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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

ÖNVP

© Felix Clervaux


Morgens. Kurz nach acht. Werktags.
Ich stehe also an der Haltestelle und warte auf die Straßenbahn.
Überall sind Tauben und picken und gucken und picken und gucken. Sie leben offenbar in der ständigen Angst, dass ihnen jemand etwas will. Angesichts dessen, wie sie picken und gleich wieder regelrecht panikartig ihren Kopf hochreißen und gucken, drängt sich mir die Frage auf, ob Tauben eigentlich Magengeschwüre bekommen können.
Ich rauche.
Dass die Berliner Stadtreinigung die meisten Müll.....
(ja, wie heißt das eigentlich: -eimer? -körbe? -kästen?) inzwischen mit einer Art Aschenbecher ausgestattet hat, finde ich klasse.
Leider scheint das fast niemanden sonst zu interessieren.
Während ich brav meine Kippe in die davor vorgesehene Öffnung versenke, lassen praktisch alle um mich herum die glühenden Stummel einfach zu Boden fallen - jene entgegenkommende Innovation völlig unbeachtend.
Ja klar: man hätte zwei oder drei Schritte machen müssen, um in Reichweite des Auffangbehälters für die Zigarettenüberreste zu kommen. Das ist natürlich zu viel verlangt. Und die Bahn kommt ja auch gerade.
Ich warte grundsätzlich und steige erst ein bis alle, die sich für die gleiche Tür des Zuges wie ich entschieden haben, drinnen sind, um der ersten Möglichkeit für Blessuren auf meinem Arbeitsweg zu entgehen.
Das Besteigen eines öffentlichen Verkehrsmittels in Berlin ähnelt trotz der Planmäßigkeit eines 3- oder 4- oder 5-Minuten-Takts an den unerbittlich letzten Aufruf, der es noch möglich macht, auf einem Schiff den drohenden Wassern einer Sintflut zu entkommen.
Die Fahrgäste scheinen dennoch einem schnellen Versiegen derselben gewiss; warum sonst drückten sie sich fast alle in der Nähe der Tür herum, während man im Sitzbereich Walzer tanzen könnte, ohne im geringsten touchiert zu werden?
Natürlich wird an der nächsten Station der obligatorische Kinderwagen Füße überrollend in die Umstehenden gepresst, und manchmal sind es auch gleich mehrere. Dazu gehört meist eine Frau nebst Freundin, Mutter oder Schwester, die dieser lautstark impliziert, dass es ja "sooo furchtbar" schwierig wäre, überhaupt irgendwie durch zu kommen oder Platz zu finden, weil keiner aus dem Weg ginge.
Ja, toll! Einem ohne Vorwarnung in Sekundenbruchteilen mit dem babybefüllten Rammbock das Fahrgestell zertrümmern und dann noch erwarten, dass man seine verwundeten Beinchen blitzeschnelle aus der Marschrichtung bewegt. So etwas.
Wobei mir bei dieser Obligation noch etwas anderes
einfällt: warum treffe ich an freien Wochentagen, wenn ich (nach)mittags gelegentlich unterwegs bin und die Tram gähnend leer ist, fast nie auf Kinderwagen, sondern immer nur im dicksten Berufsverkehr morgens und abends?
Das Schnell- und Untergrundbahnpendant zu eben angesprochenem ist das Fahrrad. Die von den Verkehrsbetrieben neuerdings rund um die Uhr zugelassene Beförderung derselben hat viele auf der Bildfläche auftauchen lassen, für die die Benutzung eines Drahtesels weder sportlichen Charakter hat noch überhaupt von Sinn erfüllt scheint.
Ich meine: wenn es mir mit dem Rad irgendwohin zu weit ist, dann kann ich es doch auch gleich zuhause lassen anstatt andere Fahrgäste damit zu belästigen.
Ist ja hier nicht wie auf'm Dorf, wo die nächste Bushaltestelle fünf Kilometer entfernt liegt.
Zudem bemerke ich auch immer wieder Mountainbikes und Hollandräder mitführende Personen an Tagen, wo es stürmt und regnet und schneit, in den Zugabteilen vor und frage mich, ob sie so etwas wie einer Extreme-Biking-Organisation angehören.
Der Höhepunkt liegt allerdings darin, wenn ein Fahrradfetischist erst mal durch unvorsichtiges Verhalten das eine Hosenbein beschmutzt oder die andere Laufmasche im Nylon verursacht, darüber hinaus Türen und Sitzplätze blockiert hat, aber an der übernächsten Station wieder aussteigt (und es ist kein Umsteigebahnhof), dessen Lage vom Startpunkt circa 15 Minuten Fußweg entfernt ist. Grundgütiger Himmel.
So stehe ich also in der S-Bahn.
Wenn ich Pech habe, und die Chance steht fifty-fifty, steigt im Verlauf meiner Fahrt jemand mit einem Döner Kebap ("Und mit viel Knoblauchsoße, bitte!") ein und zerstört binnen Sekunden die lebenserhaltende Struktur der Frischluft im Waggon.
Ich will ja nicht kleinlich wirken, aber... weiß eigentlich irgendwer, dass das nicht mal erlaubt ist, in Bahn und Bus zu essen? (Wir lesen nach in den Beförderungsbedingungen der Berliner Verkehrsbetriebe §4 (2) 11, dass es Fahrgästen bereits verboten ist, die Fahrzeuge mit offenen Speisen überhaupt zu betreten.)
In einer Stadt wie Berlin praktisch unausweichlich ist die Situation, im öffentlichen Nahverkehr ständig auf Gruppen (von zumeist älteren Kindern bis zu jüngeren Erwachsenen) südländischer Herkunft zu treffen.
Dabei ist eine eindeutige Spezifikation der Geschlechter auffällig, die sich nicht nur durch Kopftuch vs. pomadiges Haar offenbart, sondern auch im Verhalten als solches.
Die Damen stehen zu mindestens dritt pro halbem Quadratmeter, also dichtgedrängt, kichern und schnattern ununterbrochen, wenn auch gedämpft.
Zusammengehörige Herren vermitteln zunächst den Eindruck, als hätten sie nichts miteinander zu tun, um sich dementsprechend großzügig im Bahnabteil zu verstreuen. Entfernungen von fünf, sechs Metern untereinander sind dabei keine Seltenheit.
Hat sich nun jeder von ihnen möglichst cool in die Polster drapiert und den eigenen, optischen Eindruck im Glas der Türen und Fenster kontrolliert und mittels Händen und Kämmen aufpoliert, beginnt der Dialog.
Manch lokaler Opernstar mag weniger stimmgewaltig sein.
Ebenso dürfte er ohne Zuhilfenahme technischer Mittel die bei einer solchen Unterhaltung entstehende Lautstärke wohl kaum erreichen.
Ergänzt wird dieses strapaziöse Szenario in Geruch und Ton meist noch durch klickende, klimpernde und schnarrende Geräusche, die von Handys herrühren.
Meinen Beobachtungen zufolge scheint es Menschen zu geben, deren Tagesablauf gedrittelt ist: ein Drittel Arbeit, ein Drittel Schlaf und Fraß und Klo, während sie sich im letzten Drittel mit ihrem Handy beschäftigen.
Diese Dinger sind zwar in erster Linie ein Telefon.
Doch sind oder scheinen sie viel mehr als das. Das weiß man spätestens, wenn man neben jemandem während einer halbstündigen Bahnfahrt gesessen hat, der ohne Unterlass und viel pieps und dröhn verursachend auf einem Handy herumgedrückt hat, ohne es sich auch nur ein einziges Mal ans Ohr zu halten.
Dann kommt vielleicht noch Michaela dazu, die mit alkoholschwerer Zunge berichtet, dass sie seit fünfzehn Jahren auf der Straße lebt. Und leider, leider auch so riecht. Selbst im Hochsommer trägt sie einen zerschlissenen, dick wattierten Anorak, dessen Ausdünstungen meinen Kollegen Stephan einmal dazu bewogen haben, in dem Moment, als Michaela eine milde Gabe von einem Fahrgast empfangend dicht neben uns stehen blieb, panikartig ein Parfumfläschchen aus seiner Tasche zu zerren, um in die dünner werdende Luft zu nebeln. So, als gelte es einen angreifenden Hornissenschwarm mit der chemischen Keule den Garaus zu machen.
Michaela verkauft keine Obdachlosenzeitung, was ich ja noch okay fände, sondern bettelt bloß. Wenn ihr niemand etwas gibt, dann wirft sie sich theatralisch und die Worte "Ich hab aber so Hunger" gellend schreiend gegen eine der Fahrzeugtüren und macht die Situation für alle höchst ungemütlich.
Wenn ich schließlich Glück habe, kann ich übrigens ohne Behinderung aus der Bahn aussteigen. Wenn nicht, bitte ich die mir im Wege stehenden Fahrgäste, doch kurz zur Seite zu treten, und manchmal bewegen sie sich dann auch um drei Achtel Millimeter. Leider zumeist in eine noch mehr den Ausstieg versperrende Position.
Ich hasse öffentliche Verkehrsmittel. Aber in einem Auto rege ich mich noch mehr auf. Also habe ich das kleinere Übel gewählt.
Wenige Minuten später betrete ich meine Arbeitsstätte durch den Personaleingang. Doch damit beginnt für mich, wie fast jeden Tag, nur die Konfrontation mit noch größeren Absurditäten menschlichen Verhaltens.



Eingereicht am 08. Mai 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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