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Romanze auf Distanz

© Kris Mund


Dies ist die Geschichte von Atüll Atuck. Er war braungebrannt, groß und stark, und er lächelte gern und oft.
Seine Großmutter hatte ihn erzogen und ihm viele kluge Dinge beigebracht.
"Atüll", sagte sie oft, "kau nicht auf den Fingernägeln, wasch deine Hände, sei nett zu jedermann, der es verdient, und vor allem: Pflege deine Bekanntschaften in Nah und Fern. Es gibt heute die Post. Da musst du nicht mehr telefonieren. Das ist zu teuer! Und du musst auch nicht Tutulla Tatucka in Griechenland persönlich besuchen. Wenn sie Post von dir bekommt, weiß sie, wie es dir geht, und das ist ja wichtig, oder?"
So sprach Atülls Großmutter zu ihm. Er aber vergaß bald, was sie versucht hatte, ihm beizubringen. Atüll war schreibfaul, manchmal auch mundfaul und seine Fingernägel blieben schmutzig, aber seine Freunde akzeptierten ihn wie er war weil er die größte Bierdeckelsammlung weit und breit sein Eigen nennen konnte.
Nur Tutulla in Griechenland klagte laut und weinte bitterlich, wenn sie nichts von ihm hörte.
Kunigunde aus Friedrichshafen hatte schließlich ein Einsehen. Sie verfügte, seit sie rohen Rhabarber gegessen hatte, über magische Kräfte, und erließ einen Fluch über Atüll, dass er alle seine Zähne verlieren sollte. Und so geschah es.
Als es in seinen Schneidezähnen bröckelte, lief er verstört zum Zahnarzt. Aber in seinem Kiefer krachte es in allen Ecken und Kanten.
Da wurde er plötzlich mitteilsam, setzte sich hin und schrieb Tutulla: "Ich verliere alle meine Zähne und bin noch nicht mal dreißig. Atüll."
Tutulla wusste nichts vom Fluch Kunigundes und hatte Mitleid mit Atüll. Sie schickte ihm alle Babynahrungsrezepte, die man in Griechenland finden konnte, und von Atüll kam immer postwendend ein knappes "Danke".
Kunigunde freute sich, dass sie Atüll zum Schreiben gebracht hatte, nahm den Fluch wieder von ihm und ließ Atüll in ihrem Übermut nun spitze dreißig Zentimeter lange Eckzähne wachsen.
Das zog ein enorm gesteigertes Fluchtverhalten seiner Mitmenschen nach sich. Kinder und Haustiere wurden, sobald er sich zeigte, von der Strasse geholt, und nur Blinde und Kurzsichtige kamen gelegentlich in seine Nähe. So blieb er stets ungestört, wenn er seine Eckzähne in diverse Konservendosen der Supermärkte haute.
Aufgrund der rapide gesunkenen Konversationsmöglichkeiten fand er nun reichlich Zeit, Tutulla lange Briefe zu schreiben, wobei er auch seine Zähne endlich nutzbringend einsetzen konnte. Nachdem er einen Kurzlehrgang des Keilschriftalphabets erfolgreich absolviert hatte, ritzte er jetzt nämlich seine epischen Ergüsse in Steinplatten.
Atülls Ausgaben für das Briefporto stiegen so in astronomische Höhen, denn Klagen der Postboten über Bandscheibenschäden und Proteste der griechischen Postgewerkschaft hatten dazu geführt, dass Atülls Post nun per Hubschrauber angeliefert und über Tutullas Haus abgeworfen wurde.
Damit endete dann auch die Romanze, denn Tutulla wurde unter dem Einsturz ihres Dachstuhls begraben. Unter den letzten, niederschmetternden Worten: "Für immer dein, Atüll", verstarb sie friedlich lächelnd.



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Eingereicht am 14. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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