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Deutschland im Aufschwung

Winfried Richter


- ein Stenogramm einer nicht gesendeten Talkshow, eines nicht näher bezeichneten Privatsenders Deutschland -
Reporter: Einen recht schönen Guten Abend Herr Meier. Sie sind der derzeitig amtierende Bürgermeister von Sonnenhausen, eine kleine Stadt, welche während des diesjährigen Städtetages den Wanderpokal "Wirtschaftlich bedeutendste Stadt Deutschlands" erhalten hat.
Bürgermeister: Es war ein überragendes Ereignis, diese Trophäe stellvertretend für die vielen fleißigen Menschen meiner Stadt von diesem hohen Gremium zu empfangen - ein wahrhaft denkwürdiger Augenblick in meiner Amtszeit.
Reporter: Fast alle Städte klagten während der Zusammenkunft über rückgängige Investitionen, ausbleibende Steuereinnahmen und zu hohe Pro-Kopf-Verschuldung. Nur ihre Stadt, als einzige, hat finanzielle Reserven, ein wachsendes Haushaltsvolumen und die geringste prozentuale Arbeitslosenrate, inmitten einer Region, die laut statistischem Jahrbuch zu den wirtschaftlich schwächsten Gebieten zählt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg? Können Sie den anderen Bürgermeistern, die vielleicht jetzt unsere Sendung anschauen, Empfehlungen geben?
Bürgermeister: Das ist gar nicht so leicht, denn eigentlich begann alles mit einer Verwechslung.
Reporter: Einer Verwechslung? Wie können unsere Zuschauer das verstehen? Würden Sie uns das etwas näher erläutern?
Bürgermeister: Na ja, alles fing damit an, dass eine Gruppe von Hobbyarchäologen herausfand, dass die Mauerreste auf einem kleinen Hügel im Süden unserer Stadt die Ruinen einer mittelalterlichen Burg waren. Da nur eine schmale und sehr kurvenreiche Straße dorthin führte, beschlossen wir im Stadtrat zur verbesserten Verkehrssicherheit ein Verkehrsschild "Höchstgeschwindigkeit 60 km/h" verbunden mit einem Zusatzschild "Kurvenreiche Strecke" dort aufzustellen. Leider wurde uns vom Schilderwerk aber ein Schild geliefert, "Höchstgeschwindigkeit 130km/h". Da die Zeit drängte, die Ferienzeit nahe war, hatte unser zuständiges Stadtbauamt schon in Erwartung der Lieferung einen Arbeitsauftrag an die Mitarbeiter des Stadtbauhofes zur Montage der neuen Verkehrsleiteinrichtung erteilt. Durch die unkritische Arbeit eines Mitarbeiters wurde leider dieses falsche Verkehrsschild montiert, mit gravierenden Folgen für unsere Stadt.
Reporter: Sie haben doch aber bestimmt sofort reagiert?
Bürgermeister: Natürlich umgehend. Das unrichtige Schild wurde sofort beim Hersteller reklamiert. Der zeigte sich auch sehr kulant und verzichtete auf die Begleichung der Rechnung. Der Mitarbeiter, des Stadtbauhofes, welcher das falsche Verkehrszeichen montiert hatte, bekam von mir persönlich einen strengen Verweis ausgesprochen.
Reporter: Wurde nicht sofort das irreführende Verkehrsschild beseitigt?
Bürgermeister: Leider nicht, denn das war zu dem damaligen Zeitpunkt sehr kompliziert. Unser zuständiger Stadtbaurat befand sich zu dieser Zeit schon in seinem wohlverdienten Urlaub. Sein Stellvertreter verunglückte leider bei einem Vorort-Termin, an eben dieser Stelle. So gab es leider keinen kompetenten Entscheidungsträger, welcher die Vollmacht besaß, einen Arbeitsauftrag zum Rückbau der Verkehrsleiteinrichtung zu unterzeichnen. Wie wichtig uns die Angelegenheit erschien, verdeutlicht jedoch die Aktennotiz von Anfang Juli. Darin wurde festgehalten, dass obiges Problem sofort in der ersten Stadtratssitzung nach der Sommerpause in einem speziellen Tagesordnungspunkt zu behandeln ist. Als ich Anfang September die Amtsgeschäfte wieder übernehmen wollte, war die Angelegenheit jedoch eskaliert. In der Stadt herrschten unhaltbare Zustände. Jeden Montagnachmittag demonstrierten etwa einhundert Naturschützer mit großen Plakaten vor dem Rathaus, wegen der Unfallbeschädigungen an den Bäumen auf diesem Straßenabschnitt. Eine ebenso große Menge von Bürgern beschwerte sich über die ständigen Störungen ihrer wohlverdienten Mittagsruhe durch lautstarke Sirenengeräusche der durch das Stadtzentrum rasenden Rettungswagen mit Unfallopfern zum nächst gelegenen Kreiskrankenhaus. Es half alles nichts. Wir mussten eine außerordentliche Stadtratssitzung einberufen. Auf welcher wir dann "Nägel mit Köpfen" machten.
Reporter: Es wurde beschlossen, dieses irreführende Verkehrsschild zu demontieren?
Bürgermeister: Zum Glück nicht. Wir fassten einen einstimmigen Beschluss zur Gründung eines "Krisenstabes Unfallschwerpunkt", welcher umfassende Kompetenzen erhielt. Er nahm schon am darauf folgenden Morgen seine Arbeit auf.
Als erstes erstellten die Mitarbeiter ein Konzept zur Errichtung eines Unfallkrankenhauses in unmittelbarer Distanz zu diesem gefährlichen Straßenabschnitt. Auf unsere dringliche Bitte hin, erhielten wir auch sehr kurzfristig aus dem Regierungspräsidium eine Fördermittelzusage und schon innerhalb von 4 Monaten konnte direkt am Point Zero die neue Unfallchirurgische Einrichtung ihren Betrieb aufnehmen. Es war wirklich eine Wohltat für die Stadt, da nun kein lautes Sirenengeheul mehr den verdienten Feierabend unserer Bürger störte.
Zeitgleich mit der Beantragung der Baukostenübernahme für das Krankenhaus wurde auch vom "Krisenstab Unfallschwerpunkt" ein Großauftrag zum Bau mehrerer hoher Betonklötzer vor den gefährdeten Bäumen der Straße an ein mit der Stadtverwaltung eng zusammen arbeitendes Bauunternehmen vergeben. So dass auch die, die allgemeine Ruhe störenden Protestmärsche der Naturschützer der Vergangenheit angehörten. Besonders positiv ist die Entscheidung eines dem Krisenstabes angehörenden Mitarbeiters zu bewerten, welcher seine guten Beziehungen zur Arbeitsagentur nutzte und die Mitarbeiter dort dahingehend motivierte, einen geeigneten arbeitslosen Fahrzeugmonteur zu finden, welcher über staatliche Fördermittel dazu befähigt wurde, in Sichtweite des Unfallschwerpunktes eine Autoreparaturwerkstatt mit angegliederter Bergungstechnik zu gründen. Die Geschäftsgründung war erfolgreich. Schon wenige Wochen später konnten auf Grund der gesunden Auftragslage 15 neue Mitarbeiter eingestellt werden. Sie sehen, eine positive Arbeitsmarktbilanz kommt nicht von allein.
Unser besonderer Dank für den weiteren wirtschaftlichen Aufschwung gilt natürlich auch den Radiosendern, speziell den Verkehrsfunkredaktionen. Ihre ständigen Nachrichten "Verkehrsbehinderung nach einem Unfall zwischen Sonnenhausen und Schlossruine", machte unsere Stadt besser bekannt, als jede teuer erkaufte PR-Aktion.
Die Nachrichten im Halbstundentakt prägten bei vielen Autofahrern auf der nahen Autobahn die Synonyme Sonnenhausen und Schlossruine. Es wirkte, immer mehr Besucher kamen, besuchten unsere Stadt und die Unfallstatistik stieg steil an.
Bald reichten die Kapazitäten unserer Notfallstation nicht mehr aus, so dass wir vom Regierungspräsidium die Erlaubnis und natürlich auch die Mittel zum Bau und dem Betrieb eines Verkehrslandeplatzes erhielten. Hier konnten anschließend zwei Rettungshubschrauber stationiert werden. Dank dieser vorhandenen Infrastruktur siedelte sich ein Ballonfahrtunternehmen an und eine große Luftfrachtgesellschaft denkt derzeitig über den Bau einer Cargohalle nach.
Eine weitere wichtige Entscheidung der Stadt war die Umwandlung der freiwilligen Feuerwehr in eine Berufsfeuerwehr. Einsätze für die Männer gab es genug und es waren wieder 10 zukunftssichere Arbeitsplätze entstanden.
Unser stadteigenes Fernsehen installierte moderne Videotechnik an dem nun schon sehr berühmten Straßenabschnitt und steht gewinnbringend mit mehreren Nachrichtenagenturen in Verbindung, die bei Bedarf Live-Bilder von besonders spektakulären Crashs übertragen können.
Da sich die Deutsche Bahn zum Glück noch nicht bereit erklärt hat, mehr als einmal täglich den durch unseren Bahnhof fahrenden Regionalexpress halten zu lassen, verzeichnet auch das Hotelier- und Gastgewerbe wirtschaftlichen Zuwachs. Jeder Angehörige, welcher mit dem Zug anreist, um einen Patienten im Krankenhaus zu besuchen, muss wohl oder übel in der Stadt übernachten. Unsere Hotels und Pensionen weisen Bettenauslastungen von 90% und mehr, verteilt über alle Jahreszeiten aus.
Bei dem hohen Unfallaufkommen machte sich im vorigen Jahr der Bau eines modernen Bürokomplexes erforderlich, da mehrere große Versicherungsgesellschaften es als notwendig erachteten, mit eigener Schadenstelle gleich hier vor Ort präsent zu sein. Die Bilanz heute, alle 45 Büroeinheiten sind vermietet und meist mit drei und mehr Mitarbeitern besetzt.
Diese und noch weitere Gewerbe, wie Kaufhallen, Bauhandwerker und ähnliche Dienstleistungsbetriebe erwirtschaften derzeitig jährlich mehrere Millionen Gewerbesteuern. So haben wir begonnen, westlich der Stadt ein neues Gewerbegebiet zu schaffen. Dank der gesunden finanziellen Lage unserer Stadtkasse werden wir Strukturen und Bedingungen schaffen, wie nirgendwo anders in unserem Land. Großunternehmen, wie Fiemenz, Tercedes, Welekom und andere haben bereits ihr Interesse bekundet, in Größenordnungen zu investieren. Wir schauen da ganz erwartungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft.
Reporter: Befürchten Sie nicht, dass auch einmal einer der Investoren in ihrer Mörderkurve verunglückt und damit weitere abgeschreckt werden?
Bürgermeister: Eigentlich ist das kaum zu vermuten. Die Investoren, die wir erwarten kommen nicht von der Schlossruine. Sie erreichen unsere Stadt von der Autobahn aus oder kommen vom modernen Verkehrslandeplatz. Beide Straßen haben weder Bäume noch Kurven.
Reporter: Recht vielen Dank für ihre ausführlichen Erläuterungen. Sie sehen meine lieben Zuschauer, es gibt auch positive Nachrichten zur wirtschaftlichen Entwicklung im Lande.


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Eingereicht am 26. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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