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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Regen

Hanns M. Glygg


Sicher kennen Sie diese Situation auch. Es ist Samstagmorgen, Sie müssen noch einmal in die Stadt um eine Kleinigkeit einzukaufen, steigen ins Auto oder den Bus - und los geht´s. Und es ist faszinierend. Während soeben noch die Sonne schien und ein strahlend blauer Himmel die ersten Schritte begrüßte, ziehen jetzt dunkelste Wolken auf. Als wäre es geplant, pünktlich zum Eintreffen am Ziel setzt auch ein leichter, alles durchdringender Nieselregen ein.
Gewiss, man kann sich schützen. Ich zumindest habe für diesen Fall der Fälle immer passende Regenkleidung im Fahrzeug. Eine wetterfeste Jacke und eine ordentliche Schirmmütze. Und sei der Regen noch so heftig, da kommt nichts durch. Kein Tropfen.
Aber: Ich scheine einer aussterbenden Gattung anzugehören. Denn die meisten Passanten benutzen Schirme. Würde man während des Regens eine Luftaufnahme von unserer Stadt machen, so wäre die große Einkaufsstraße überdacht. Vollständig!
Nur - wie geht es mir armen Wicht, nachdem ich mein Fahrzeug in der Tiefgarage abgestellt habe und vorsichtig die ersten Schritte wage? Mit den nadelscharfen Spitzen jener Spanndrähte, die den Schirm erst zu einem wasserdichten Dach werden lassen, wird die Jagd auf meine in etwa 178 cm Höhe angebrachten Augen eröffnet. Da hilft auch keine Schutzbrille, der Stadtbummel wird zum Spezialslalom. Blitzreaktionen werden erwartet und stellen allerhöchste Ansprüche an Körperbeherrschung und mentales Einfühlungsvermögen! Kopf zur Seite, Rechtsdrehung - aber nicht zu schnell, denn der nächste Schirm stößt in die frei gewordene Lücke. Sidestep! Und wieder rechts, links - links, rechts. Jetzt die Doppelkombination! Geschafft. Doch keine Pause, keine Müdigkeit vorschützen, denn schon baut sich eine weitere Schirm-Slalom-Stange vor mir auf.
Das hackt und fuchtelt, faltet und entwirrt, drückt und piekt aus allen Seiten und Ecken - die Schirmherrschaft ist ausgebrochen. Mein nichtbeschirmter Kopf ist schutzloses Ziel sämtlicher Hiebe und Stiche, begleitet von einem sadistischen Grinsen des Ausführenden und einer - nach erfolgreicher Tat - höhnisch dahingestammelten unehrlichen Entschuldigung.
Damit muss Schluss sein! Endgültig!. Ab sofort plädiere ich für das Ende aller Schirme im Innenstadtbereich! Unsere Einkaufsstraßen müssen zur schirmfreien Zone werden. Bereits auf den Parkplätzen, in Tiefgaragen und an Bushaltestellen werden Schirme konfisziert - von "schwarzen Schirm-Sherifs" mit Stern und großer Säge oder Schere. Ersatz- und leihweise ist jedem Innenstadtbesucher eine Mütze auszuhändigen, Marke "Ballon" - oder auch eine der niedlichen, verschnürbaren Plastik-Kapuzen.
Wer sofort freiwillig mit Mütze in die Innenstadt kommt, dem steht eine Gratifikation zu. Beispielsweise zwei Prozent Rabatt im Kaufhof. Wer sich sträubt und nur unter Gewaltandrohung von seinem Schirm trennt, dem gebührt eine saftige Strafe. (Ich will hier nicht so weit gehen und wie Freund Rüdiger auf das direkte Füsselieren bestehen) Mir würde es reichen, wenn diejenigen sofort und ohne über "Los" zu gehen eine fünfjährige Haftstrafe ohne Bewährung antreten müssen.
Es muss hart durchgegriffen werden. Ach, was sage ich: Hart. Entschieden! Kompromisslos! Radikal! Wir müssen das Strafgesetzbuch ändern. §1: Der Besitz eines Schirms ist versuchte Körperverletzung und wird mit Freiheitsstrafen nicht unter fünf Jahren bestraft. §2: Der Vertrieb oder das leihweise Überlassen eines Schirmes ist schärfer zu verfolgen als der Besitz eines solchen, insofern hat ein Schirmdealer mit Gefängnisstrafen von mindestens einmal lebenslänglich zu rechnen. Bewährung darf es nicht geben.



Eingereicht am 20. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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