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Grand Zeppelin

Von Renate Probst


Die Eingangstür des GRAND ZEPPELIN RESTAURANTS war prachtvoll geschmückt. Die bunten Lichter ließen das Restaurant einer Fata Morgana in einer öden, grauen Stadt gleichen.
Das Gelächter im Inneren des Restaurants hörte sich ebenfalls unreell an. Bei uns in der Stadt, man nennt sie auch die verlorene Stadt, ist selten was los. Deshalb schien die Freude der Gäste ein Wunder zu sein.
Wir stiegen die glänzenden Marmorstufen hinauf und meine Freundin bewegte sich im Takt der immer lauter werdenden Musik. Ich dagegen ging mit gesenkten Kopf die Treppen hinauf, die für mich endlos schienen. Meine Freundin machte mich auf die Blumen, die man um das Restaurant angelegt hatte, aufmerksam. Es waren bezaubernde Blumen verschiedener Arten, die einen frischen Duft verbreiteten, das jedenfalls meinte meine bessere Hälfte. In meinem Gesicht spiegelte sich jedoch Langweile. Ich hörte ihr gar nicht zu. In meinen Gedanken saß ich schon in meinem Sessel und schaute mir ein viel interessanteres Fußballspiel an. Ich hatte überhaupt nicht vorgehabt Essen zu gehen. Doch meine Freundin bestand darauf, dass wir die Eröffnung des ersten Restaurants in unserer Stadt besuchten. Und nun standen wir vor der verzierten Glastür und zum ersten Mal an diesem ergebnislosen Abend blickte ich vom Boden auf. Die Tür zog uns förmlich an. Es war als ob sie uns hereinbitten wollte. Ich streckte meine Hand aus und berührte die goldene Türklinge. Als ich die Tür aufmachen wollte, wurde sie schon von innen geöffnet und ein schlanker, strahlender Portier blickte uns beide an. Er ging zur Seite, damit wir eintreten konnten. Ich ließ meine Freundin vor mir hineingehen und betrat dann auch das Restaurant. Kaum war ich ein paar Schritte gegangen, in der Hoffnung so schnell wie möglich das Restaurant verlassen zu können, verschlug es mir fast die Sprache. Mit halb offenem Mund stand ich im Foyer und gaffte die Gäste an. Ich merkte gar nicht wie mir der Portier die Jacke ausziehen wollte. Ich stand nur so da, wie ein hypnotisierter Vollidiot. Fragend schaute ich zu meiner Freundin rüber, die sich bereits halb nackt zu den übrigen nackten Gästen hinüber gesellte und noch während des Laufens weitere Kleidungsstücke von sich nahm. Ich stand immer noch regungslos da. Erst jetzt erkannte ich meine Eltern, die sich angeregt mit meiner Freundin unterhielten. Plötzlich unterbrachen sie ihr Gespräch und baten mich zu ihnen. Ich war schon auf dem Weg, als ich eine Hand auf meiner rechten Schulter spürte, die mich zurück hielt. Ich drehte meinen Kopf und erkannte den Portier von vorhin. Er fragte mich, ob ich mich nicht auch ausziehen wolle. Doch ich missachtete ihn und ging meines Weges Richtung Eltern. Doch statt mich freudig zu empfangen, starrten sie mich fassungslos an, als wäre es etwas Unnormales angezogen in ein Restaurant zu gehen und dort zu speisen. Auch die anderen Gäste hörten auf zu essen und zu reden und schauten mich empört und überrascht zugleich an. Mütter hielten ihren Kindern die Augen zu. Manche Jugendlichen fingen an zu kichern oder lagen auf dem Boden und lachten sich fast tot. Ich merkte wie ich rot anlief und ich fing an mich zu schämen. Mir wurde klar, dass ich mich wohl oder übel ausziehen musste. Das erkannten auch meine Eltern, erhoben sich und meine Freundin wollte mein Hemd aufknöpfen. Da bekam ich die Panik und rannte auf die Eingangstür zu. Fast hätte ich sie erreicht, doch ich stolperte über meine eigenen Füße - so tollpatschig wie ich war - und landete auf dem Boden. Nicht im Restaurant, sondern in meinem Zimmer. Ich lag verschwitzt neben meinem Bett und sah noch die traumhaft geschmückte Eingangstür des GRAND ZEPPELIN RESTAURANTES, bevor ich wieder einschlummerte.



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Eingereicht am 17. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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