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Elfensporn-Kick

Von Beate Schumann


Kennen Sie das? Der Atem geht schneller, wird flacher, fast hechelnd, das Herz schlägt wild und irgendwie lauter. Die Hände werden feucht und zittern. In Ihrem Kopf gibt es nur noch diesen einen, nicht mehr zu unterdrückenden Gedanken: Sie müssen es haben, jetzt, sofort. - Dann geht es Ihnen genauso wie mir. Weil das bei mir schon länger so ist, habe ich nachgeforscht, was das bedeutet. Die Antwort ist so eindeutig wie niederschmetternd: Sucht! Nun kann man nach allem Möglichen süchtig sein: Alkohol, Drogen, Sex..... In meinem speziellen Fall sind es Blühpflanzen, also Blumen, die man im Garten pflanzt, in der Hoffnung, dass sie dann auch blühen. Die Blüte ist der Kick, auf den es ankommt. Bleibt die Blüte aus, treibt es mich tage- und wochenlang in Gartencenter, Baumschulen und Pflanzenmärkte. Immer auf der Suche nach neuen Objekten der Begierde, die schon in voller Blüte stehen. Ich habe meinen Zustand bis vor kurzem als harmlos und unauffällig eingeschätzt. Meine unstete Suche nach wirklich blühenden Pflanzen ist objektiv begründbar, redete ich mir ein. Denn diese Gartencenter sind in Wahrheit ja eine Art Mafia! Das kann ich beweisen und - wenn es darauf ankommt -, vor Gericht auch offenlegen: Sie verkaufen zum Beispiel Glycine. Das sind - für Nicht-Eingeweihte - diese riesigen grünen Gewächse, die Mauern, Torbögen und Vordächer beranken und im Mai so üppig blühen; in riesigen Trauben lila oder violett...... es kostet schon ziemlich viel Vorstellungsvermögen, dieses Bild vor Augen zu haben, wenn man die kleinen, mickrigen und unansehnlichen Pflänzchen kauft. Damit man das trotzdem tut, haben die Gartencenter-Mafia-Bosse ihnen kleine Schilder umgehängt, auf denen die wunderschönsten Exemplare in voller Blüte abgebildet sind. Ach was, ich untertreibe! Die Schilder sind nicht klein; sie sind größer als diese mickrigen Gewächse und deshalb starrt man so verliebt auf die Fotos.
Das sind die üblichen Werbetricks? Der Aufregung nicht wert? Vielleicht, wenn das alles wäre. Aber die wahre Folter kommt noch. Der Blumenfreund - in dem Fall also ich - geht verzückt mit 2 solch völlig überteuerten Kräutern nach Hause. Sucht im heimischen Garten liebevoll einen Platz. Gräbt sie ein. Bewirtet sie nach feinster Gärtner-Art. Und dann? Im ersten Jahr bin ich zur Blütezeit der Glycine (der allgemeinen, nicht der besonderen) jeden Tag voller Ungeduld aus dem Haus gerannt. Manchmal auch mehrmals am Tag. Nur um zu sehen, ob sie schon blühen. Im zweiten Jahr habe ich immer einen Tag dazwischen ausgelassen. Im dritten bin ich manchmal wochenlang nicht hingegangen und habe diesen blütenlosen Platz gemieden. Im vierten habe ich mich schweren Selbstvorwürfen ausgesetzt. Gab ich ihnen nicht alles, was sie brauchten? Fehlte ihnen etwas? Im fünften kam die Wahrheit dann an den Tag. Ich klagte mein Leid einer alten, erfahrenen Gärtnerfrau. Ihre Antwort verschlug mir die Sprache. Glycine blüht immer - aber erst im achten Jahr; manchmal auch später. Natürlich war ich versucht, die beiden Pflanzen auszugraben und sie dem Gartencenter-Mafia-Boss empört vor die Füße zu werfen. Denn davon stand nichts auf den umgehängten Schildern mit den hübschen Fotos, die die Pflanzen übrigens bis heute tragen, damit sie nicht vergessen, was ihre eigentlichen Lebensziele sind. Doch von dem Plan, die blütenlosen Glycine den Betrügern unter die Nase zu halten, kam ich schnell ab. Die beiden messen inzwischen gut 2 Meter und sind völlig miteinander verwachsen.
Also blieb ich ruhig und die nicht blühenden Pflanzen in der heimischen Erde. Dieses Jahr ist das achte Jahr und ich hatte, wie Sie sich denken können, größte Mühe, nicht stündlich nach dem Blühbeginn zu sehen, um ihn ja nicht zu verpassen. Noch immer sehe ich ungläubig zu, wie die einzige Blüte langsam verwelkt.
Meine Vermutung ist ja, dass diese Gartencenter-Mafiosi dies alles bewusst verschweigen. Der Plan ist so unmenschlich wie raffiniert: Labile Blumenfreunde wie ich werden "angefixt". So nennt man das in der Drogenszene. Und wie auch dort, wird das Verlangen nach mehr "Stoff" und immer höheren Dosen systematisch geweckt. Meine eigene Sucht habe ich erst kürzlich erkannt; denn, wie gesagt, bislang hielt ich das alles für normal und begründbar.
Sie können sich sicher vorstellen, wie ich all die blütenlosen Jahre gelitten habe. Wie ich ruhe- und rastlos von einem Gartencenter in den nächsten lief; die Einkaufswagen gleich grünen, blühenden Inselchen vor mich her zur Kasse schob. Mit rotem Kopf, offenem Mund und schwitzend im Garten all die neuen Blüh-Geschöpfe in der Erde versenkte. Sie goss, mit ihnen sprach und mit einem Glas Prosecco auf ihre blühende Zukunft anstieß. Das letzte Gartenjahr endete mit dieser Bilanz: 20% fielen dem Schneckenfraß zum Opfer; 10% hat der Wind vor der Blütezeit geknickt; 10% haben die Blattläuse auf dem Gewissen und weitere 10% haben meine heimische Erde aus persönlichen Gründen abgelehnt.
Damit muss man leben, dachte ich seufzend und beschloss, im nächsten Jahr Zurückhaltung beim Pflanzenkauf zu üben. Einen großen Bogen um Gartencenter machen; keine Prospekte und Blumen-Kataloge ansehen und die gespeicherten Online-Blumen-Shops im Internet löschen. Das waren die festen Vorsätze fürs neue Jahr. Der Winter ging, der Frühling kam. Ich blieb standfest, sieht man von den etwa 50 Samentütchen lustiger, kleiner Blümchen und den rund 100 Zwiebelchen, aus denen einmal Lilien sprießen sollen, einmal ab. Und das, obwohl sich die Bilanz für das letzte Gartenjahr verschärfte. Zu den bereits erwähnten 50% kamen mindestens 10% hinzu, die selbst im Mai noch unter dem litten, was ich nur als "Mickerwuchs" und "wahrscheinlich-nie-mehr-blühende-Kümmerexistenz" bezeichnen kann. Der Schock kam aber, als mir klar wurde, dass die schönsten Exemplare des vergangenen Sommers "Einjährige" waren! Noch völlig betäubt von dieser Erkenntnis, lehnte ich mich, nach Atem ringend, aus dem Fenster. Mein Blick fiel auf die kahle Stelle, wo letztes Jahr der Elfensporn seine zart lachsfarbenen Blüten unermüdlich ausgebreitet hatte. Eine Träne rann mir die Wange hinunter. Sie war noch nicht getrocknet, da rannte ich durch das nächstgelegene Gartencenter. Eine Odyssee durch Gärtnereien, Pflanzenmärkte und Blumenläden begann. Nirgends gab es Elfensporn. Überall Kopfschütteln, Achselzucken. Ich gab nicht auf; werde es nicht tun; kann es auch gar nicht. Denn Sie wissen ja, wie es um mich steht! Die Gartenpflanzen-Dealer haben mich längst in ihren Fängen. Ich komme alleine nicht mehr los. Angefixt von Pflanzen, die wahrscheinlich erst im nächsten Jahrhundert blühen und wunderschönen einjährigen Blumen, die es im nächsten Jahr nicht mehr gibt. Ach was, die bewusst nicht mehr verkauft werden! Warum? Damit der Leidensdruck erhöht wird. Damit fremder, neuer, gar gestreckter und gepanschter Stoff gekauft wird. Denn natürlich habe ich jede dieser Garten-Drogen-Höllen enttäuscht verlassen; aber nie ohne einen Einkaufswagen, der einem kleinen mobilen Dschungel glich. Das Richtige ist nicht dabei; der Kick blieb aus. Und deshalb muss ich weitermachen......
Gegen diese starke Mafia, die, wie mir scheint, im Sommerhalbjahr die ganze Republik in ihrer Hand hat, komme ich alleine wohl nicht an. Seitdem mir durch Experten-Wissen der Suchtforscher die Augen geöffnet wurden, sehe ich das alles viel klarer. Nicht nur, was meinen eigenen Zustand betrifft. Nein, ich sehe auch, dass ich aufgefordert bin, das Leiden von vielen Menschen zu lindern, denn ich bin keineswegs allein. Achten Sie einmal auf die verzerrten Gesichter der Menschen, die in Gartencentern einkaufen. Auf ihre hektischen Bewegungen. Auf die langen Schlangen vor den Kassen. Haben Sie sich nicht schon einmal gefragt, warum so auffallend viele Leute lange vor der Ladenöffnung im Gelände umherstreifen? Ich kann Ihnen die Antwort geben: Diese armen Kreaturen haben die Kontrolle über ihren Konsum längst verloren. Sie haben starke Entzugserscheinungen und müssen ihre Dosis steigern, um in den erstrebten Rauschzustand zu kommen. Das führt logischerweise zu einer Einengung des Verhaltens. Und seitdem ich erfahren habe, dass Sucht agressiv-destruktive Gefühle bis hin zum Selbstmord erwecken kann, bin ich davon überzeugt, dass ich etwas tun muss. Wie das konkret aussehen kann; daran arbeite ich noch. Eine Selbsthilfegruppe gründen? Die Anonymen Blühpflanzen-Abhängigen? Einen Massenprozess gegen die Gartencenter-Mafia anfangen, wie man das in Amerika sicher täte? Einen aufrüttelnden Bestseller schreiben mit vielen praktischen Tipps für Betroffene? Ein Netzwerk gründen, wo sich Leidensgenossen untereinander austauschen können? Ich arbeite daran und Sie können mir dabei helfen. Das Schwierigste ist die Selbsterkenntnis. Wenn dieser erste Schritt einmal getan ist, überstehen wir die harte Phase des Entzugs gemeinsam. Sie werden sehen, dass ist gar nicht so schwer. Ich werde jeden Leidgenossen darin unterstützen, wo und wie ich nur kann.
Sobald ich aus diesem Laden zurück bin, in dem es Elfensporn geben soll....



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Eingereicht am 17. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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