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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Inflationäre Singles

© Marion Treche


Auf den ersten Blick ist sie aufregend und Spaß bringend - die Partnerschaftssuche im Internet. Einfacher kann man sich kaum umschwärmen lassen, hemmungslos flirten oder dem anderen etwas vorgaukeln, denn es geschieht anonym und unverbindlich. Und wenn der eine Teilnehmer doch nicht ins Raster passt, weil beispielsweise die Interessen nicht übereinstimmen, klickt man mühelos zum nächsten Profil weiter.
Spannend wird es allerdings, wenn zwei sich sympathisch finden und der Gedankenaustausch über Mails fortgesetzt und intensiver wird. So richtig Leben kommt in den nicht mehr ganz Unbekannten beim ersten Telefonat. Passt die Stimme zum Schreibstil? Bleibt diese Person auch durch ihre Art zu sprechen angenehm? Dann wird es höchste Zeit sich zu treffen!
Ob es zwischen den beiden funken wird, ist bei dieser Art sich kennen zu lernen sehr schwer herauszufinden, weil ein solcher Zauber nichts mit gemeinsamen Interessen zu tun hat. Der Reiz der zufälligen Begegnung fehlt und die Angst vorm ersten Ansprechen, weil man beim blind date ja durch die vorangegangenen Chats, Mails und Telefonate schon vorbereitet ist und sich ein Bild aufgebaut hat. Wie unangenehm, wenn sich dieses Bild bei dem Treffen als Irrtum erweist. Aber das ist für die meisten nicht so schlimm, sie nehmen sich nicht die Zeit herauszufinden, ob es nicht doch noch funken könnte. Es tummeln sich immerhin genug andere Kandidaten auf den Internetseiten.
Dabei kann man sich zehn Kriterien zurechtlegen, wie der Wunschpartner sein sollte und dann findet man online einen, der alle zehn Punkte erfüllt und mit einem Mal stellt man fest, dass er irgendwie trotzdem nicht der Richtige ist. Der Zauber ist einfach ausgeblieben.
Doch plötzlich versteht man die Welt nicht mehr! Da war ja noch der Typ aus dem Internet, mit dem es nur eine winzige Gemeinsamkeit gab und den man mit seinen Profildaten ansonsten alles andere als ansprechend fand. Aber genau der ist es, der einen in ein staunendes, schüchternes, über den Boden schwebendes Wesen verwandelt. Einfach nur, weil da dieses Bauchgefühl ist, das Zeit verschafft. Zeit, damit man den anderen näher kennen lernen darf und dass einem die Dinge, die man an jemandem mag, allmählich auffallen können.
Egal, ob sich ein blind date als Enttäuschung oder als verheißungsvoll herausstellt, es wird auf jeden Fall zum überraschenden Ereignis. Der Blick in die einschlägigen Internetseiten kann also durchaus lohnen.



Eingereicht am 11. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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