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Fast das Ende einer Ehe

Von Gerda Häusler


Schon wieder so ein Tag, wo mir bereits zehn Minuten nach dem Aufstehen klar ist, ich wäre besser liegen geblieben.
Kein Kaffeepulver im Haus, 3 neue Falten im Gesicht und die Kinder haben Ferien. Die Katze kotzt gerade auf den Teppich und mein Mann schreit sich in der Einfahrt die Seele aus dem Leib: "Ich bin 45 Jahre alt und ich weigere mich, mit einer Mickey-Mouse-Butterbrotdose ins Büro zu fahren."
Zu allem Überfluss öffnet meine Tochter den Backofen und fragt: "Mami, warum haben die Kartoffeln so lange Haare?"
Na ja, zugegeben, manchmal bin ich ein wenig vergesslich.
Wenn nicht eine nette Krankenschwester mir das Baby hinterhergetragen hätte, wäre unser jüngstes Kind im Krankenhaus aufgewachsen.
So, was war das gerade? Ach ja, Kaffeepulver. Ohne meinen Morgenkaffee bin ich in etwa so genießbar wie mein angebrannter Spinat von gestern.
Wo, zum Teufel, sind die verdammten Autoschlüssel? Da, wo sie hingehören, sind sie jedenfalls nicht. In fieberhafter Hektik durchsuche ich die ganze Bude. Nichts.
Herrgottnochmal, wo, wo, wooooo?
Na, dann muss ich halt mit dem Drahtesel fahren, der, wenn mich nicht alles täuscht, in der Garage stehen müsste. Und tatsächlich, ich hab ihn auf Anhieb gefunden. "Heilige Ordnung, segensreiche Himmelstochter."
Doch was ist das da unten in der Ecke?
Eine kleine silberne Kiste, die mich so unverschämt anstrahlt, als wollte sie sagen: Siehst du, so hat dein Badezimmerregal auch mal geglänzt.
Pah, dieser stumme Vorwurf prallt an mir ab wie der Blick meiner Schwiegermutter, wenn sie ihre ungebügelten Enkel begutachtet.
Nichtsdestotrotz werde ich neugierig. Ich hebe dieses glitzernde Etwas auf und versuche es zu öffnen. Ohne Erfolg. Dies ist wohl wieder einer von diesen 363 Tagen im Jahr, wo alles schiefgeht.
Himmel, Arsch und Zwirn, wie kriege ich das verfluchte Teil auf?
Kein Knopf, kein Haken, keine Öse.
Langsam werde ich nervös. Was ist da drin?
Bestimmt gehört das Ding meinem Göttergatten. Und da ist irgendwas drin, was er vor mir verstecken muss.
Nacktaufnahmen von Verona Feldbusch? Na, da könnte ich mit leben. Der wäre mein Mann wahrscheinlich geschenkt noch zu teuer.
Oder sein Tagebuch? Mmh, was hat dieser mir Angetraute für dunkle Geheimnisse?
Vielleicht sind es aber auch Liebesbriefe von einer mir bis dato unbekannten Schönheit. Oh, Gott, das wird es sein. Mein Mann geht fremd!
Mein Mann geht fremd!!!!
Sicher, es ist kein besonders reizvoller Anblick, wenn ich mich morgens aus dem Bett rollen lasse, um auf allen Vieren herumliegende Socken aufzusammeln.
Aber deswegen braucht er noch lange nicht fremd zu gehen.
Klar, meine Figur hat auch schon bessere Zeiten gesehen.
Ist das etwa ein Grund, mich zu betrügen?
Dieser Schuft! Dieses gefühllose Ungeheuer!
Sein Body lässt mir auch schon lange nicht mehr das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Letzte Woche im Schwimmbad wollte ein Junge seinen Schwimmreifen ausleihen.
Dabei hatte er gar keinen Schwimmreifen um. Suche ich mir deswegen den nächstbesten Muskelprotz, um mit ihm ins Bett zu hüpfen?
Na warte, komm du mir heim! Da schufte ich schweißtriefend den ganzen Tag, schmeiße mich selbstlos und todesmutig auf die Waschmaschine, wenn sie durch die Küche tanzt, riskiere Leistenbrüche, wenn ich die Etagenbetten deiner missratenen Gören überziehe und du, du amüsierst dich mit irgendeiner dahergelaufenen Schlampe, die vermutlich ihre ganze Energie darauf verschwendet, ihre Fingernägel zu maniküren.
Nicht mit mir, du Möchtegern-Lover, nicht mit mir!
Ich werde sofort unseren Anwalt anrufen, um die Scheidungsformalitäten durchzusprechen. Wie heißt dieser Mensch noch mal?
Scheiße, jetzt fällt mir der verflixte Name nicht ein.
Und was wollte ich überhaupt in der Garage?
In diesem Augenblick kommt mein Mann zur Türe rein, nimmt mir dieses hochglänzende Beweisstück seiner Untreue aus der Hand und grinst mich blöde an.
"Na, mein Schatz, ich dachte, ich hätte es gut versteckt."
"Nein, das hast du nicht, du A......" Da kommen Kinder reingelaufen, die mir seltsam bekannt vorkommen, und fangen an zu singen:
"Happy birthday to you, happy...."
Der beste Ehemann der Welt überreicht mir mit seinem charmanten Lächeln dieses wunderschöne Kästchen und sagt: "Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz, warte, ich helfe dir, es zu öffnen. Mit seinen unglaublich geschickten Fingern hebt er den Deckel und holt einen Umschlag raus.
Was wird das wohl sein?
Ein Gutschein über ein Wellness-Wochenende?
Oder gar ein handgeschriebener Liebesbrief?
Mit zittrigen Händen und einem Herz voller Liebe falte ich den Zettel auseinander.
Es ist die Anmeldung zu einem Volkshochschulkurs: Gedächtnistraining für Senioren!!




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Eingereicht am 31. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.