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Kakies

Von Beate Schumann


Wenn ich meinen Sohn aus der Kita abhole, dann tue ich das niemals ohne Kakies. Das ist seine Lieblingsmusik. Felix ist 2 und nennt "die Kinderlieder aus aller Welt" Kakies, weil er die Kassette von einer Frau namens Katrin geschenkt bekam. Und er liebt sie! Eigentlich spielt sie den ganzen Tag. In seiner Lala, äh, pardon, in seinem Kassettenrecorder. Oder in unserem. Ich finde, sie bildet nicht nur seine Musikalität und sein Rhythmusgefühl, sondern auch noch - ganz spielerisch - sein multikulturelles Verständnis. Er hört Klänge aus der Türkei, aus Lappland, aus Afrika.... Das ist doch ein musikalisches Fundament, wie es besser kaum sein könnte! Sicher könnte ich mir vorstellen, auch mal wieder etwas anderes zu hören - Jazz, Gospel, Pop, oder die Nachrichten im Radio. Aber ich weiß ja, wie wichtig es für die kleinen Persönlichkeiten ist, früh ihren eigenen Geschmack zu entfalten und nicht den elterlichen zwanghaft übergestülpt zu bekommen. Und Musikalität - die echte, natürliche, unverbildete! - beginnt eben schon in der Wiege.
Wir hören die Kassette auf dem Heimweg dann im Auto. Wenn "Das Känguru hüpft boing-boing" zuende ist, kommen wir meist an. Das sind Erfahrungswerte. Känguru ist zur Zeit sein Lieblingslied. Danach können wir aussteigen. Sein Interesse gilt dann mehr der Haustürklingel. Oder dem Nachbarhund, der gerade vorbeiläuft.
Nicht so neulich. Wir waren zwar schon aus dem Auto gestiegen, standen aber auf dem Bürgersteig. Das heißt, ich stand. Mein Sohn lag brüllend vor dem Auto: "Mehr Kauwau!" Rasch kramte ich die schon eingepackte Kakies-Kassette aus der Tasche, öffnete die Autotür. Felix wollte vorne sitzen und krabbelte auf den Beifahrersitz. So saßen wir dann im parkenden Auto. Ich auf dem Fahrersitz, Felix neben mir. "Das Känguru hüpft boing-boing...." Er bestand darauf, den Kassettenrecorder selbst zu bedienen. Und Selbstständigkeit muss gefördert werden - da sind sich die meisten Pädagogen einig. "Boing-boing, Känguru, boing-boing Känguru....." Fast jedes zweite Mal schob Felix die Kassette schon richtig herum rein. Ich war mächtig stolz. Nach 10 hüpfenden Kängurus war mir kalt und ich wagte einen Versuch. Die Verfasser kluger Ratgeber für Eltern schwören ja meist auf liebevolle Ablenkung. Ob Felix nicht mit mir lieber einen Lego-Turm bauen wolle oder in der Wohnung das Känguru-Buch ansehen? "Mama-Auto Kauwau hön!", brüllte er mir entgegen. "Boing-boing Känguru, paßt auf und fallt nicht hin...." Es wurde dunkel. Die Nachbarn kuckten irgendwie komisch. Ich pfiff auf die Elternratgeber und versprach ihm Gummibärchen und Smarties. "Mehr Kauwau!" Ich versprach ihm, dass wir oben noch ganz oft das Känguru hören können und Gummibärchen soviel er will. "Mama-Auto Kauwau hön", zeterte mir Felix schon ein bisschen hysterisch entgegen. Ich fragte mich, ob Leute, die kluge Bücher für Eltern schreiben, keine Kinder haben. Oder ob sie welche haben. Aber sadistische Neigungen. Ob trotz der Kinder oder wegen. Die Autoscheiben waren beschlagen. Ich konnte sowieso nichts sehen, denn es war dunkel. "Boing-boing Känguru, passt auf und fallt nicht..." Mit einem energischen Druck auf den "Eject" Knopf schnappte ich mir Kakies. Dann mein schreiendes, strampelndes Kind. "Kauwau! Mehr Kauwau!" Im Schutz der Dunkelheit sprang ich so rasch ich konnte in die Wohnung. Felix wälzte sich schreiend auf dem Boden. Ich sah nach, ob alle Fenster geschlossen waren. Nach einer halben Stunde schlug mir mein Sohn auch nicht mehr die Gummibärchen aus der Hand. Es wurde dann noch ein friedlicher Abend. Ich warf das neue Buch "Spielend durch die Trotzphase" in den Müll. Felix wollte erst nicht schlafen gehen. Aber dann ging er doch. Seinen Kassettenrecorder nahm er mit. Aus dem Kinderzimmer klang es "Boing-boing Känguru..." Es war Mitternacht.



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Eingereicht am 17. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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