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Mein Nachbar...

Von Uldo Posch


... der kommt ja aus Hamburg und anders konnte ich es mir auch nicht erklären, warum er ausgerechnet seine Goldfische nach Kenia mitnehmen musste. Der Anblick dieser, in ihrem runden Glas befindlichen Tiere, ließ mich schwer am Verstand des Besitzers zweifeln. War es die Nähe zum Wasser oder doch nur Angst vor der Einsamkeit, fernab der Heimat? Fragen über Fragen, die jäh von Helene und Luis, so nannte er seine Goldfische, unterbrochen wurden. Später erfuhr ich, dass die beiden schon länger liiert waren und das erklärte natürlich einiges. Uwe, so heißt mein Nachbar, ließ mich für eine Stunde auf der Terrasse seines Hauses zurück, um irgendwelche Erledigungen zu machen. Seltsamer Typ, ich kannte ihn erst ein paar Wochen und seine Liebe den Fischen gegenüber schien bedenkliche Ausmaße angenommen zu haben. Bevor er aber das Haus verließ, nahm er einen Beutel Tee aus dem Küchenschrank und hängte ihn zur zeitlichen Überbrückung in das Fischglas. Dann benetzte er das Papieretikett leicht und klebte es von außen gut lesbar an die Glaswand. Leichte Nebelfäden entwichen dem Beutel, denn es war grüner Tee, danach ging Uwe seiner Wege. Die Fische fühlten sich offensichtlich ungestört, lag an meiner Brille schätzte ich. Glas war ihnen nicht fremd und sie übersahen mich, nicht aber das Label des Teebeutels. Sie schwammen heran und lasen: "Brooke Bond - Home Cup - Eastern Kenya Highland Tea." Danach, zogen sie weiter ihre Runden Es muss wohl Luis gewesen sein, der dann plötzlich sagte: "Ich kann dich nicht heiraten. Ich brauche meine Freiheit." "Warum zierst du dich bloß nur so?" Helene schien wütend zu sein und Luis entgegnete: "Klar, weil ich auch ein Zierfisch bin, außerdem ist diese Wohnung feucht, basta!"
Daher wehte also der Wind und ich erkannte, dass sie beide Streit hatten. Sogar uneheliche Kinder, denn hinter einem versunkenen Schatzschiff, kamen plötzlich viele kleine Goldfische hervor und schwammen aufgeregt umher. Einer, der goldigen Racker, rief mit seiner Piepstimme: "Ich muss mal" und fand kein Gehör. Er tat das, was alle Kinder in dieser Situation tun würden, er machte. Fiel aber nicht weiter auf im grünen Tee. Ich verhielt mich ganz still und vermied Sprechblasen zu machen so gut es ging, es wurde spannend. "Weißt du Helene", fuhr Luis fort "manchmal habe ich Lust, den ganzen Krempel hinzuwerfen!" Seine Blickte wandten sich dem Meer zu, das er durch ein Fenster von Uwes Haus erblickte. "Ist das dein Ernst, Salzwasser?" Helene war sauer, während man die Kinder im Hintergrund sagen hörte: "Wir könnten verstecken spielen?"
Nachdem einige Minuten vergangen und der Tee gefiltert waren, legte sich auch der Streit und Luis ging seinen Pflichten nach und gab seinen Kindern Unterricht. "Es gibt keinen Gott", hörte man den kleinsten sagen. Geduldig erklärte Luis: "Natürlich gibt es einen Gott, wer sonst, glaubt ihr, wechselt wöchentlich das Wasser?" Daraufhin gab man sich zufrieden. "Wisst ihr, eines Tages werden wir das Wasser verlassen und die Kreditkarte erfinden." "Du, Spinner", riefen seine Kinder und schwammen zu Helene. Der Unterricht war beendet. Es war Samstag, was bei Luis und Helene zum Thema Wochenendaktivitäten immer eine gewisse Missstimmung auslöste. So blickten sie beide zum Fenster hinaus und Helene fragte Luis: "Na, Lust ins Wasser zu gehen?" Dann kam mein Nachbar zurück und ich wachte auf und kochte mir erst mal einen starken Kaffee. Ich mag keinen Tee.



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Eingereicht am 30. Juli 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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