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Eine Familie wächst

Von Ilka Göbel


Mein beschauliches Leben als Arbeitnehmer, Hausfrau und Lebensgefährtin sollte nun also ein jähes Ende nehmen. Normalerweise würde man die ganze Sache wohl so umschreiben: Es hat sich Nachwuchs angekündigt. In meinem Fall müsste man eigentlich eher sagen, der Nachwuchs hat sich, anstatt sich ordnungsgemäß anzukündigen, geradezu so genial zu tarnen gewusst, dass ich bereits im fünften Monat schwanger war, als mir der Gedanke kam, dass irgendetwas nicht so ganz stimmen konnte. Wie man sich vorstellen kann, überschlugen sich die Ereignisse nach dieser Nachricht geradezu. Die vorerst gravierendste Änderung in unserem Leben war wohl, dass wir kurzerhand beschlossen, dass es wohl besser wäre, wenn wir schnell noch heiraten würden. Wie gesagt, wir beschlossen es. Sollte ich also jemals einen Traum von einem romantischen Heiratsantrag gehegt haben, war der auf jeden Fall schon einmal geplatzt. Romantisch war die ganze Sache sicherlich nicht, zumal ich mutterseelenallein noch schnell nach Feierabend zum Standesamt fahren musste, um das Aufgebot zu bestellen und noch einen Termin zu ergattern, der es mir trotz der bereits fortgeschrittenen Schwangerschaft noch möglich machen würde, auf meinen Füßen das Hochzeitszimmer zu betreten, anstatt vor lauter Bauch einfach über den Boden zu kugeln.
Sollte sich jemand fragen, warum um alles in der Welt, mein zukünftiger Ehemann nicht mitkommen konnte um das Aufgebot zu bestellen, ist das schnell erklärt. Unsere Familie gibt sich eben nicht mit einer Katastrophe zufrieden, und so kam es, dass die Herren im Kreiswehrersatzamt etwa zur selben Zeit angefangen hatten, ihr verstaubtes Büro aufzuräumen. Und siehe da, tatsächlich fanden sie in der untersten Schreibtischschublade noch eine Akte von einer Musterung. Und nachdem sie offensichtlich die zentimeterdicke Staubschicht weggepustet hatten, konnten sie, vermutlich nach einer Viertelstunde, als sich der Staubnebel im Zimmer wieder gelegt hatte, tatsächlich noch, wenn auch mit der Zeit etwas verblichen, den Namen meines Mannes darauf erkennen. Und weil sie die Akte nun einmal gerade in der Hand hatten, hatten sie also nichts Besseres zu tun, als ihn nun doch noch zum Wehrdienst einzuziehen. Ich bekam ihn also die ganze Zeit über nur am Wochenende zu sehen, und musste ansonsten alleine rumsitzen und zusehen, wie mein Bauch langsam anfing, die halbe Wohnung auszufüllen. Und dieser Bauch, würde nicht nur zum größten Gegenstand der Wohnung, er nahm mir sogar auch noch jegliche Entscheidungen ab. Was würde ich anziehen am wichtigsten Tag in meinem Leben? Etwas, wo er hineinpasste. Wollte ich diese Hochzeit im tiefsten Inneren meiner Seele wirklich? Ich war nun mal schwanger, also machte ich mir darüber keine Gedanken. Wünschte ich mir eher einen Jungen oder ein Mädchen? Ich brauchte nicht mehr zu überlegen, ich wusste seit Feststellen der Schwangerschaft, dass mein Baby ein Junge war. Was mich in gewisser Weise durchaus beruhigte, war ich doch schon immer der Meinung gewesen, dass Männer es im Allgemeinen, und auf Autobahnklos im Besonderen, leichter im Leben hatten. Und sollte ich tatsächlich meine völlig verkorkste Figur an mein Kind vererben, wäre das als Mann bei weitem nicht so schlimm. Zu dem Zeitpunkt konnte ich schließlich noch nicht ahnen, dass ich einmal ernsthaft die Möglichkeit eines Mutterschaftstests in Erwägung ziehen würde um sicher zu sein, dass ich an diesem Kind überhaupt beteiligt war.
Das Einzige, worüber ich mir überhaupt noch Gedanken machte war, dass ich im Begriff war, einen Namen aufzugeben, an den ich mich doch in immerhin 23 Jahren ziemlich gewöhnt hatte. Und das Einzige, was mich über diesen schmerzlichen Verlust hinwegtrösten sollte war, dass mir meine neue Unterschrift einfach besser gefiel, als die alte. Da hatte die Heirat doch zumindest schon mal einen positiven Effekt.
Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt nur standesamtlich heiraten wollten, wurde es durchaus noch eine weiße Hochzeit. Zum einen waren wir über Nacht plötzlich und unerwartet eingeschneit, zum anderen nahm auch mein Gesicht beim ersten Blick aus dem Fenster in etwa die Farbe von frisch gefallenem Schnee an. Nicht, dass mir Schnee im Allgemeinen etwas ausgemacht hätte, lediglich der Gedanke an die Schuhe, die ich mir anlässlich meiner Hochzeit geleistet hatte ließ mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht weichen. Es wäre ohnehin schon schwierig genug gewesen, 12-Zentimeter-Absätze mit ungefähr 130 Zentimetern Bauchumfang in Einklang zu bringen. Die zusätzlichen 15 Zentimeter Neuschnee machten die Sache wohl zu einem unmöglichen Unterfangen. Ich wollte es mir nicht einmal vorstellen, wie ich es wohl anstellen mochte, meinen überdimensionalen Bauch auf diesen Schuhen über Schnee- und Eisglätte überhaupt nur von der Haustür bis zum Auto zu balancieren. Und natürlich besaß ich nicht ein einziges Paar Schuhe, das auch nur annähernd den Wetterverhältnissen entsprochen hätte und gleichzeitig auch noch zum Hochzeitsdress gepasst hätte. Ich sah mich bereits in den gelben Gummistiefeln meines Mannes vor dem Standesbeamten sitzen, der seine Rede hält während der Schnee in den dicken Profilsohlen langsam zu schmelzen beginnt. Aber zum Glück sah mein Mann die Sache nicht ganz so schwarz und verwies, wie so oft, auf meinen persönlichen Retter in jeder Situation. Meine Mutter. Die Idee war nicht schlecht, und ich rechnete selbst fest damit, dass sie etwas Passendes finden würde, mich störte allein die Tatsache, dass ich einfach nicht erwachsen genug wurde, um ein einziges Mal ohne meine Mutter auszukommen. Ohne sie wäre ich nun nicht einmal bei meiner eigenen Hochzeit angekommen, und ich fragte mich manchmal wirklich, wie ich es bloß angestellt hatte, mein Kind ganz ohne ihre Hilfe zustande zubringen.
Aber wie dem auch sei, schließlich trat ich den wohl wichtigsten Weg meines Lebens in ihren schwarzen Winterstiefeln mit Gummisohle und ohne auch nur die geringste Andeutung von Absatz an. Ich verdrängte den Gedanken daran, dass ich nun um einiges breiter als höher erscheinen musste, und tröstete mich damit, dass schließlich jede Braut auch etwas Geborgtes bei sich tragen sollte. Ob es sich dabei nun ausgerechnet um Winterstiefel handeln sollte sei einmal dahingestellt.
Nachdem ich nun eine rechtmäßig angetraute Ehefrau geworden war, und zum gleichen Zeitpunkt auch bereits aufhören konnte zu arbeiten, hatte ich also nicht mehr weiter zu tun, als zu Hause zu sitzen und auf die Geburt meines Kindes zu warten. Und wenn ich mir überlege, wie lang mir schon die Zeit von Anfang Januar bis zum geplanten Geburtstermin am 3. Mai geworden ist, möchte ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es wohl ist, neun Monate lang schwanger zu sein anstatt lediglich vier, so wie ich. Die einhellige Meinung in meiner Familie lautete natürlich darauf, dass mein Kind unter keinen Umständen im Mai auf die Welt kommen würde, weder am dritten noch ein irgendeinem anderen Tag. Abgesehen von der Feier, die demjenigen zustand, der im Februar nicht mehr drangekommen war, war der Mai schließlich noch völlig unverbraucht. Und natürlich ging niemand davon aus, dass ausgerechnet ich einen eigenen Monat für mein Kind treffen würde. Die Sache war also eindeutig, mein Kind würde entweder am zweiten, was in der Tat etwas früh wäre, am elften, was immer noch reichlich früh wäre, am 24sten oder aber am 26sten April geboren werden. Wobei die letzten beiden Termine durchaus wahrscheinlich waren. Aber immerhin wurde ich zu allen diesen Geburtstagen offiziell eingeladen. Es ist mir natürlich nicht entgangen, dass die Gastgeber jedes Mal noch heimlich ein zusätzliches Gedeck für mich auflegen mussten, bevor wir mit dem Essen beginnen konnten. Ebenso war es auch durchaus nicht normal für mich, plötzlich nicht mehr mit "Hallo", sondern lediglich mit "Was machst du denn noch hier?" begrüßt zu werden. Abgesehen davon, fasste mir auch jeder zur Begrüßung auf den Bauch, anstatt mir ordnungsgemäß die Hand zu geben. Wahrscheinlich weil sich keiner die Zeit nehmen wollte, eine meiner Hände zu suchen. Auf den ersten Blick war von mir wahrscheinlich auch nur noch ein Bauch zu sehen.
Aber, ich muss an dieser Stelle mit Nachdruck betonen, dass sie sich irrten. Die ganze Sippe, mit ihrer Lästerei über mich und meine Wahl der Geburtstage irrte sich ganz gewaltig. Ich ließ nicht nur den 26. April hinter mir, ich besaß sogar die Dreistigkeit, noch auf der Geburtstagsfeier zu erscheinen, die erst am 6. Mai stattfand. Man beachte dabei, dass zu diesem Zeitpunkt mein Entbindungstermin bereits um drei volle Tage überschritten war. Soweit es die Lästereien meiner Familie anging, war ich ja froh darüber, dass ich es ihnen dieses Mal wirklich gezeigt hatte, nach Erreichen des Monats Mai hätte ich aber jederzeit ungehindert und ohne dumme Bemerkungen dieses Kind zur Welt bringen können. Es war mir aber leider nicht vergönnt, und die Zeit wurde mir dann erst so richtig lang. Mittlerweile weiß ich natürlich, dass ich absolut und einzig allein daran schuld war, dass die Geburt meines Kindes so lange auf sich warten ließ. Es war nämlich so, da ich, wie ich bereits erwähnt hatte, zu diesem Zeitpunkt die ganze Woche alleine zu Hause war, tat ich natürlich mein Bestes dafür, dass die Wohnung immer in einem Topzustand war. Es konnte ja immerhin passieren, dass ich sie ganz plötzlich verlassen musste, oder sogar jemanden bitten musste, mir etwas aus meiner Wohnung zu holen. Meine gepackte Tasche stand natürlich auch bereit, und es dauerte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass ich unter diesen Umständen noch bis Weihnachten auf die Geburt warten konnte. Dabei war die Sache doch so einfach. Ich brauchte doch lediglich die Wohnung komplett verwüsten, zum Beispiel in dem ich anfing, alle Schränke auszuräumen um sie auszuwischen, die Gefriertruhe abtauen, ungefähr zwei Pfund rohes Hackfleisch in den Mülleimer werfen und dann nur mal kurz zum Bäcker zu gehen. Die Wehen würden mich bereits auf Treppe ereilen, und dafür sorgen, dass ich mindestens eine Woche lang die Wohnung nicht mehr betrete.


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Eingereicht am 18. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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