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Ikea - mal ganz anders

Von Ilka Göbel


Vor Kurzem überkam mich mal wieder das Bedürfnis, mich in ein gewisses schwedisches Möbelhaus zu begeben. Die Umstände waren allerdings für mich völlig neu, erstens hatte ich gar nicht vorgehabt Möbelstücke zu kaufen sondern brauchte lediglich passende Körbe für ein bereits vorhandenes Regal, zweitens dachte ich mir, ich nehme meinen Sohn einfach mit. Schließlich konnte ich ihn ja in einen Einkaufswagen setzen und es würde ja auch nicht so lange dauern. Mein Sohn. Mein Sohn war natürlich begeistert und wollte auch sofort seine Sonnenbrille mitnehmen. (Es regnete in Strömen). Auf meine bescheidene Frage warum, antwortete er: "Die will ich den anderen Kindern zeigen." "Da sind aber gar keine anderen Kinder", antwortete ich und machte im nächsten Satz auch schon den ersten entscheidenden Fehler. "Na ja, da sind schon welche, aber da kannst du noch nicht bleiben. Aber vielleicht wenn du etwas größer bist." Hatte ich tatsächlich erwartet, er würde das einfach so akzeptieren? Er baute sich vor mir auf, streckte das Kinn so weit wie möglich nach oben und verkündete: "Ich bin aber schon größer. Ich will bei den anderen Kindern bleiben." "Mal sehen", antwortete ich knapp, einfach um die Diskussion zu beenden und endlich das Haus verlassen zu können. Auf der Fahrt tat ich mein Bestes um von dem Thema abzulenken und dachte doch tatsächlich, er hätte das Ganze vergessen.
Endlich im Möbelhaus angekommen mache ich auf der Treppe dann den nächsten strategischen Fehler. Etwa auf halber Höhe sage ich noch einmal zu meinen Sohn, dass es wirklich besser ist, dass er mit mir mitkommt. Das hätte ich natürlich nicht tun sollen. "Ich wollte doch aber zu den anderen Kindern", ruft er und zieht mich bereits wieder die Treppe hinunter. Ich überlege noch einmal kurz, ob ich mich jetzt mit ihm anlegen soll, lasse es dann aber vorerst bleiben und stelle mich mit ihm in der beträchtlichen Schlange vor dem Kinderparadies an. Natürlich betone ich die ganze Zeit über, dass mein Sohn da ganz alleine wäre und ich ihn dann, wenn ich einkaufen bin, auch nicht so schnell wieder abholen kann. Er nickt fortwährend und lässt sich durch meine Schwarzmalerei nicht im Geringsten beeindrucken. Mit bleibt also nur zu hoffen, dass er es sich während der Wartezeit doch noch anders überlegt. Es sieht allerdings nicht wirklich danach aus, er hat nämlich mitbekommen, dass jedes Kind die Schuhe ausziehen muss, bevor es durch die Tür geht. Im völligen Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten zieht er sich also schon einmal vorsorglich die Schuhe aus und präsentiert sie stolz einem anderen Kind in der Schlange mit den Worten: "Kuck mal ich hab solche." Während also mein Sohn mit den Schuhen in der Hand neben mir steht und ständig fragt, wann er denn endlich rein darf, fange ich mit zitternden Fingern an, einen Zettel auszufüllen, der es mir erst ermöglicht mein Kind abzugeben und fühle mich natürlich wie die schlechteste und egoistischste Mutter der Welt, die noch nicht einmal in der Lage ist, ihr Kind am Samstagvormittag mit ins Möbelhaus zu nehmen und es mutterseelenallein im Kinderparadies zurücklässt. Gerade wollte ich alle Hoffnungen darauf, dass mein Sohn es sich noch anders überlegt und mich nicht mit einem zentnerschweren Gewissen in die Möbelhalle schickt, aufgeben, als sich plötzlich die Tür öffnet und eine nette Betreuerin meinen Sohn anschaut und sagt: "So, dann kannst du jetzt reinkommen." Darauf hatte ich nur gewartet, plötzliche Explosion von neuer Hoffnung. Mein Kind lässt sich nicht von fremden Leuten ansprechen, er wird gleich das Gesicht verziehen, sich an mich drücken, sich gegebenenfalls auch hinter meinem Rücken verstecken, und je nach persönlicher Verfassung entweder heulen oder schreien. Mein armes sensibles Kind, und ich wollte ihn da ganz allein lassen ich Rabenmutter. Aber es hat sich ja Gott sei Dank alles noch einmal abgewendet. Eine winzige Kleinigkeit sollte ich aber vielleicht noch erwähnen, es drückte sich kein Kind an mich, ein kurzer Blick nach hinten bestätigte mir, dass sich auch keins hinter meinem Rücken befand und es heulte auch keins. Ich sah gerade noch einen Haarschopf durch die Tür verschwinden, der mir noch fröhlich "Tschüß Mama" zurief bevor er endgültig verschwunden war.
Das war es also. Meine Gebete waren wieder mal nicht erhört worden und jetzt stand ich da als schlechteste Mutter der Welt vor der Glasscheibe und drückte mir die Nase platt bei dem, leider erfolglosen, Versuch mein Kind in dem Getümmel zu erblicken. Ich sperrte die Ohren so weit auf wie nur möglich um eventuell sein herzzerreißendes Geschrei nach seiner Mama zu hören, aber das schien es wohl auch nicht zu geben. Etwa zwei Minuten später, nachdem ich immer noch nichts von meinem Kind gesehen oder gehört hatte, sprinte ich wie von wilden Furien gehetzt los in Richtung Markthalle. Ich erspare mir den Weg über die Treppe und flitze einfach von hinten an den Kassen vorbei in die Markthalle. Nur darauf bedacht auf dem schnellsten Wege meine Einkäufe zu erledigen und zu meinem armen Kind zurückzukehren. Das hat einen sehr entscheidenden Nachteil, erstens muss ich bis zur von mir angestrebten Korbabteilung ein guten Stück Weg zurücklegen, und zweitens habe ich den gesamten Strom der Ikeabesucher an einem späten Samstag Vormittag gegen mich. Aber ich lasse mich nicht beirren und schaffe es tatsächlich bis zu den Körben vorzudringen. Unterwegs schnappe ich mir noch schnell eine dieser praktischen Einkaufstaschen. Die muss genügen, die Einkaufswagen stehen am Anfang der Markthalle, und der ist für meine momentane Situation zu weit weg. Was wollte ich hier? Ach ja, Körbe. Ich hatte mir aufgeschrieben welche Maße sie haben müssen und mir extra noch ein Maßband eingesteckt. Wo ist der Zettel? Egal, ich habe sowieso keine Zeit in die Tiefen meiner Handtasche zu tauchen und das Maßband zu suchen. Und was sehe ich denn da, ein Korbset, bestehend aus vier Körben in verschiedenen Größen. Wunderbar, einer davon wird schon passen. Das ganze also in zweifacher Ausführung in die Tasche. Was wollte ich noch? Ach ja, was nettes fürs Badezimmer. Seit wann ist das eigentlich soweit bis in die Badezimmerabteilung? Unterwegs komme ich an den schönen Holzschalen vorbei, die sich so schön für das duftende Potpourri eignen. Eine wird wohl noch in meiner Einkaufstasche Platz finden. In der Badezimmerabteilung greife ich wieder nach einem Set aus vier Körben, um mir aufwendige Messarbeiten zu ersparen. Das Chaos um mich herum nimmt langsam unangenehme Formen an, irgendwo brüllt ein Kind. Das arme Ding, wird von seinen herzlosen Eltern durch die überfüllte Markthalle geschleift anstatt das es in Ruhe bei den anderen spielen kann. Apropos spielen, da war doch eine dieser gefürchteten Durchsagen. "Bitte holen Sie Lisa aus dem Kinderparadies ab." Lisa? Kenn ich nicht. Aber vielleicht hat mein armer Schatz ja vor lauter Kummer vergessen wie er heißt und stattdessen behaupten er hieße Lisa. Bei Kindern die so gnadenlos abgeschoben werden ist immerhin alles möglich. Aber er ist ein Junge, außerdem hat er einen Aufkleber auf dem Pullover, auf dem sein Name steht, es ist also anzunehmen das es sich bei Lisa um ein anderes Kind handelt. Aber warum mache ich mir überhaupt Gedanken, dafür ich habe doch gar keine Zeit. Ich brauche doch noch Zeitungsständer. Gesucht, geschubst und endlich gefunden, also nichts wie zurück zu Kasse. Wieder laufe ich wie von wilden Furien gehetzt durch die Markthalle, diesmal zwar in die richtige Richtung, aber immer noch schneller als alle anderen. Endlich bin ich an der Kasse angekommen. Jetzt nur schnell bezahlen und zurück zum Kinderparadies. Aber genau das ist nicht so einfach, vor mir zieht sich eine endlose Schlange in die Länge. Nervös trete ich von einem Fuß auf den anderen, was mir aber natürlich nichts nützt. Nach endlosen Minuten habe ich es also endlich geschafft, und finde mich vor der Tür "Ausgang" wieder. Moment, wieso Ausgang, das Kinderparadies befindet sich beim Eingang, ich habe mich verlaufen. Kehrtwende auf dem Absatz und schnell in die andere Richtung. Mit hochrotem Kopf und glühenden Wangen komme ich endlich beim Kinderparadies an und verkünde, dass ich meinen Sohn wieder abholen möchte. Eine Betreuerin ruft ihn, eine andere Betreuerin sucht ihn, beide relativ erfolglos. Ich erblicke ihn schließlich selber und rufe nach ihm. Er kommt auch angeschlunscht, sieht mich allerdings nur aus großen Augen fragend an. "Ich bin schon wieder da" sage ich strahlend zu ihm, und meine natürlich so was wie "ich bin schon wieder da um dich aus deiner Einsamkeit zu retten, und endlich mein Rabenmutter-Gewissen etwas zu erleichtern. Seine etwas traurige Antwort: "Aber ich wollte doch noch mit den Autos spielen und nicht nur mit der Eisenbahn." Fehlt nur noch das er mich fragen würde, warum ich eigentlich so aus der Puste bin, aber dafür ist er wahrscheinlich noch zu klein.



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Eingereicht am 07. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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