat ja schon seine Zipperlein ..." Vielen Dank auch liebe Freundin ..., und Zack da war auch die Fata Morgana auch wieder da! Was ganz Deutschland kann, brauche ich mir nicht zu beweisen, das kann ich schon lange, aber ein Waschlappen wollte ich unter gar keinen Umständen sein! Ich fühle mich gut, ich bin gut. Der Entschluss war gefasst. Ich mache das Sportabzeichen, für mich die Anti-Waschlappenurkunde schwarz auf weiß.
Zwei Tage später stand ich auf dem hiesigen Sportplatz. Von acht bis achtzig waren hier wohl alle Altersklassen vertreten. Einige machten sich an den Randgebieten der verschiedensten Disziplinen warm, indem sie ihre Stretchingübungen vollzogen. Das schenke ich mir, ich war ohnehin heiß darauf, es mal eben hinter mich zu bringen. Auf zur Wurfanlage. Mit Werfen konnte ich damals schon immer bei den Bundesjugendspielen glänzen. Gedacht, getan. Gleich der erste Wurf landete 30 cm hinter der geforderten Weite meiner Altersklasse. "Soll ich das sofort eintragen?", fragte der ehrenamtliche Sportabzeichenprüfer. "Klar doch!", erwiderte ich spontan und hätte beinahe völlig übereuphorisch ein "Machen Sie schon einmal die Urkunde fertig" hinzugefügt. "Geht ja gut los", dachte ich, also auf zum Weitsprung. Dort ereiferte sich gerade eine Gruppe sportlicher Senioren. Einer nach dem anderen sprang über die geforderte Mindestweite, während sie sich gegenseitig fröhlich anfeuerten. Fasziniert folgte ich dem Geschehen und hätte beinahe meinen Einsatz verpasst. "Junges Fräulein", sagte plötzlich ein netter, älterer Herr und tippte mir auf die Schulter, "Nun sind Sie an der Reihe". "Oh junges Fräulein, das müsste doch glatt noch ein paar Zentimeter mehr bringen", dachte ich und lief los. 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 Meter, und hepp hoch, Mist. Konnte es denn tatsächlich möglich sein, dass sich innerhalb weniger Sekunden die Erdanziehung um ein 100-faches verstärkte. Wohl kaum, leider. Peinlich berührt anhand tröstender Blicke der zuschauenden Senioren, erhob ich mich blitzschnell aus der Sprunggrube und entschied mich dann doch erst mal den Hochsprung anzugehen, zumal ich mich dem Gefühl nicht erwehren konnte wenigstens Höhe hatte ich gehabt. Als ich die Hochsprunganlage ereichte, hatte ich schon fast sämtlichen Sand aus den Klamotten entfernt und den ersten Dämpfer zu den Akten gelegt. Nun starrte ich auf die Akteure und bewunderte den Ideenreichtum, dieses Höhenhindernis zu nehmen. Von Fosburyflopp bis Flugrolle war alles dabei. Meine Entscheidung fiel auf die Flugrolle, ich war mir sicher das würde klappen. Gerade diese hatte ich vor vier Wochen aus dem Stehgreif hervorgezaubert, als ich mit dem Absatz an der vorletzten Kellerstufe hängen geblieben war und spontan zur Notlandung ansetzen musste. Außer ein paar blauer Flecken war sie mir in bester Erinnerung und dieses Mal wäre die Landung ja auch wesentlich weicher. Gedacht, getan. Anlauf, los. Jedoch je näher ich dem Hindernis kam, umso höher erschien es mir vor meinem geistigen Auge. Aus 1,10m wurden 1,50m wurden 1,80m. Katastrophe, ...! Wer um Himmels willen hatte die Querstange so fest angebracht, dass es möglich ist, die Seitenpfosten gleich mit umzureißen. In diesem Moment schossen mir auch schon die Tränen in die Augen. Weniger der Scham, obwohl das eigentlich schon Grund genug gewesen wäre, nein wohl doch eher dieses unermesslichen Schmerzes, der meinem Hirn die Frage stellte, welche Klinik in der näheren Umgebung in der Lage ist neue Hüftknochen zu modellieren. Als ich es wagte, mich wieder vorsichtig in die Aufrechte zu bringen und mich auf der Matte langsam abstützte, durchzog mich Erleichterung. Das Empfinden, die Querstange hätte sich beim Aufprall unter mir in mein Becken implantiert, bestätigte sich nicht. Technische Leichtathletikdisziplinen schienen eindeutig nicht zu meinen Stärken zu gehören. Was natürlich auch eine logische Schlussfolgerung dessen ist, dass Höhe, Tiefe, Weite, Länge also das so genannte räumliche Denken bei Frauen nicht optimal ausgeprägt ist. Das gab mir Trost, wenigstens eine weitere Anforderung an diesem Nachmittag abzuschließen und der Kämpfer in mir orientierte sich zu Laufen. So, nur 100m und es ist geschafft mit einem zweiten Eintrag. Startziel, knapp über Zeitlimit, schade. Startziel, noch knapper über Zeitlimit, noch schader. Aller guten Dinge sind drei, Jetzt oder nie. Start, Mitte, Zack, Knick. Innerhalb weniger Sekunden entwickelte sich eine tennisballgroße Beule direkt unter meinem rechten Knöchel. Nun saß ich ungläubig auf der Tartanbahn und ließ meinen Blick in die Stadionrunde gleiten. In meiner ersten Wut war ich überzeugt, dass Turnvater Jahn sich im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, welche Normen zum Erreichen des Sportabzeichens aufgestellt worden sind. Entweder mussten es ehemalige Olympioniken gewesen sein, die das taten, oder hyperaktive Senioren, die keinerlei Dopingkontrollen mehr unterliegen, dessen war ich sicher. Gleichzeitig hoffte ich inbrünstig, dass kein mir bekannter Mensch mich hier im Stadion gesehen, geschweige denn erkannt hat. Als ich kein mir bekanntes Gesicht entdecken konnte, ließ mich die Erleichterung schmunzeln. Das Sportabzeichen hatte sich soeben für mich abgehakt. Mein Hauptziel jedoch würde ich in den nächsten Tagen souverän erreichen. Die Tapferkeit nicht ein einziges Sterbenswörtchen über den Schmerz der heute hier erlittenen Blessuren zu verlieren, macht mich - für mich auf jeden Fall - zu keinem Waschlappen .


Eingereicht am 08. November 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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