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Ein perfekter Badetag

Von Sandra Fasching


An den durchschnittlich fünf Tagen im Jahr, an denen die Sonne ihr schönstes Gesicht zeigt, zieht es mich, wie auch alle anderen Sonnenhungrigen, an das kühle Nass.
So ein Badetag bedarf einer perfekten Planung, einer perfekt gefüllten Badetasche mit genau dem richtigen Buch, dem richtigen Essen, der richtigen Decke und auch der Bikini muss perfekt sitzen. Es soll ja ein perfekter Tag werden - einer von durchschnittlich 5 perfekten Tagen im Jahr.
Beginnend mit drei Äpfeln, zwei Bananen, einer "Bottle" Apfelsaft-gespritzt, drei leckeren Brötchen (eines mit Wurst und Käse, eines mit Käse allein und eines mit Wurst allein) fülle ich meine Kühlbox und hoffe, auch für meinen Schokoriegel, den Joghurt, die halbe Ananas und den Rest vom Sonntags-Schnitzel noch Platz zu haben, denn die Tupper-Dose mit den Kartoffeln und dem Gemüsereis erweisen sich als etwas Platz raubend.
Mit meinem Radio, dem Mini-Fernseher samt Batterien, Decke, Handtücher, Sonnenöl und -milch, Hausapotheke wegen eventueller Insektenstiche, Game-Boy, meiner Kleidung zum Wechseln und 3 Büchern in der einen Hand und meiner Kühlbox in der anderen mache ich mich endlich auf den Weg zum Auto, um alles zu verstauen. Der Blick nach hinten ist verstellt wegen dieser sperrigen Liege, der seitliche Ausblick rechts gehört dem Campingsessel und den linken hat das Camping-Klo in Beschlag genommen. Wie dem auch sei - die Sicht auf die Windschutzscheibe ist ja frei!
Es ist 8 Uhr morgens und kaum zu glauben, dass der Parkplatz vor dem Strandbad schon randvoll ist! Nun wandere ich mit meinen Siebensachen vom Auto zum Seeufer und zurück, vom Auto zum Ufer und noch einmal hin und retour.
Bald hatte ich alles, was ich so brauche für einen perfekten Badetag, um mich versammelt und konnte mich endlich der Beobachtung der anderen Badegäste widmen.
Unglaublich, was die Leute so alles mit sich rumschleppen, was sie reden, wie sie sich verhalten - ja sogar wie sie aussehen! Karikaturzeichner müsste man sein. Eine Dame wird gerade von einem Jungen aus dem Hinterhalt mit einer Wasserbombe attackiert, woraufhin sie sich bei dessen Vater beschwert, welcher dem Burschen eine Ohrfeige gibt, dass er rücklings über den alten, fettleibigen Herrn in dem knappen Tanga fällt. Dieser wiederum pöbelt den Vater des ungestümen Knaben an, warum der ebensolchen nicht an die Leine nimmt. Das Stichwort "Leine" fällt und der Hund des Liegenachbarn mischt sich, mit dem Heben des linken Hinterbeines an ein sorgfältig ausgewähltes Etwas am Platz des geohrfeigten Buben, ein, woraufhin die Mutter desselben mit einem angeekelten Schrei die nasse Jause in hohem Bogen wegschleudert.
Kurz darauf erscheint eine vor Wut rotköpfige Dame um die 30 als lebende Umkleidekabine, die sich beschwert, dass ihr etwas Übelriechendes vor die Füße flog. Der Junge, der diesen ganzen Trubel ausgelöst hatte, beginnt zu kichern, die Mutter schallend zu prusten, der Vater hält sich den mächtigen Bierbauch vor Lachen und alle anderen Badegäste grinsen bereits von einem Ohr zum anderen, als besagte Dame, aufgrund eines mangelhaften Gummizuges in der Halsgegend, völlig entblößt vor ihnen stand und noch immer ihren Unmut wegen dieser läppischen übelriechenden Jause Ausdruck verlieh. Ihre "Umkleidekabine" hatte sich selbständig gemacht und glitt Stück für Stück diesen doch recht üppigen Körper herunter, um schließlich sanft am Boden zu landen und einen Kreis um die unförmige Frau zu bilden. Wild stampfte sie sich frei und selbstbewusst keift sie weiter - der Kopf war ja ohnehin schon dunkelrot - während der kleine Schäfer-Dackel-Mischling den Stofffetzen packt und damit "Fangt-mich-doch" spielt. Die entblößte Dame überlegt nicht lange und jagt - ohne sich ihrer Ästhetik bewusst zu sein, den Hund, der da mit ihrer Kabine durch das ganze Strandbad hetzt. Dies wiederum führt zu entsetzen Blicken und eindeutigen Gesten seitens älterer weiblicher Badegäste, die sich über das mangelnde Schamgefühl mancher Zeitgenossen lauthals entrüsten und der heutigen Jugend jegliches Gespür für Sitte und Anstand absprechen.
Langsam wird es dämmrig und Zeit, diese Komödie zu verlassen und den Heimtransport meiner Sachen zu organisieren. Ebenso lang wie das Auspacken dauert auch das Einräumen, denn es ist nichts an Jause weniger geworden, das Camping-Klo für den Fall der Fälle ist unbenützt, das Buch ungelesen, der Fernseher ausgeschaltet, der Camping-Sessel unbesetzt, die Handtücher trocken und die Decke zusammengefaltet geblieben. Und da auch der Bikini nichts Nasses abbekommen hat, waren die Liege und das Auto die Einzigen, die benutzt wurden.
Hoffentlich regnet es morgen!



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Eingereicht am 21. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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