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Chefsache

Von Ilka Göbel


Natürlich hatte ich bereits vor der Geburt meines Sohnes davon gehört, dass Erziehung Glückssache sei. Deshalb dachte ich eigentlich auch, ich wäre die ganze Sache mit zumindest halbwegs realistischen Vorstellungen angegangen. Wie gesagt, dachte ich. Man es nämlich leider versäumt, mir gegenüber zu erwähnen, dass die Chance auf einen erzieherischen Glückstreffer in etwa vergleichbar ist mit der, bei zwei aufeinander folgenden Ziehungen einen Sechser im Lotto zu landen. Ich kann die ganze Sache aber immerhin so weit positiv sehen, dass ich zumindest behaupten kann, ich hätte mein Kind zu einem äußerst selbstbewussten Menschen erzogen, der weiß wie er sich im Leben zu behaupten hat und sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Wie gesagt, das wäre positiv ausgedrückt. Man könnte ihn ebenso gut als dickköpfig, absolut stur und uneinsichtig sowie in höchstem Maße egozentrisch bezeichnen, aber welche Mutter spricht schon schlecht von ihrem Kind!
Aber immerhin kann ich ja noch hoffen, dass sich sein Naturell bis zum Erwachsenenalter noch ändert. Und wenn nicht, kann man sich ja bereits frühzeitig Gedanken um einen geeigneten Beruf für ihn machen, der seinem Naturell und seinen Fähigkeiten entspricht. So wie ich die Sache momentan beurteilen kann wäre wohl "Präsident der Vereinigten Staaten" ernsthaft ins Auge zu fassen. Oder noch besser vielleicht und gesetzt den Fall, dass die Stelle bis dahin neu zu vergeben ist, eventuell auch GOTT.
Kurz gesagt, in erster Linie einfach Chef! Seine chefliche Qualifikation ist nämlich bereits im zarten Alter von drei Jahren nicht mehr zu leugnen. Zumindest so lange niemand versucht, ihn am Chefsein zu hindern. Im Kindergarten, denke ich, hat er wohl noch ganz gute Chancen. Ebenso ist es ihm mittlerweile weitestgehend gelungen, sämtliche Omas und Opas, die er sein Eigen nennt, zu seinen Untertanen und Befehlempfängern zu machen. Genau genommen gibt es auch nur noch zwei sonderbare Individuen auf der Welt, die Seiner Majestät immer noch verbissen Widerstand leisten. Und diese beiden Ungehorsamen, im Volksmund auch Eltern genannt, sind auch noch derartig abgebrüht, dass sie sich weder durch ohrenbetäubendes Geschrei noch durch gezielte Fußtritte wirklich nachhaltig beeindrucken lassen. Vielleicht sind aber auch nur die seltsamen Vorstellungen besagter Eltern schuld, die sich einfach nicht davon abbringen lassen wollen, dass eine halbe Rolle abgewickeltes Klopapier, gründlich in der Toilette angefeuchtet, nicht das geeignete Mittel ist, um das Badezimmer zu putzen. Vielleicht liegt es auch nur an mangelndem Fortschritt wenn eine Tüte Chips morgens um sieben nicht gestattet ist.
Bei genauer Betrachtung kommen aber auch in Hinsicht auf die allgemein Ungehorsamen eine ganze Reihe von Situationen zutage, in denen er sie sehr wohl beherrscht. Zum Beispiel besitzt er seit dem Tag seiner Geburt die Alleinherrschaft über das elterliche Bett. Ebenso über das Fernsehprogramm, so lange er auch nur noch ein Auge halbwegs geöffnet hat. Nicht zu vergessen natürlich das Autoradio, aus dem selbst während einer dreistündigen Fahrt in den Urlaub ununterbrochen das gleiche Lied dudelt und die ohren- und nervenstrapazierten Eltern nur noch darauf hoffen können, er möge endlich einschlafen. Derzeitig ist das nämlich so ziemlich die einzige Chance auf eine vorübergehende chefliche Pause.



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Eingereicht am 29. September 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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