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Mehr ... mehr!!

Gaby Schumacher


Erschaudernd sah ich in den Spiegel. Nein, so konnte es, sollte es, durfte es um Himmels willen nicht weitergehen! Ich hätte mich ja hinter dem allerdünnsten Grashalm aus meinem Garten ohne Schwierigkeiten verstecken können. Trüge für den zur dann doch nur scheinbaren Prestigeaufwertung bei, eben doch nicht ein extra dünnes Geschöpf zu sein. Es gäbe ein Wesen, das noch weniger Raum im Leben beanspruchte als er. Und eben dieses Wesen war fest entschlossen, Monsieur Grashalm eben diesen Triumph wieder abzuluchsen. Gemeinerweise zu stehlen, ausschließlich aus purem Egoismus heraus, pfui Teufel!
Woher diese Energie? Wie schaffte es ein solches Klappergestell, die Kraft aufzubringen, überhaupt noch jemandem irgendetwas zu entwinden? Vielleicht ... der absoluten Notwendigkeit gehorchend?
Lassen wir diese ernsten Überlegungen. Die kosteten doch nur Kalorien. Kalorien, die ich mit Argusaugen bitteschön zu hüten hätte. Wollte ich mein Ziel erreichen. Das noch weit entfernte Ziel, eines Tages die Waage beinahe zusammen krachen zu lassen. Auf deren Skala läse ich dann im letzten Minütchen deren technischen Lebens voller Stolz: Die Kandidatin hat 50 kg.
Doch noch konnte ich davon nur träumen. Dann jedoch nicht nur von den ca. 50 kg, sondern ich avancierte mit Blitzgeschwindigkeit zu einem Koloss, einem Elefantenbullen nicht unähnlich. Leider begegnete mir dann in diesem meinem Traum auch mein Kleiderschrank und öffnete deprimiert seine Türen. Bedeutend, dass mir absolut nichts Attraktives mehr an Kleidung zur Verfügung stände. Aus ... vorbei. Ade, enge Jeans. Bye bye, elegante Kostüme. Und da ich ein sensibles Wesen bin, mochte ich selbst im Traum meinem mir über Jahre treuen Kleiderschrank diesen Frust nicht antun. Noch länger an die Möglichkeit von infamen 50 kg zu denken. In mir regten sich Gewissensbisse. Ja, er tat mir Leid, wie er mir in einer hilflosen Geste zugab, er wisse sich auch keinen Rat mehr, in Zukunft hätte ich eben ausnahmslos in Schutt und Asche rum zu laufen.
Trotzdem oder gerade deshalb, und das gab dann den Ausschlag, erreichte ich in meinem Innern den Säuregrad einer Zitrone. Wurde regelrecht "sauwütend" dieses nicht ganz so liebevollen berühmten Winkes mit dem Zaunpfahle wegen. Im selben Masse allerdings regte ich mich über mich selber auf, weil ich es - wenn auch nur in meiner Vorstellung - überhaupt hatte soweit kommen lassen.
Meistens dirigieren einen Menschen die Träume. Diesmal dirigierte ich per eisernem Willen meinen Traum. Mein Kleiderschrank runzelte überrascht seine normalerweise eher dezente Holzmaserung. In ähnlicher Art, wie ein Mensch seine Stirn in Falten legt, wenn ihn irgendetwas sehr beschäftigt oder ihn erstaunen lässt. Also, plötzlich wirkte dieses gute Möbelstück auf Grund dessen ziemlich...zutreffender gesagt, viel zu dominant für meinen Einrichtungsstil. Ich liebte eher die schlichte Richtung. Doch ich behielt die Fassung. Denn, was er ja nicht ahnen konnte(soweit diese "Gesellen" überhaupt fähig wären, etwas zu ahnen...!), hatte ich den weiteren Verlauf dieser Episode wieder fest im Griff. Wieso? Ganz einfach: Ich krempelte meinem Traum nach meinen Wunschvorstellungen um. Fazit: Der Elefantenbulle suchte das Weite. Ich schrumpfte wieder zusammen zum ehemaligen Bleistiftwesen und fühlte mich komischerweise dabei gar nicht mehr so schlecht. Atmete auf, stellte mich vor meinen hölzernen Freund und triumphierte: "So, was sagst du nun?" Der kriegte gar keine Bemerkung zustande, sondern war so geplättet, dass innerhalb einer Sekunde die ach so auffällige Maserung sich wieder verflüchtigte, ich wieder den Anblick meines geliebten Kleiderschrankes im Outfit nach meinem Geschmack genießen konnte.
Das war des Geschenhens erster Teil.
Der zweite wurde noch viel interessanter.
Denn ich wollte ja zunehmen. Und damit das endlich, endlich klappte, müsste ich überaus oft einen ganz bestimmten Raum aufsuchen. Einen Raum, in dem normalerweise Herd und Kühlschrank zu finden sind. Ich glaube, in fast allen Wohnungen nennt man den "Küche".
Und genau dieser Teil meines Hauses wurde zu meinem Lieblingsaufenthaltsraum. Vom Kühlschrank wanderte ich zum Herd, vom Herd wieder zurück zum Kühlschrank, klaute und futterte alles daraus, was nicht niet- und nagelfest war. Und da in einem solchen Teil des Inventars einer jeden Küche eigentlich ja wohl nichts Essbares niet- und nagelfest zu sein pflegt, erlebte mein Magen wahre Katastrophen an Menüzusammenstellungen. Mit Vorliebe Kombinationen, in Bezug auf die sich jedem halbwegs normalen Menschen eben dieses Füllorgan umdrehte wie beim Schleudergang für Kochwäsche meine Waschmaschinentrommel.
Früh morgens fing das Theater ja schon an:
Noch halb vom Schlaf benommen, wankte ich in die Küche, stellte mir mein Gedeck auf den Tisch, plünderte den Kühlschrank und platzierte einen Korb mit mindestens zehn Brötchen vor mich hin. Zehn Stück? Nein, ich war ja nicht übergeschnappt, mir einzubilden, solch eine Menge verputzen zu können. Aber der Anblick dieser vielfachen Köstlichkeiten würde Wunder wirken. Der Korb war somit das Wichtigste auf dem ganzen Frühstückstisch. Und dann passierte es:
Ich freute mich auf ein gemütliches, sehr ausgiebiges Mahl. Ausgiebig wurde es schon, doch von "gemütlich" war nicht die Rede!
Ja, zehn knusprige Brötchen waren es, die mich da ansahen. So ungläubig anschauten, als ob sie mir zuflüsterten: "Du hältst das ja doch nicht durch. Das schaffst Du nie!" Aber sie täuschten sich. Habe ich mir etwas fest vorgenommen, bringt mich so schnell nichts davon ab. Schon aus Prinzip nicht. Und erst recht nicht in dieser Angelegenheit von für mich äußerst ernstem Belang. Die sollten sich wundern.
Also verspeiste ich das erste von ihnen, dick mit Käse belegt. Dazu eine gute Tasse Kaffee. Hach, tat das gut. Auch das nächste Brötchen bereitete mir noch keine Probleme. Noch entsprach die Brötchenmenge der eines üblichen guten Frühstücks. Eigentlich war ich bereits gesättigt, aber da war ja mein Plan. Ich wollte doch dicker werden. Deshalb griff ich mir das dritte Brötchen. Wahrscheinlich, besser - selbstverständlich - , bildete ich es mir nur ein. Aber das Brötchen gab sein stilles Dasein auf, brach das für Lebensmittel im Allgemeinen bekannte Schweigen und redete auf mich ein: "Meinst du, du verlangst da nicht zuviel von dir? Für mich ist doch gar kein Platz mehr in deinem Magen. Pass auf, gleich wird dir komisch!" Insgeheim gab ich ihm recht, denn ich war tatsächlich schon mehr als gesättigt. Doch ich würde nicht nachgeben, selbst wenn ich stopfen müsste. Ich kämpfte um jede Kalorie. Dickköpfig belebte ich das runde Etwas mit extrem dicken Wurstscheiben, obendrauf noch eine erfrischende Tomatenscheibe. Und siehe da: Die ersten Brötchenhälfte verschwand. Jetzt wäre nur noch die andere Hälfte zu meistern. Zweifelnd und halb verzweifelt besah ich sie mir. Einen erheblichen Unterschied zu ihrem Zwilling, was Farbe und vor allem ihre Größe anging, stellte ich, für mich zur Beruhigung, nicht fest. Aber, ich hatte mir einzugestehen, was dieser fehlende erhebliche Unterschied faktisch bedeutete. Das hieß unbestreitbar, dass diese zweite Hälfte jedenfalls keineswegs kleiner ausgefallen war.
Ich hatte mir geschworen, dieses und auch sämtliche, noch im Brötchenkorb auf hungrige Esser wartenden Brötchen zum Staunen zu bringen. Dazu käme es nur, wenn ich durchhielte. Und zwar ohne zu mogeln durch hielte. Mogeln hätte bedeutet, klammheimlich meinem schon an meiner Seite wartend sitzenden Hund etwas von dem aus der Mittel des Brötchen heraus gepuhlten Innenlebens zu spendieren. Klar, dass Hundchen überglücklich gewesen wäre. Doch ich hätte meine Wette verloren und obendrein ein schlechtes Gewissen. Denn ich hätte mir nicht nur diesem überaus geliebten Lebensmittel gegenüber eine unverzeihliche Blöße gegeben, sondern vor allem mich selbst betrogen. Und mir den Weg zu meinem Traumgewicht verbaut. Beides aber käme nicht in Frage!
So musste Hund auf seinen Leckerbissen verzichten. Um nicht doch noch schwach zu werden, ignorierte ich geflissentlich seinen routinierten, einen Stein erweichenden Dackelblick, ebenso wie seine im rechten Winkel gehobene Pfote und erst recht den süßen, schief gelegten Teddykopf. Ausschließlich diese Taktik bewahrte mich davor, meinem Vorsatz untreu zu werden. Nein, diesmal nicht. Ich bliebe hart, hart wie Stahl.
Vor dem letzten Happen holte ich noch einmal tief Luft, verkniff mir ein leichtes Stöhnen und verschlang auch diesen alles entscheidenden Bissen.
Wie die restlichen Brötchen meinen auf sie im Triumph zurück geworfenen Blick werteten, interessierte mich in jenem Moment allerdings nicht die Bohne.


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Eingereicht am 24. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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