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Irrtum (Rechtschreibreform)

Von Gaby Schumacher


Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So sagt man jedenfalls. Doch alles, was zur Gewohnheit wird, wird eines Tages langweilig. Man sucht nach Gründen, das Gewohnte verändern zu dürfen. Die braucht man allerdings, um gegen die zu erwartenden Proteste der lieben Mitmenschen gewappnet zu sein. Die sich aus ihrem alltäglich gewohnten Trott gerissen fühlen. Sich verunsichert sehen und aufgefordert, mitzudenken. Denken aber bedeutet Anstrengung. Und die hat man nicht so gerne. Es ist ja so bequem, sich dem Althergebrachten zu überlassen. Die Gehirnzellen fühlen sich rundherum wohl. Zusatzarbeit bleibt ihnen erspart.
Doch nun entdeckten unsere Politiker ein ungeheuer wichtiges Betätigungsfeld. Offenbar ähnlich wichtig wie all die kaum zu lösenden, vielleicht doch noch krasseren Probleme unseres Staates. Putschten dessen Bedeutung hoch: Gut bzw. natürlich gar nicht gut: Man hatte zwar Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeiten en masse, aber das war nicht ausreichend. Denn das zählte ja schon zur Routine. Oder sollte die liebe Rechtschreibreform ein wenig ablenken, die Leute so sehr in Anspruch nehmen, dass sie nicht mehr in der Lage wären, so ganz nebenbei auch noch mal über die wirklich den Ausschlag gebenden Dinge nachzudenken? Um dann irgendwann erschrocken festzustellen, wie die Politiker derweil im Hintergrund diese Unaufmerksamkeit der Bevölkerung zu ihrem Gunsten ausgenutzt hatten. Und heimlich, still und leise auf allen anderen Gebieten fix ihre Entscheidungen getroffen hatten, bei deren Durchsetzung das Interesse der Allgemeinheit nur ein Störfaktor gewesen wäre?
Es war ja gar nicht so einfach gewesen, etwas zu finden, was die Massen dermaßen in seinen Bann schlug. Doch, da Politiker ja doch, auch wenn sie sich manchmal bewusst dumm stellen, recht schlaue Leute sind, hatten sie dann eine wahrhaft glorreiche Idee: Dass sie da aber auch nicht schon früher drauf gekommen waren!
Die Rechtschreibung, ja, die ging wirklich alle an. Damit ließ sich so Einiges anstellen. Da wären alle gut beschäftigt. Und man konnte behaupten, man hätte des Volkes Geist gefordert und dadurch gefördert. Nein, die deutsche Rechtschreibung war doch viel zu umständlich. Es war darin doch viel zu viel zu bedenken. Also ging es an die Vereinfachung. Es sollte alles so geschrieben werden wie gesprochen. Aus der "Phantasie" wurde "Fantasie", und aus dem "Delphin" wurde "Delfin". Und aus "daß" mit "sz" wurde "dass" mit "runden ss". Dazu ließen sie sich, da ja alles ganz einfach werden sollte, noch ein paar niedliche Lockerungen der Zeichensetzungsregeln einfallen.
Was diese ihre Idee an Folgen nach sich zöge, kümmerte sie nicht allzu sehr. Doch die Auswirkungen ihres Treibens waren nicht von Pappe. Der des Schreibens mächtige, ja doch nicht unerhebliche Teil der Bevölkerung kämpfte in Folge mit zwei gravierenden Problemen:
1. Die Entrostung eingeschlafener Gehirnzellen
2. Und dann doch tatsächlich deren intensivste Inanspruchnahme
Stundenlang brütete das Volk über dem ungewohnten Schriftbild, vermischte der Einfachheit halber die alte mit der neuen Schreibweise. Kriegte ein schlechtes Gewissen gegenüber der Obrigkeit und brütete erneut. Mit dem Ergebnis, dass letztendlich auf dem Papier der reinste Buchstabensalat verzeichnet stand. Mit dem wiederum ebenfalls ein nicht unerheblicher Anteil der Bevölkerung diverse Schwierigkeiten hatte.
Fazit: Deutschland hatte sein zusätzliches, langersehntes Problem. Die Zeitungen und Zeitschriften ein neues Lieblingsthema. Das ihnen zu ungeahnten Umsatzsteigerungen verhalf. Überall, zu jeder Zeit beschäftigten sich menschliche graue Zellen mit "daß" und mit "dass", ließen heiße Diskussionen entbrennen. Damit hatten die Politiker nicht gerechnet, damit nicht. Ihre eigene Taktik könnte ihnen zum Verhängnis werden. Was wäre, wenn das Volk mit seinen auf Hochtouren gebrachten Gehirnzellen anfinge, sich bei diesem Lieblingsthema tatsächlich zu langweilen oder den so gut trainierten Geist auch für ganz andere Problematiken einzusetzen? Wohlmöglich sogar für die eigenen, die sich eventuell dann sogar gegen die Ziele der Obrigkeit richteten. Es nahm gefährliche Ausmaße an: Eltern stiegen auf die Barrikaden, denn Schüler fühlten sich ihres 6-Stunden-Schlafes in der Schule beraubt (sie übten stattdessen die Hälfte der Unterrichtszeit "dass mit ss"!) und kehrten darob total fertig mit den Nerven nach Hause zurück. Wo sie dann ihren Erzeugern die ihrigen raubten. Das wiederum führte dazu, dass mindestens die Hälfte aller Erziehungsberechtigten vorzeitig ergraute. Das hielt die Lehrerschaft für eine durchaus akzeptable, da absolut nicht mehr vermeidbare Möglichkeit und kriegte ebenfalls diese Zeichen des Alterns. Damit demonstrierten sie eine gewisse, durchschnittlich gesehen nicht eben übliche Solidarität mit Millionen von verzweifelten Müttern und Vätern. Deutschland hatte sich selbst in eine schier ausweglose Buchstabenkatastrophe hinein katapultiert ohne den leisesten Schimmer einer Ahnung, wie es sich aus dieser Mixerreform befreien könnte. Zur Rettung der restlichen Grammatikkenntnisse der Schülerschaft und der noch nicht ergrauten Haare von Eltern und Lehrern. Was tun?
Da sowieso keiner mehr Bescheid wusste, welcher Rechtschreibung er eigentlich anhing oder auch nicht, und deshalb verstohlen meist äußerst interessante Eigenkreationen ins Leben rief, entschieden eben diese Urheber der Rechtschreibreform, unsere heißgeliebten Politiker, das ganze Affentheater müsse unbedingt ein Ende finden. Denn die von ihnen propagierte, ach so tolle Vereinfachung der Schrift erwies sich als die einfachste Möglichkeit, Deutschland in ein Land von rechtschreiberischen Irren zu verwandeln. Und als Vertreter eines total durchgedrehten Volkes wollten sie nicht so gerne da stehen. Das hätte ihr Prestigedenken erheblich gestört. Daraufhin entschieden in Folge dann sie sich für den Erwerb der eindeutigen Zeichen des Alterns. Zeigten sich zumindest dann in der Auffassung mit Eltern, Lehrern und Schülern solidarisch, dass die von ihnen mit Begeisterung eingeführte Veränderung der Schreibweisen schleunigst wieder verändert werden müsse. Damit alle klar kämen und sie wieder von sich behaupten könnten, einem doch ach so klugen Deutschland vor zu stehen. Womit dann endlich ihre verunsicherte Seele Ruhe fände. Und Deutschland einen sicheren Leitfaden, der rasch zur Rekonvaleszenz der gebeutelten Nerven von Lehrern, Eltern und natürlich auch Schülern beitrüge.
Also beratschlagten sie:
Entweder man führe alles wieder auf die alte Schreibweise zurück...
Oder man ließe die umstrittenen Worte einfach ganz weg...
Mit der Begründung: Im Englischen z.B. käme man auch ganz gut ohne die klar. Und das kluge Deutschland schaffe das dann erst recht!!
Und falls nicht wieder irgendwelche überkandidelten Politiker auf eine ähnliche verrückte Idee verfallen, wird sich Deutschland in seinem Rufe als Land der Intelligenzbestien sonnen können.
Was die "Intelligenzbestien" angeht: Da beweise erst einmal jemand das Gegenteil!



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Eingereicht am 16. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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