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Erfahrungen im Kosmetikstudio

Von Petra Schulz


Wie jedes Jahr zu meinem Geburtstag wurde ich gefragt von Chefs und Kolleginnen, wie denn meine Wünsche aussehen würden. Ich überlegte - ich überlegte lange ...
Das, was man so immer bekommt, Tupperschüsseln und Salatbestecke von Verwandten, hatte ich genug. Ungenießbare Spirituosen von weiter entfernten Freunden hatte ich auch genug.
Ich wollte was für mich, für mich ganz alleine.
Einen neuen Arsch würde ich mir wünschen (und damit mein ich meinen körpereigenen, der, der ein wenig flach ausgefallen ist), das wäre was, aber da hätten andere ja auch was von. Brustimplantate entfielen somit ebenfalls. Überhaupt sträubt sich etwas in mir, wenn ich daran denke, Plastikpolster in meinen Hintern oder gar meine zarten 75b implantieren zu lassen.
Und dann fiel mir etwas ein - etwas, was ich noch nie getan hatte: Ich war noch niemals in meinem Leben in einem Kosmetik-Studio.
Das ist was Entspannendes, ging mir durch den Kopf, etwas voran man lange denkt, aber nix was immer bleibt, im Gegensatz zu Silikon oder Botoxunterspritzungen.
Im Flüsterton steckte ich einem meiner Chefs mein Verlangen. Süffisant lächelnd, fragte er nach meiner Versichertenkarte und den 10 Euro Praxisgebühr um mir eine Überweisung zum plastischen Chirurgen ausstellen zu können.
Als er bemerkte, wie meine Gesichtszüge entglitten, war ihm klar, dass sein Schenkelklopfer nicht wirklich bei mir angekommen war.
Jedenfalls kam mein Geburtstag und ich bekam von Chefs und Kollegen einen Gutschein über einen ziemlich hohen Betrag für einen Kosmetik-Salon hier auf dem Dorf.
Na, wenn das mal gut geht!
Nach Wochen endlosen Wartens bekam ich dann auch einen Termin. Dies sprach für den Salon, denn hätte ich sofort antanzen können, wäre sicher etwas faul gewesen. Somit beruhigte ich mich insgeheim, da würde wohl nichts schief gehen.
Der große Tag, die Sonne war aufgegangen und ich wusste, heute gegen 18.30 Uhr siehst du wieder gut und gepflegt aus. Der Haushalt ging mir locker von der Hand, denn ich hielt mich daran fest, ab 15.00 Uhr für einige Stunden entspannen zu können.
14.45 Uhr: locker gekleidet verließ ich das Haus. Ankunft. Freudige Begrüßung der Kosmetikerin - klar, immerhin wusste sie, dass mein Gutschein ein Scheißgeld gekostet hat, da war der Champagner angebracht.
Mein Programm war wie folgt vorgesehen: Gesichtsbehandlung (Gesicht, Hals, Dekollete), Reinigung, Augenbrauen-Korrektur (das sind Schmerzen, das wusste ich schon), Vapozon Peeling (was immer das ist, wusste ich nicht), Entfernung von Hautunreinheiten (habe ich keine, dachte ich bisher), Ampulle (intravenös?), Massage (geil, ob sie dafür so einen kleinen Guru für hat?), Packung (die kriegt sie auch, wenn das alles nicht klappt). Anberaumt waren ganze 90 Minuten ...
Danach stand noch eine Ganzkörper-Aromatherapiemassage ins Haus, mit ätherischen Ölen, lockere 60 Minuten (kann ich gut mit leben),
Maniküre, medizinische Fußpflege, Enthaarung der Beine mittels Wachs (hab ich gehört, soll lange vorhalten, jedenfalls besser als meine Schnittwunden alle zwei Tage).
Von nichts einen Plan und achselzuckend begab ich mich in ihre Hände ...
Zuerst die Reinigung, war ich doch noch geschminkt vom morgendlichen Einkauf, so kam ich jetzt unter einen Dampfkompressor. Womit sich die Augenbrauenkorrektur in einem miterledigt hatte.
Vapozon, noch mal Dampf und die Poren öffneten sich vollends (man sah ich scheiße aus, dachte ich, sollte mal zur Kosmetikerin gehen).
Plötzlich hatte ich sogar Mitesser, hatte ich vor dem Vapozon nie, alles wurde entsorgt, wirklich alles, bin froh, dass meine Nase noch dran ist.
Ampulle - nicht intravenös, nee, so eine Gesichtsmaske, so gut verteilt, dass ich wahrscheinlich noch bis ins Jahr 2013 fettige Haare habe.
Packung; als die abgebröckelt war, kam ich mir vor wie Tut Ench Amun, kurz nachdem Carter ihn ausgegraben hat. Aber ich war ja noch nicht fertig ...
Wobei ich nun bemerken muss, dass die Ganzkörper-Aromatherapiemassage was hatte. Besonders an den Füßen gefiel mir das ganz gut, zumal die durch das ganze Aroma, das da eingearbeitet wurde, auch wieder gut rochen.
Maniküre war auch ganz nett, besonders der schöne French Maniküre Effekt, der dadurch erzielt wurde.
Das gleiche an den Füßen (nur einmal hab ich kurz aufgejault, als sie mir die Nagelschere ins Nagelbett der rechten Großzehe rammte).
Nun sollte ich endlich meiner Beinbehaarung für längere Zeit durch Heißwachs entledigt werden. "Borsten wie bei einer Bache", bemerkte die Kosmetikerin am Rande, nicht sehr schmeichelhaft fand ich.
Es war schon ein bisserl unangenehm, als sie mir das Zeug auf die Beine schmierte und vor allen Dingen so heiß. Aber da ich gerade anfing mich richtig zu entspannen, konnte mich nichts mehr schocken. Oder doch?
Ohne Vorwarnung, ich meine, ohne so richtige Vorwarnung - nur ein "so jetzt geht's los" - riss mir das Weib den Wachs von den Beinen. Die Bachenborsten waren weg, mit einem Ratsch, auf einer Breite von höchstens zehn Zentimeter. Meine Beine haben einen Umfang von ganz vielen Zentimetern mehr und so musste ich dieses Martyrium bis zum Schluss durchstehen.
Ich verlangte nach mehr Champagner.
Das Ganze sollte nun ein kleines Tages-Make-up küren, aber ich wollte gar kein Tages-Make-up mehr. Ich wollte nach Hause zu meinem Putzeimer in mein kleines Nest, dahin, wo mich alle so liebten wie ich war, mit Milien und Bachenborsten.
Nie wieder werde ich eine solche Instution betreten, nie wieder ...!
Dann bin ich aufgewacht, ziemlich erschöpft, ich hatte schwer geträumt. Ach, macht ja nichts: Heute den Tag kriege ich noch rum und morgen löse ich endlich meinen Gutschein vom Geburtstag ein, da geh ich nämlich das erste Mal ins Kosmetikstudio, allen Träumen zum Trotz - ist nämlich mein Traum, seit langem schon und nur für mich ...
-----2. Teil------
Träume vom Kosmetikstudio und wie es wirklich war..
... ja, um 14.58 Uhr schlug ich ein in die heiligen Hallen der Wiederherstellungsbranche.
Nach kurzem Check über den genauen Verlauf der nächsten ca. vier Stunden ging es dann gemächlich zu Sache.
Zunächst durfte ich mir den Duft aussuchen, mit dem später meine Haut aromatisiert werden würde.
Nach der dreiundsiebzigsten Flasche entschied ich mich spontan für die zweite.
Vanille ... kurze Vorschau, ich riech jetzt nach Dr. Oetker.
Frau Kosmetikichhabdichgepachtet befand, dass als erstes die Maniküre fällig sei. Rein auch vom Ablauf her wäre dies günstig.
Klar, im Nachhinein leuchtete mir das ein, bei kurzen Nägeln muss man die Kratzwunden beim Gegner nicht nähen.
Ja, und so tat sie was sie tun musste ...
Mit einem Gerät, das dem Zahnarztbohrer ähnlich ist, raste sie an der Spitze meiner Nägel vorbei, zehnmal hat es geratscht und alle waren um 0,5 cm kürzer.
Danach wurde beigeschliffen, manuell, das ging eigentlich. Gerade als ich dabei war, Vertrauen zu fassen, wurde mir eine Tinktur aufgetragen, um die Nagelhaut wegzuätzen, mit ansehnlichem Resultat. Einmal geätzt, nie mehr gewetzt.
Danach ging's zum Handbad. Schön warm.
Jetzt bekamen meine feingliedrigen Finger noch eine Massage. Nicht schlecht, muss ich sagen, so lymphdrainagemäßig, das hatte was. Ein wenig stutzig wurde ich, als sie meinen Mittelfinger massierte ... Hände fertig, Ganzkörper im Visier.
Wir wechselten die Räumlichkeiten. Zimmerbrunnen, Räucherstäbchen, liebliche Musik mit Vogelgezwitscher im Hintergrund ließen mich Gutes hoffen. Dann die Aufforderung mich auszuziehen, alles, "ALLES!", und mich auf eine Liege unter ein grünes Handtuch zu legen - mit dem Hinweis, die Liege sei erwärmt.
Ich schmiss mich aus den Klamotten, sprang unter das Handtuch in der Hoffnung Big Brother hat heute Ferien.
Extrem verspannt lauschte in dem Vogelzwitschern. Die Kosmetikdiva erwärmte derzeit mein Dr. Oetkeröl.
Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass just diese Liege auf der ich lag, elektrisch beheizt wurde. Ich meine, jeder hat doch schon von den ganzen unglücklichen Menschen in der Zeitung gelesen, denen schon ein Heizkissen zum Verhängnis wurde. Und ich lag in meiner ganzen Länge und Breite auf so einem Ding.
Gerade als ich damit anfangen wollte einen Kreislaufkollaps vorzutäuschen, kam "Frauichmachdichjetztfertig" wieder. Und so war ich ausgeliefert.
Eine Frage am Rande von ihr "Dies ist eine Ganzkörpermassage, es gibt Leute die den Brustbereich lieber aussparen, wie steht es bei ihnen?"
Jetzt wo sie mich fragte, hatte ich die Liege kurz vergessen und signalisierte Vertrauen, indem ich antwortete, dahingehend keine Hemmschwelle zu haben.
Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.
Zuerst war mein linker Arm dran. Öl drauf und dann zärtlich von oben nach und massiert, *aaah*, wohligst gab ich mich der Hoffnung hin, meine Armzellulitis gleich überwunden zu haben. Gerade als ich die Augen schließen wollte, packte sie fester zu. Richtig feste, ich meine so knetend, brutal fest.
Das Gleiche erging meinem rechten Arm und ich fing fieberhaft an zu überlegen, wie ich mein Einverständnis, auch meinen Brustbereich zu massieren, rückgängig machen könnte.
Ich meine, so wie die an den Armen zupackte, würden das meine 75b niemals überleben, sie würde sie einfach kaputt quetschen. Wieder machte sich Panik breit und während ich mich nach dem Notausgang umsah, hatte sie mir auch schon das Handtuch vom Brustkorb gerissen und legte los.
Ich hab voll Glück gehabt, denn meine zwei sorgsam gepflegten in Männerhände passenden Goldstücke umging sie geschickt. Mittig, rechts und links ... so langsam konnte ich mich mit dem Procedere anfreunden.
Brustbereich fertig, nun sollte mein seinerzeit gebärfreudiger Bauch an die Reihe kommen, lässig sah ich diesem entgegen. Zu lässig, wie ich feststellen musste, denn während sie drückte und knetete, erwähnte sie beiläufig dies würde auch dem Darm gut tun, deswegen der Druck.
Ja, und was für ein Druck ... sämtliche Entspannung verflog, weil ich nämlich plötzlich so einen Druck auf dem Darm verspürte. Was für eine Tortour.
Der Bauch war fertig und ich entspannte die Schließmuskeln, denn an den Beinen konnte sie nicht viel verkehrt machen, hoffte ich.
Hat sie auch nicht, im Gegenteil, ich sollte Männe anlernen eine Fußreflexzonenmassage zu erlernen, ein Vorspiel, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Werde das Thema hier zuhause bei passender Gelegenheit anbringen.
Jetzt war ich durchgeölt und geknetet von Brust bis in den letzten Zeh nun durfte ich zum "Machmireinneuesgesichtstuhl", natürlich erst als ich wieder angezogen war. Hose allerdings nur.
Ich wurde abgeschminkt mit Abschminke, die man so kennt, ich wurde dampfgestrahlt. Ich hatte quasi eine Halbwertzeit, die nicht mehr zu toppen war. Als der radioaktive Wert im toleranten Bereich war, riss sie mir die Augenbrauen in Korrektur.
Dann kam "Vapozon" extraclean an die Reihe. Da ich Tupfer auf den Augen hatte, konnte ich dieses Monstrum nicht sehen, doch vom Gefühl her muss es gigantisch groß gewesen sein.
Ein mindestens 190 Grad heißer Dampfstrahl raste auf mein Gesicht zu um meine letzten Poren zu öffnen. Drei Minuten, sagte Kosmetik-Helga und verließ mich.
Drei Minuten können eine Ewigkeit sein, drei Minuten in denen man spürt, dass sich Poren öffnen von deren Anwesenheit man noch niemals vorher etwas gespürt hatte. Und es öffnete sich und eröffnete sich ... und Helga kam wieder.
Im Schlepptau kühlende Handtücher, wahrscheinlich damit die Verbrennungen nicht in die Tiefe gehen.
Die Handtücher waren schön, aber als sie runter genommen wurden, sah ich links unter dem Tupfer meines rechten Auges her, eine große Hand mit einem Tuch darin.
"Ich entferne nun die Unreinheiten in ihrem Gesicht", gerade als ich einwerfen wollte, dass ich noch nie welche hatte, noch nicht mal in der Pubertät, schien sie fündig geworden zu sein, ich hörte den Aufprall eines mittelgroßen Mitessers links neben meinem Fuß.
Dies zog sich eine Weile hin. Wo ich doch so gehofft habe, dass dies ein entspannter Nachmittag werden sollte ...
Die Unreinheiten waren besiegt, jetzt war die Gesichtsmassage dran. An nichts mehr glaubend gab ich mich dieser hin. Und siehe da, ich verfiel in einen tranceähnlichen Zustand.
Die Musik, die Massage es war wirklich aller erste Sahne. Bis dass Frau Kosmetikerin, wie mir erschien nach viel zu kurzer Zeit, mit dem Finger schnippte und mich ins Leben zurückholte.
Danach wurde ich noch balsamiert, dies wird für die nächsten sechs Wochen ausreichen, nie wieder Tages- oder Nachtcreme so glänzte ich nun.
Zum guten Schluss wurden meine Füße wieder hergerichtet. So ca. 400 Gramm Hornhaut hat sie sich schon erarbeiten müssen die Gute, bis dass sie auf Grund stieß. Diese wurden dann auch nochmals massiert und gelackt.
Da ich zu erschöpft war, um zu Fuß meinen Heimweg zu bewältigen, rief ich Männe an, mich doch abzuholen, falls er mich nicht erkennen sollte, möge er bitte nach eine Päckchen Vanillezucker Ausschau halten.
Er hat mich gefunden, lud mich ins Auto.
Und die Moral von der Geschicht
Morgen bricht mein Spiegel nicht.


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Eingereicht am 20. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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