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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Torheit schützt vor Altern nicht

© Onivido Kurt


Also ich muss schon sagen, ich kann nicht verstehen wie sich die Leute nur so gehen lassen können. Klar, wir werden alle älter, aber wenn ich meine Altersgenossen so betrachte finde ich es einfach schockierend wie sie aussehen. Kein Wunder, sie tun ja auch nichts anderes als sich über ihre Wehwehchen und eingebildeten Krankheiten zu beklagen. Ja, sie brüsten sich sogar damit.
Mensch, da sehe ich doch noch ganz anders aus. Das ist auch nicht weiter erstaunlich. Ich habe ja auch ganz anders gelebt als die Mehrheit meiner Mitmenschen, die Jahrzehntelang nichts anderes taten als von ihrer Eigentumswohnung immer ins selbe Büro zu fahren und von dort wieder zurück zur gleichen Wohnung immer zur gleichen Frau.
Wenn ich das mit meinem Leben vergleiche. Abwechslung ist mein Credo. Überall auf dem Erdball habe ich gearbeitet. In Richmond, Texas, Acapulco, Barbados, Bogotá, Sao Paulo, Rom, München, Stockholm. Helsinki, Yokohama. Ja, Abwechslung ist mein Credo. Überall hatte ich eine Frau. Immer eine Einheimische. Nur so kann man wirklich hautengen Kontakt mit der lokalen Bevölkerung aufnehmen und ihre Eigenheiten verstehen, geniessen und dulden. Nur so hält man sich jung. Immer am Ball bleiben.
Sport ist die zweite Säule meiner geistigen und körperlichen Gesundheit, Geheimnis meines zeitlosen Aussehens. Nicht irgendein Sport . Kein so genannter Volkssport, nicht Fussball, nicht Tennis und schon gar nicht Golf, ein Altherren Zeitvertreib. Nein, nein, Fallschirmspringen, Surfen, Tiefseetauchen, Gipfelstürmen, Triathlon. Bei den Ironman- Wettbewerben bin ich so oft ich kann dabei. Muss zugeben, habe noch nie gewonnen, was bei meiner sportlichen Vielseitigkeit und beruflichen Anspannung auch gar nicht verwunderlich ist.
Meine Braut ist beim Fallschirmspringen ums Leben gekommen. Vielleicht wäre das nicht passiert, wenn wir nicht vor dem Springen LSD geschluckt hätten.
Wahrscheinlich hat sie vergessen den Fallschirm aufzumachen. Jetzt rauche ich nicht einmal mehr, abgesehen von einem gelegentlichen Joint.
Meine Kollegen sind alle mindestens 20 Jahre jünger.
Mit den Älteren habe ich nichts gemeinsam. Sie haben ja auch ganz andere Jobs. Sie sind sogenannte leitende Angestellte, wahrend ich mein ganzes Leben lang hands-on Arbeiten ausgeführt habe. Vielleicht habe ich etwas verpasst, ganz bestimmt den Tratsch und die Intrigen auf den Bürogängen. Manchmal habe ich schon das Gefühl, ich sei sitzen geblieben. Jetzt bin ich so etwas ähnliches wie ein Feuerwehrmann. Wo es brenzlig wird, wo immer ein "unlösbares" Problem ein Projekt gefährdet, werde ich hinbeordert.
Und so kam ich auch wieder einmal nach München, in meine Heimatstadt.
Und da ist mir diese gänzlich unverständliche Geschichte passiert.
Also, weil ich schon mal da war, und die Gelegenheit hatte deutsche Wertarbeit zu benutzen, beschloss ich Reparaturen an meinen Kauwerkzeugen vornehmen zu lassen.
Kollegen empfahlen mir die Zahnärztin. Ihr Name kam mir irgendwie bekannt vor. Nicht aussergewöhlich, war ja nicht unmöglich, dass ich ihr schon mal begegnet war. Schliesslich bin ich doch Münchner. Hat nichts mit Gedächtnisschwäche zu tun. Habe einfach in meinem Leben zu viele Leute kennengelernt.
Am Morgen vor dem Zahnarztbesuch erwachte ich und wusste plötzlich, wer Frau Dr. Ammer war. Eine Schulkameradin. Nicht irgend eine. Der Schwarm von 98% der männlichen Schüler, das heisst eigentlich allen
hetero- und bisexuellen.
Das erste Mal in meinem Leben ging ich mit freudiger Erwartung zum Zahnarzt.
Die Sprechstundenhilfe war nicht nach meinem Geschmack, aber das tut ja nichts zur Sache. Ich muss gestehen, dass mein Herz ein wenig schneller schlug als ich schlieslich in den Ort der gehassten Martern vordrang.
Frau Dr. Ammer hatte Hängebacken, ihr kurzgeschittenes, blond gefärbtes, an den Wurzeln ergrautes, Haar war dünn und wie mit Schweiss an ihren Schädel geklebt, ihr mächtiger Busen blähte den Umfang ihres weissen Labormantels, der gnädig den Rest ihrer Proportionen verbarg. Sie konnte nicht Susanna Ammer sein. Vielleicht eine ältere Schwester oder eine Kusine.
"Verzeihen Sie meine Neugier", fragte ich dennoch, "ist Ammer Ihr Mädchenname?"
"Ja, ich habe ihn nach meiner Scheidung wieder angenommen", erklärte sie unaufgefordert.
"Haben Sie das Brecht Gymnasium besucht?"
" Stimmt, da habe ich das Abitur gemacht."
"Du warst in meiner Klasse", sagte ich und wartete auf den Impakt, welchen diese Eröffnung zweifellos auslösen würde.
Sie musterte mich eingehend. Dann lächelte sie entschuldigend und fragte:
"Welche Fächer haben Sie denn da gegeben?"



Eingereicht am 21. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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