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Als ich heiraten wollte

Von Felix Tim


Als ich heiraten wollte, war ich nicht zurechnungsfähig. Nein, nicht dass ich betrunken gewesen wäre oder verrückt. Ich dachte nur, wie schön das wäre… ein romantischer Augenblick, ein Blick voller Entzückung, eine vertraute Stimme… "JA ich will"… und das war's.
Es kam alles anders. Nicht der Augenblick, nicht das JA. Das kam alles. Ich meine die Zeit danach. Sie wissen es nicht, aber ab dem Moment wo man sich noch über das "JA" der Partnerin freut, ist sie schon in der Planung. Vier Minuten nach dem "JA" fragte sie mich nach einem Termin. Was für ein Termin meint sie? Ach ja, den Hochzeitstermin natürlich. "Keine Ahnung… Sommer…" "Warum gerade Sommer?"
"Naja, so halt… is warm." "Was ich für Besteck haben möchte zur Feier." Besteck? Messer, Gabel, vielleicht kleine Löffel. Man ist auf solche Fragen nicht gefasst. Man sollte es aber. Ich habe gedacht, ich frag sie und dann schauen wir mal. Ganz falsch. Man fragt, sie antwortet und sie ist schon in Gedanken so weit, wie ich es höchstens neun Tage vor der Hochzeit gewesen wäre. "Hochzeitsringe in Weißgold oder normales"? Gibt es da einen Unterschied? "Was schreiben wir auf die Einladungskarten"? Ich hatte noch nicht einmal den Schock des "Ja" verkraftet… "die Einladungskarten"!!! Wir laden euch ein… halt zur Hochzeit, oder so. "Wo heiraten wir eigentlich"? Das konnte ich beantworten!!! Auf dem Standesamt! Sie meint die Örtlichkeit. Wir befinden uns jetzt in der neunten Minute nach dem "Ja". Später habe ich mir eine Strategie überlegt. Ich sag erst mal nix. Nur so was wie: "Das müssen wir uns gut überlegen" Das gibt einem einen Aufschub von zwei bis drei Tagen. Es hilft einem nicht wirklich weiter aber man hat einen Aufschub. Die Planung so einer Hochzeit beginnt erst wirklich spannend zu werden, wenn der Termin festgelegt werden muss. Dann wird's ernst. Nachdem ich Urkunden, Nachweise erbracht habe, dass ich lebendig bin, dass ich ich bin, dass das Ich, das ich bin, deutsch ist, zumindest ein großer Teil davon, ging es aufs Standesamt. Nicht zur Hochzeit, nein so weit waren wir noch lange nicht. Antrag zur Eheschließung. Wir gingen hin. Ich dachte immer, Frauen auf Standesämtern seien hässliche dicke Frauen im Vorrentenalter. Bei uns war das anders. Eine schlanke attraktive Frau von 22 saß am Schreibtisch, bei der ich höchstens das Bedürfnis hätte einen neuen Reisepass zu beantragen. "Zur Eheschließung?", fragte sie mit erotischer Stimme. Ich? Eheschließung? Ach ja, ich war gemeint. Nun ja, ich war bereit. Belehrung: Haben Sie Kinder, für die Sie unterhaltspflichtig sind? Na, ich hoffe nicht. Verschweigen Sie eine Ehe? Ha!!! Eine Ehe verschweigen? So was Blödes habe ich noch nie gehört. Wenn ich das alles schon mal hinter mir hätte, würde ich das bestimmt nicht verschweigen. Ich würde es hinausschreien, "ich habe schon mal eine Ehe geschlossen, bitte verschont mich"!!! Welchen Namen würde man annehmen? Man(n) würde gar keinen Namen annehmen. Ich behalte natürlich meinen. Nach mir die Sintflut. Ich würde das als Argument nicht unbedingt meiner zukünftigen Frau erzählen, wir einigten uns. Sie bekommt meinen Namen, dafür verliere ich meine Freiheit, Persönlichkeit, Einkommen und die Möglichkeit mit der Frau von 22 einen Kaffee trinken zu gehen. Na ja, anderthalb Stunden später beantragten wir es. Ich dachte noch kurz über den Kaffee nach… Ich verwarf diese Idee als die Dame mit der erotischen Stimme sagte: "37 EUR bitte" Wofür? "Eine Gebühr für den Antrag auf Eheschließung". Die Frau wurde mir schlagartig unsympathisch.
"Plus 10 EUR für den Nachweis, dass Sie hier in unserer Stadt wohnen". Als ob es nicht Strafe genug wäre in einem bayrischen 6000-Seelen-Dorf zu leben, jetzt muss ich auch noch dafür bezahlen. Ich zahlte und wir gingen. Ich befürchtete kurz, dieser Satz würde sich durch meine Ehe durchziehen, wie ein roter Faden. Ich zahlte und wir gingen. Eine Aufgabe hatten wir noch zu erledigen. Unsere Eltern. Wir mussten es ihnen sagen. Nun, nicht unbedingt aus Gründen von Liebe und familiärer Verbundenheit, aber irgendjemand musste ja den ganzen Quatsch bezahlen. Also gingen wir hin. Meine zukünftigen Schwiegereltern. Nette Menschen. Wir drehten voll auf. Wir haben etwas Wichtiges zu sagen… bla bla wir wollen heiraten und so. Meine Schwiegermutter in spe stand auf (jetzt will sie mich bestimmt umarmen, mich den Schwiegersohn!) "Möchte noch jemand einen Kaffee?" Ich für meinen Teil wollte einen doppelten Schnaps aber ich verkniff mir, diesen Wunsch zu äußern. Sie hielten es im ersten Moment für ein Scherz. Ein Scherz? Ist auch eine Art Verdrängungstaktik, nicht schlecht, nicht schlecht, dachte ich mir. Ein Scherz. Ich würde eher Witze über mobile ethnische Minderheiten machen als über so was. Nun ja, sie verstanden es und sahen auch den ernst der Lage. Ich machte keine Späße. Bin kein spaßiger Mensch. Meine Eltern freuten sich auch. Mein Vater, ernster Analytiker betrachtete es als eine "logische Schlussfolgerung" und eine "positive Weiterentwicklung einer emotionalen Bindung." Meine Mutter freute sich, legte einen Ordner "Hochzeit" an, tauschte neue Ideen zum Thema Örtlichkeit, Besteck und Hochzeitstermin aus. Ich war vorerst aus der Sache raus.
Wir hatten alles geschafft… für den Anfang… es gab ja noch unzählige Dinge zu erledigen. Leider fiel mir nie auf, welche Dinge - ein Kapitalverbrechen. Dieses Verbrechen wird geahndet mit bösen Blicken voller Unverständnis, ich schau dann immer zurück oder einfach weiter in den Fernseher. Wir gingen später zu moderner Form des Zusammenlebens über: Sie denkt sich alles aus, lenkt, organisiert, dirigiert, fragt und ich antworte immer mit ja ja ja ja ja ja ja ja ja. Jetzt denken Sie bestimmt, es ist beschwerlich immer ja ja ja ja ja zu sagen, aber was denken Sie, wie schwer mein Leben erst sein wird, wenn ich mal "nein" sage.
Dann müsste ich Alternativen diskutieren zu Themen: Höhe des Raumes für die Feier, Höhe der Finanzierung für die Höhe des Raumes für die Feier, die Farbe meines Anzugs, die Farbe ihres Kleides, die Möglichkeit der Veränderung ihrer und meiner Augenfarbe passend zur Farbe ihres Kleides; die Farbe der Einladungen, die Farbe der Schrift für die Einladungen, die Farbe und Konsistenz des Essens, Größe des Raumes - proportional zur Höhe der Finanzierungen, Größe der Hochzeitstorte - proportional zur Größe meines Anzugs der mir bis dahin nicht mehr passen dürfte.
Die organisatorischen Sachen: Liste mit Verwandten, die wir lieben, eine Liste mit Verwandten, die wir hassen; eine Liste mit ihren Lieblingsblumen, eine Liste mit meinen Lieblingsblumen - das war jetzt natürlich Quatsch! Von mir aus können auf den Tischen Plastikblumen stehen, aber versuchen Sie so einen Gedanken mal zu äußern… viel Spaß! Eine Liste für den Gastronomen, Eine Liste mit Sonderwünschen von Vegetariern an den Gastronomen - wer hat die eigentlich eingeladen? Menschen, die kein Fleisch essen, waren mir schon immer suspekt. Aber ich ihnen wahrscheinlich auch. Ich reihe sie kurz im Kopf ein - eine der wichtigsten Listen. Vegetarier stehen kurz hinter den Nichtrauchern und ein Stück weit hinter den Nichttrinkern. Auf der "Liste der Suspekten" stehen ja noch Veganer, Ökotussen, aber auch die normalen Hassfiguren - Politiker, hässliche Frauen im Fernsehen, dicke Menschen in Unterwäsche und ähnliches. Diese Liste wird je nach Laune beliebig geändert und verfeinert. Aber zurück zum Thema Nummer eins.
Eine Liste für die Geschenke, eine Liste für die Absagen - die werden addiert mit der Liste der Verwandten, die wir hassen und so weiter und so weiter ein endloser Kreislauf der Vorbereitung - dagegen erscheint die Vorbereitung für den Wahlkampf des US Präsidenten als ein lächerliches Laienspiel von Amateuren - der hat ja auch keine Probleme - seine Frau hat ihm bestimmt der Wahlkampfleiter empfohlen, ich hatte weder einen Wahlkampf noch einen Wahlkampfleiter und musste nun meiner First Lady noch erklären, dass ich noch keinen Urlaub beim Chef eingereicht hatte. Trotz allem war ich zuversichtlich, denn ich wusste, ich bin nicht allein - da draußen gibt es unzählige Menschen, die allen Widrigkeiten zum Trotz den schönsten Tag in ihrem Leben überlebt hatten und am nächsten Tag immer noch wussten, warum sie es getan haben - für die für sie beste First Lady der Welt.




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Eingereicht am 23. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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