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Ich liebe meine Familie, ehrlich!

Von Teresa Dohn


06:30 Uhr. "Mama, aufstehen!!!", grölt es mir von der anderen Seite des Schlafzimmers entgegen. Warum hab ich doch gleich nicht abgeschlossen? Ach ja, stimmt. Ich bin ja eine liebende, besorgte Mutter! - Die eigentlich noch etwas Schlaf benötigt. Ich drehe mich auf die andere Seite, greife nach meinem Schatz. Keiner da. Meine geliebte Tochter, die sich nun an das Bett geschlichen hat, bekommt es natürlich mit. "Papi ist viel fleißiger als du, der macht Frühstück." Ja, ja, der gute Papi. Warum ist der denn nie müde?
Auch egal! Ich ziehe mir das Kissen über den Kopf. "Was ist denn hier los?", höre ich die Stimme meines ersten Sohnes. Der wird den süßen kleinen Quälgeist schon hinaus befördern. Schließlich ist Niccolo schon 19 Jahre alt und versteht was von Müdigkeit, die durch zu lange Vorbereitungen auf den nächsten Schultag hervorgerufen wird. Endlich meine Rettung. "Mama, Halina hat völlig Recht. Sie ist mit ihren 9 Jahren viel vernünftiger als du." Dem Jungen sollte man das Taschengeld streichen! Alle stellen sich gegen mich!
"Mama ist sehr lieb!!", weist Rasmus seine Geschwister zurecht. Gutes Kind! Aus dem wird mal was!
"Mausi, jetzt ist gut! Los hoch mit dir!" Mein Mann mischt sich auch noch ein.
Juchuuu!!! "Ich will nicht!", heule ich
"Die anderen Kinder lassen mich nie mitspielen! Das ist so unfair!"
Aurora und Apollonia kommen zu mir, streicheln mir über den Kopf. "Arme Mami! Ist die böse, böse Schule wieder mal gemein zu dir?"
Little sweet sixteen nennt man so etwas, glaube ich. Immer auf mich. Sehr freundlich. Vielen Dank! "Alle hassen mich da. Besonders die Lehrer", jammere ich weiter. "Ihr kümmert euch nur um Mami. Mich gibt es auch noch!"
Dragina ist aufgewacht und beehrt uns mit ihrer Anwesenheit. "Passen zu dem schwarzen Mini besser die rosanen oder die hellgrünen Kniestrümpfe?"
Jasha betrachtet beide Paare ganz genau. "Mit den Pinken kannst du über die rote Meile gehen..."
Dragina schaut entsetzt.
"...Mit den Grünen reicht es immerhin für die Kaiserstraße!", ergänzt Gereon die begonnene Ausführung seines kleinen Bruders
Wer zum Teufel hat ihnen beigebracht, wo welcher Strich ist? Mist, das war ja ich. Noch nicht mal dafür kann ich jemanden anschreien. Egal, ich will ja nicht schreien, ich will schlafen.
"Psssst! Mama ist wieder eingeschlafen!"
Ich weiß, dass Rasmus das gut gemeint hat, aber hätte er nicht den Mund halten können. Nun hat er die Aufmerksamkeit von Draginas Strümpfen doch wieder auf mich gelenkt.
"Hilfe, ein Erdbeben!", schreie ich.
Bevor ich noch dazu komme meinen Lieben den Ort zu offenbaren, an dem ich mein Testament hinterlegt habe, merke ich, dass das Beben mein allerliebster Mann ist, der mich mehr oder weniger sanft aus dem Bett hebt und mit mir das Zimmer verlassen will. So etwas Fieses.
"Rasmus!", brülle ich, "beiß Papi ins Bein."
Der Junge tut es. Ich glaub mein Schatz findet das gar nicht so schlimm. Er hält mich jetzt mit einem Arm umklammert, greift mit dem anderen nach Rasmus und trägt und beide runter in die Küche. "Jetzt wird erst mal gefrühstückt", sagt er gut gelaunt und überhaupt nicht aus der Puste. So 'n Hausmann muss ganz schön was drauf haben. Na klar, schließlich rennt er hinter neun Flöhen.... sorry... Kindern her. Starke Leistung. Besonders bei diesen Kindern.
Ich denke nicht, dass ich je... (wie sage ich es jetzt nett?) kreativere Mädchen und Jungen gesehen habe. Was war doch gleich der letzte Einfall meiner süßen Eos? Ach ja, sie hat die Dachziegel (verdammt teure Dachziegel) um ihre Zimmerfenster mit Autolack besprüht, damit ihr neuer Lover weiß, welche Scheibe er mit Kieselsteinchen zerstören kann.
Wozu gibt es denn Handys? Kann der Mensch sie nicht einfach anklingeln? Im Notfall kann er ja auch einen Schlüssel haben, bis sie ihn wieder abschießt. Dauert selten länger als 2 Monate. Ist ihre Sache:
"Mausileinchen, an wen denkst du denn jetzt wieder?"
Michaels Gesicht kommt ganz nah an meins heran. Ich beiße ihn zärtlich in die Nase.
"An das Glück, das du mir bereits neunmal schenktest."
Michael lächelt, setzt an mich zu küssen:..
"Mama, mach dich fertig, Schule fängt bald an!"
Ehrlich gesagt ist es mir scheißegal, welcher meiner geliebten Nachkommen das von sich gegeben hat. Wie kann man nur so pflichtbewusst sein? Von mir haben sie das nicht! Jeder normale Mensch freut sich, wenn er zu spät in die Schule kommt, und dann noch die ganze Schuld auf seine Mutter abladen kann. Aber nein, meine Süßen nicht. Die wollen lernen, was ein Dativ ist.
Ich bin 36 Jahre alt, habe Germanistik studiert, schreibe erfolgreich Bücher und habe nicht die geringste Ahnung, was ein Dativ ist. Das braucht man im Leben nicht. Aber man glaubt mir ja nicht. Ich bin ja bloß Deutschlehrerin und habe die Erfahrung. Dasselbe ist es mit Mathe. Ich habe Frau Wichtmann vor 20 Jahren gesagt, dass ich voraussichtlich niemals Logarithmen brauchen würde. Man höre und staune... ich hatte Recht.
Ich erhebe mich und gehe ins Schlafzimmer zurück. Ich schaue zum Schrank. Anziehen sollte ich mich schon. Mein Blick wandert zum Bett. Meine Füße tun es ihm gleich. Wer hat denn das Bett so ordentlich gemacht? Ein Zettel liegt auf der schön zusammengefalteten roten Satindecke:
"Wenn du dich wieder hinlegst, kitzel ich dich wach. In Liebe Niccolo ( hahaha)."
Was hab ich gesagt? Taschengeld streichen? Ich ändere es in Miete zahlen lassen!!! Netter Junge, guter Sohn. Michael und Dragina streiten auf der Treppe.
"In diesem Gürtel gehst du nicht zur Schule! Deine Brüder haben Recht, es sieht furchtbar aus."
Besonders leise ist mein Schatz ja nicht gerade.
"Das ist ein Rock. Ich bin 17 und nicht 7. Ich kann tragen, was ich will!", verteidigt sich unsere große, erwachsene Tochter.
Bevor ich mir das noch länger antue, beschließe ich etwas Gemeines zu tun, was mir meine Tochter wahrscheinlich nie verzeihen wird. Ich gehe zur Treppe. "Wow, Dragina! Der Rock ist ja echt scharf, woher hast du den? Ich kaufe mir denselben und wir gehen im Partnerlook."
Die Streithähne gucken entsetzt.
Dragina dreht sich auf dem (viel zu hohen) Absatz um und geht in ihr Zimmer. Sich umziehen.
Michael grinst mich an. "Gut gemacht, Engel."
Er küsst mich auf die Nase.
Ich küsse ihn auf den Mund, aber noch bevor ich meine Zunge an seinen Mandeln vorbei geschoben habe... "Mama, Papi. Ich gehe auch in die Schule."
Mein armer, verwirrter Junge. Da willst du nicht hin, glaub mir. Das sage ich ihm natürlich nicht. Da steht unser niedlicher unschuldiger Rasmus (das einzige unserer Kinder, das unsern Nachbarn noch nicht mit Hurenbock betitelt hat) in Michaels Turnschuhen (Größe 46), Apollonias neuem Sportbustier (er zweckentfremdet ihn als Rock) und mit Bleistift und Malbuch bewaffnet und denkt tatsächlich, die Schule sei etwas Sinnvolles, Gutes. Hat der Kleine denn nach zwei Jahren auf dieser, unserer Welt noch immer nicht verstanden, warum ich mein Bett so mag? Bei einigen dauerts halt etwas länger.
"Oh nein!" höre ich Jasha aufheulen.
Mein liebster Mann sieht, dass ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehe und nimmt sich des unglücklichen Kindes an. "Was ist denn los?", fragt er.
"Wir schreiben heute Englisch und ich hab vergessen zu lernen."
Bevor eines seiner großen Geschwister ihm eine Predigt über Organisation von Terminen halten kann, schlägt Michael ihm vor blau zu machen. Die Entschuldigung sei doch schnell geschrieben.
Die Älteren protestieren und Gereon behauptet, er habe vergessen, für Mathe zu lernen. Dummerweise vergisst er, dass ich mit seiner Mathelehrerin befreundet bin und weiß, dass die Arbeit erst nächste Woche geschrieben wird. Einen Versuch war es seiner Meinung nach wert.
Wie gesagt, äußerst kreative Kinder.
"Papi, schau, was Aurora gemacht hat", kräht Halina.
Apollonia und Aurora kommen ausnahmsweise mal nicht verkracht aus ihrem Zimmer. Ich hätte vorhin beim Wecken merken müssen, dass etwas nicht stimmt, sie waren so lieb zueinander. Michael hat es die Sprache verschlagen, und ich falle sicher gleich in Ohnmacht. Bitte, bitte, das ist nur ein Traum. Das hat sie nicht getan, ich weigere mich zu glauben, dass sie das getan hat. Da stehen zwei fast gleich aussehende Mädchen, eineiige Zwillinge halt. Aber, eine von beiden hat sich ihre wundervollen langen schwarzen Haare total versaut. Blond gefärbt! Warum blond. Hätte es nicht rot sein können? Oder braun? Meinetwegen auch violett. Aber doch nicht blond!!!
Bevor ich sie fragen kann, ob sie einen Exorzisten oder Zimmerarrest bis diese Farbe rausgewachsen ist vorziehen würde, beginnt sie freudig zu erzählen. "Ist das nicht toll? Endlich verwechselt uns keiner mehr. Jetzt sind wir auch Unikate, wie alle Anderen."
Ach, darum die Verkleidung. Sie wird schon noch herausfinden, dass das Äußere keinen Menschen macht. Warum habe ich nicht bemerkt, weshalb die beiden immer so aufeinander losgehen? Bin ich eine schlechte Mutter? Ziehe ich die anderen Kinder vor? Habe ich sie falsch erzogen? Fragen über Fragen.
Michael nimmt mich in den Arm und flüstert mir zu: "Wir haben nichts falsch gemacht, das ist nur die Pubertät. Lass sie sich ausprobieren. Um eine Zeit bist du auch jeden Monat mit 'ner neuen Farbe angekommen."
Ich bin zwar nicht glücklich über meine "neue Tochter", aber dass mein Mann mich so gut versteht lässt mich wieder lächeln.
Aurora, die nur sicher gespielt hatte, und eindeutig doch Schlimmeres erwartete, atmet erleichtert auf. Was dachte die denn, was ich mit ihr anstellen würde? Etwas Zimmerarrest oder ähnliches? Für wen hält dieses Mädchen mich eigentlich???
Angezogen sind nun endlich alle. Dragina hat sich dafür entschieden, einen grünen und einen rosanen Strumpf anzuziehen (immerhin bedeckt ihr Rock nun den halben Oberschenkel). Sie sagt, anders zu sein bildet den Charakter. Wo hat sie bloß den Schlüssel zu meinem Tagebuch entdeckt? Sie zitiert immer öfter daraus, ganz als wäre es normal, in fremde Intimsphäre einzudringen. Na ja, spätestens am 19.01.2002 wird sie es in die Ecke werfen. Sich (...) bei den eigenen Eltern vorzustellen überfordert eine 17-Jährige. ,Hoffe ich!!!
Eos versucht, uns aus dem Haus zu bewegen, bevor noch jemand auf die Idee kommt sich die Haare (ich kann es nicht fassen!) blond zu färben. Also Treppe runter...
"Auaaaa!", weint unser kleiner Junge herzerweichend.
Was hat er denn nun wieder geschafft? Ich drehe mich um. Gereon, schon in den (äußerst muskulösen) Armen seines Vaters, heult wie ein Schlosshund. "Er ist die Treppe runtergefallen." Erklärt Niccolo mir.
Wieso grinst mich unser Ältester so an? Der führt doch irgendetwas im Schilde. Egal, retten wir zuerst den beinahe in den Tod Gestürzten. Mein armes Baby (er hasst es, wenn ich das sage).
"Ich glaub, ich hab mir das Bein gebrochen", gluckst er. Ist das ein Weinen oder ein Lachen? Was bin ich nur für eine Mutter? Ein Weinen natürlich. Der Junge wäre fast gestorben, und ich denke, er würde lachen.
Wie kann ich nur??? Am liebsten würde ich auch heulen, weil ich so ein garstiger Mensch bin. Ich lasse es, und spiele "gutes Beispiel".
"Los jetzt!", drängelt Eos.
Wir machen uns auf den Weg. Gereon bleibt nun ebenfalls zu Hause. Waren eigentlich jemals alle unserer schulpflichtigen Kinder auf einmal in der Schule? Ich stelle die Frage laut.
"Ja!", ruft Apollonia.
"Am ersten Tag nach den Ferien hast du uns alle hingefahren", pflichtet Aurora ihrem Zwilling bei. "Ist das nicht der Tag, an dem du dich beim Schwänzen hast erwischen lassen?"
Ich wende mich an Eos. Sich schaut verlegen zu Boden. Michael verspricht ihr leise, seine Schulschwänzertricks mit ihr zu teilen. Bin ich froh, dass die Anderen das nicht gehört haben.
Endlich bewegen sich 6 Kinder mürrisch in den Garten und machen sich dann im Kleinbus breit. Zum Glück liegen die von uns besuchten Schulen eng aneinander.
Ich küsse meinen Mann noch einmal, verrate ihm, wo die Baldriantropfen stehen (nicht, dass ich welche in Rasmus' Schnuller gespritzt hätte) und verlasse ihn schweren Herzens. Wir fahren los (nach einer unendlichen Anzahl an Fahrstunden habe selbst ich meinen Führerschein bekommen).
"Warum darf Eos immer vorne sitzen?" fragt Halina trotzig.
"Weil ich mit euch Kindern nichts gemein habe", zickt diese gleich zurück und schaut dabei ihren Zwillingsbruder an.
"Ich bin viel erwachsener als du", weist Niccolo seine Schwester zurecht.
Danke Gott für diese Kinder. Wer hat die bloß so schlecht erzogen? Ähhhh...kein Kommentar.
"Aurora hat gesagt, ihr seid beide infantös", petzt Halina.
"Infantil heißt das!", berichtigt Apollonia.
"Ich bin nicht kindisch!", verteidigt sich der momentan einzige Mann im Bus.
"Ich auch nicht!", fügt Eos hinzu.
Ach meine Süßen, ich bin ja so glücklich, euch zu haben.
"Seid ihr wohl!", besteht Aurora auf ihren Standpunkt und streckt ihnen die Zunge raus.
Ich könnte ihr ja jetzt mitteilen, dass sowohl Zungerausstrecken, als auch sich die Haare blond (erwähnte ich schon, dass ich es nicht fassen kann) zu färben um jemand anderes zu sein auch nicht viel erwachsener sei, aber ich halte mich zurück. Man will ja nicht als Klugscheißer in Verruf geraten.
Ich bin echt happy, wenn ich alle an ihren Schulen abgeliefert habe. Endlich in den schönen ruhigen Alltag starten..... Viele andere Schüler (Oh nein!!!) ...Ich habe acht Stunden, das heißt acht Klassen. In jeder Klasse ca. 30 Schüler... Das sind ja ...bin ich froh, dass ich in Mathe nie aufgepasst habe. Na dann:



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Eingereicht am 30. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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