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Telefonieren - reine Nervensache!

Von Gerda Häusler


Sie glauben mir nicht?
Dann müssen Sie entweder männlich oder kinderlos sein.
Die Mütter unter uns wissen, wovon ich rede.
Der Stress fängt sofort nach dem Aufstehen an.
Wo sind meine rutschfestesten Schuhe? Bestimmt hat wieder eines meiner lieben kleinen Monster sie als Barbie-Bett oder als Piratenschiff zweckentfremdet. Wie jeden Morgen renne ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung und suche verzweifelt nach meinen Schuhen. Mit jedem durchsuchten Zimmer wird meine Stimmlage höher, bis sie nicht mehr von einer Fabriksirene zu unterscheiden ist.
"KINDER; WOOO SIND MEINE SCHWARZEN SCHUHE?"
"Schau doch mal in den Schuhschrank", sagt meine Tochter in einem Ton, als hätte ich nicht mehr alle beisammen.
Die machen mich noch ganz kirre, die Gören!
Tatsächlich, da sind sie. Dem Himmel sei Dank!
Ohne diese Schuhe bin ich nämlich völlig aufgeschmissen, wenn das Telefon klingelt.
Just in dem Moment, als könnte es meine Gedanken lesen, bimmelt das verflixte Teil.
Mein Adrenalinspiegel steigt in schwindelnde Höhen, mein Kreislauf spielt verrückt, meine Augenlider flattern und meine Beine fangen an zu rennen, ohne dass ich was dafür könnte.
Aus allen Rillen, Ritzen und Löchern kommen Kinder geschossen, die schneller sein wollen als ich.
Wo kommen die alle her?
Das können doch unmöglich alle meine sein!
Habe ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung noch welche adoptiert oder haben sich die Nachbarskinder auch noch gegen mich verschworen?
Na, egal, ich werde sie später aussortieren.
Jedenfalls habe ich diesen Wettlauf wieder mal gewonnen.
Und das ist eine olympiareife Leistung, wenn man bedenkt, dass ich schon das eine oder andere Jährchen auf dem Buckel habe.
Mit feuerrotem Schädel, schweißnassen Haaren und heraushängender Zunge melde ich mich.
"Hallo?"
Meine kinderlose Freundin ist am anderen Ende der Leitung.
"Wieso bist du so außer Atem?"
"Och, ich mache gerade meine Morgengymnastik. Du weißt ja, in fortgeschrittenem Alter wird die Konkurrenz immer größer."
Ha, wenn die wüsste, dass drei Kinder vollkommen ausreichen, um in Sachen Fitness konkurrenzlos zu bleiben.
"Wer macht bei dir im Hintergrund so einen Radau?", fragt sie vollkommen ahnungslos.
Horden von Kindern marschieren mit Trommeln, Töpfen und Holzlöffeln durchs Wohnzimmer und versuchen mich so an die Grenze zum Wahnsinn zu treiben.
"Radau? Wie? Wo? Ach so! Bei uns vor der Haustüre findet eine Demonstration statt. »Deutschland braucht mehr Kinder« Ich habe meinen Beitrag geleistet. Wie ist es mit deinem?"
Währenddessen räumt mein Beitrag mir sämtliche Küchenschränke aus. Na ja, sie mussten sowieso mal ausgewaschen werden, da ist man als Mutter flexibel.
Meine Freundin überhört diese Frage geflissentlich.
"Was machst du denn heute noch so?", will sie wissen.
"Weiß nicht, vielleicht lese ich ein bisschen oder ich nehme ein Entspannungsbad oder so."
Wohl eher "oder so".
Aus den Augenwinkeln sehe ich Messer, Scheren und Rasierklingen blitzen. Pistolen, Schwerter und die dazugehörigen Kinder wirbeln durch die Luft.
Jetzt nur nicht nervös werden!
Seit Jahren erzähle ich meiner Freundin in regelmäßigen Abständen, dass die lieben Kleinen mein höchstes Glück sind.
Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund scheint sie mir das nicht so ganz abzukaufen.
Allerdings muss ich gestehen, dass meine Brut in den Augenblicken, wo ich vor Mutterglück und Mutterstolz zerfließe, meistens mit einem seligen und zufriedenen Lächeln auf den süßen Lippen im Bett liegt und schläft.
Ja doch, zuweilen machen sie das. Schlafen, meine ich.
Mit einem Ohr höre ich, dass im Badezimmer irgendwas zu Bruch geht. Hoffentlich haben sie Schuhe an. Bleib locker, Mutter, wird schon nix passieren, versuche ich mich selbst zu beruhigen.
"Vielleicht können wir heute Nachmittag einen Kaffee zusammen trinken", schlägt meine Freundin vor.
Die hat Nerven. Sollte ich in diesem Leben jemals wieder einen Kaffee trinken können, muss ich vorher noch Berge von undefinierbaren Scherben zusammenfegen, 6 Knäuel Wolle entwirren, ein inzwischen unter Wasser stehendes Badezimmer putzen, den Sand aus dem Wohnzimmer wieder in den Garten befördern, das Kinderzimmer wieder so herrichten, dass man es als solches wiedererkennt und mindestens drei der schätzungsweise zweiundfünfzig Kinder in meinem Haus darauf hinweisen, dass ab morgen die Prügelstrafe wieder eingeführt wird.
"Was ist denn nun mit dem Kaffee?"
Sie lässt nicht locker.
Hat da nicht eines der Bälger ein Feuerzeug in der Hand?
Quatsch, bleib cool. Sie wissen doch, dass sie das nicht dürfen. Bisschen mehr Vertrauen, bitte sehr.
"Tja, ähm, Kaffee? Wie, wann, wo?"
Ein wenig kribbelig werde ich doch. Ruhelos irrt mein Blick durchs Zimmer. Die Hand, welche den Hörer hält, fängt ganz leicht an zu zittern. Verdammt, wieso ist die Telefonschnur so kurz. Morgen werde ich mir ein schnurloses Telefon kaufen.
Das scheint mir schonender für die Nerven zu sein.
Wieso ist es plötzlich so still - und wo sind meine Kinder?
"Mmh, ja, wo waren wir stehen geblieben? Kaffee, ach ja!"
Und wenn mir nicht urplötzlich dieser eigentümliche Benzingeruch in die Nase gestiegen wäre, hätte ich mich womöglich zu einem Kaffee überreden lassen.
Ich denke, jetzt ist der Moment gekommen, wo ich langsam einschreiten sollte. Meine Stimmbänder schwellen zu überdimensionaler Größe an. Fast wäre es mir gelungen, das Martinshorn der Feuerwehr zu übertönen.
Was habe ich eingangs gesagt?
Telefonieren - reine Nervensache?
Dann habe ich leicht untertrieben.
Ich fürchte, eines nicht allzu fernen Tages wird man mich in meinem angekokelten Telefonsessel finden.
Mit schreckgeweitetem Blick, den Hörer noch in der Hand, abgemagert bis auf die Knochen und bereits hyperventilierend werde ich meiner Freundin noch erzählen: Kinder sind was Wunderbares!!!




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Eingereicht am 31. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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