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Das sanfte Fallbeil

Von S. Neugebauer


Ein ehrwürdiger Glanz strahlte schon immer über den uralten Mauern des wichtigsten Gebäudes zu Kleinkirchen. Alles, was in dieser Kleinstadt nach amtlichem Tun verlangte, wurde hinter diesen Türen erledigt. Da gab es notarielle Angelegenheiten, Geburts- und Sterbefälle, gerichtliche Streitigkeiten, Vermählungen und natürlich auch Verurteilungen, ja, sogar in Kleinkirchen.
Als die letzten Stimmen im Saal 213 allmählich verstummten, herrschte plötzlich tiefes Schweigen. Ein grauhaariger Mann in langem Gewand trat aus einer Nebentür in den Raum und am anderen Ende des Saales, schloss sich fast gleichzeitig die wuchtige Eichenholztür.
Nun stand Axel hier und blickte gefasst auf den Mann in der dunklen Robe, der sich wie ein Bollwerk vor ihm aufgebäumt hatte und mit seiner altmodischen Hornbrille Axel eine merkwürdige Autorität entgegenbrachte. Niemals hätte er sich das träumen lassen. Doch nach all den Jahren war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch ihn erwischen würde. Axel war kein ängstlicher Typ, solche Sachen lagen ihm fern. Er war mehr ein Draufgänger, ein schwarzgelockter, kräftiger junger Mann, dem die ganze Welt zu Füßen lag, wenigstens bis vor kurzem noch. Es kümmerte ihn einen Dreck was morgen war, darüber konnten sich andere Gedanken machen.
Aber jetzt? dachte Axel. Konzentriert sah er auf die dunkle Hornbrille, in deren Gläser sich manchmal das hereinfallende Tageslicht widerspiegelte. Er sah in dieses, mit schwachen Furchen durchzogene Gesicht jenes Mannes und er sah die blassen breiten Lippen, die unaufhörlich sich bewegten, als könnten sie niemals schweigen. Jedes einzelne dieser Worte durchbohrte Axel wie eine messerscharfe Pfeilspitze, und jedes mal wenn er versuchte seine Nervosität zu verstecken, gluckste es dumpf aus seinem Hals. Dabei konnte er nicht einmal behaupten, dass ihm ein einziger Satz wirklich haften geblieben wäre, obgleich er doch wusste, weshalb er heute hier stand.
Das war´s, dachte Axel wieder, aus und vorbei. Schuldig kam er sich vor. Schuldig weil er es getan hatte, gänzlich gegen seine Art. Er hatte es doch immer verstanden, sich rechtzeitig aus der Affäre zu ziehen, das Schwierige den anderen zu überlassen. Aber bei Christin? überlegte er. Mitgegangen, mitgefangen fiel ihm eine uralte Weisheit wieder ein. Zögernd, dann ruckartig, blickte er sie an.

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Ebenso gefasst stand Christin neben ihm und folgte den Worten. Das schnelle Auf- und Abschlagen ihrer Wimpern verriet ihm sofort, dass ihre scheinbare Gelassenheit nur gut gespielt war. Ja, dachte Axel, du kennst das Urteil. Wir beide kennen es.
Sonnenlicht blitzte durch die grauweißen Wolken des morgendlichen Himmels und fiel mit einem kräftigen Strahl durch großen, bogenförmigen Fenster des Saales. Dies erhellte Christins Gesicht noch einmal, so dass das zarte Rot ihrer Wangen beinah verblasste. Ihre Haut zeigte dabei eine unglaubliche Zartheit und mit jedem Atemzug den sie tat, erzitterte das Nass in ihren Augenwinkeln.
Und wieder fragte sich Axel, warum es passierte, weshalb ihn Christin nur soweit bringen konnte, auch wenn sie nun genauso dafür büßen musste. Es war ihm plötzlich klar, dass er nun ein Urteil zu erwarten hatte, welches den Rest seines jungen Lebens auf so dramatische Weise verändern würde. Jetzt, genau in diesem Augenblick erkannte er das, doch war es zu spät für irgendwelche Reue.
Alle waren heute hier. Der ganze Raum schwieg in friedvoller Andacht, selbst ein Naseschnäuzen aus der hintersten Reihe, konnte dies nicht beleben.
Schüchtern blickte Axel über seine Schulter.
Seine Mutter schien diese Angelegenheit am meisten zu ergreifen. Sie saß in der vorderen Reihe, gleich neben Christins Eltern und tupfte andauernd mit dem Taschentuch an ihren Augen. Der Rest der Leute wirkte allerdings eher gelassen, das sie ja wussten, dass der sonst so gewiefte Axel Beierlein, nun doch seine gerechte Strafe erfahren würde.
Gleich, dachte Axel. Nun sah er wieder den Grauhaarigen an, der noch immer redete.
Dann sah er zu Christin, die es anscheinend wohl kaum erwarten konnte, bis der letzte Satz verklungen war. Er sah auf seine schwarzglänzenden Lederschuhe, unter deren Sohlen ein weinroter Teppichboden sich ausbreitete, und er sah auf seine zitternden Hände, die fast leblos herab hingen.
Das Sonnenlicht verschwand wieder hinter den Wolken, der Grauhaarige hörte auf zu reden und sah Axel mit strengem Blick an. Er musste es wohl schon einmal gesagt haben, denn ein tiefes Schnaufen hatte dies verraten und noch einmal, wiederholte er die Worte: ,,Wollen Sie, Axel Beierlein, die hier anwesende Christin Fröse, lieben und ehren? In guten, wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet? So antworten Sie mit ja."




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Eingereicht am 02. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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